Nur auf Zwischenstation in Polen

Iwona Kmiec, Direktorin der Grundschule Nr 5 im os…
Foto: Jens Mattern Die beiden Direktorinnen der Grundschule Nr. 5 in Lukow über die rasant gestiegene Zahl von tschetschenischen Schülern: „In den unteren Klassen gibt es keine Probleme.“

Wie die Kleinstadt Lukow versucht, ihre tschetschenischen Flüchtlinge zu integrieren.

Misstrauisch und durchdringend schauen die fünf schwarzhaarigen Männer am Eingang den Fremden an, der das Gebäude mit dem alten Namen „Hotel Polonia“ betritt. Hier im ostpolnischen Lukow beherbergt das Flüchtlingsheim fast nur Tschetschenen. Ihre Zukunft ist ungewiss und die Vergangenheit lassen sie lieber im Unklaren.

Djana S. macht eine Ausnahme. Ihr Mann sei vor einem Jahr für Tage verschleppt und gefoltert worden. „Ich weiß nicht, wer sie waren, ob sie zur Regierung oder zu den Partisanen gehörten, sie sprachen Tschetschenisch und Russisch“, meint die Mittdreißigerin. Eine lange Narbe auf ihrer Stirn erinnert an den Überfall. Zurück in die autonome Republik Tschetschenien, die zu Russland gehört, könnten sie nicht mehr. Ihre Zukunft liege in Polen.

Zielpunkt Westeuropa

Polens Osten bildet die Schengengrenze und wird von einer wachsenden Zahl Tschetschenen überschritten, die mit russischem Pass einreisen. Von dort versuchen die meisten, in ein westeuropäisches Land zu kommen. Auch Djana, ihr Mann und ihre fünf Kinder waren ein Monat in Görlitz und mussten dann nach Polen zurück. Nach dem sogenannten Dublin-II-Abkommen – bei Ablehnung eines Asylantrags muss derjenige EU-Staat den Migranten aufnehmen, in dem dieser zuerst eingewandert ist.

„Mehr als die Hälfte unserer 300 Bewohner wurden schon einmal ausgewiesen, zumeist aus Deutschland, Österreich oder Skandinavien“, so Edyta Tymosz, leitende Sozialarbeiterin des Flüchtlingsheims. In Polen gibt es elf Flüchtlingsheime, in denen zu über 90 Prozent Tschetschenen wohnen und die mittlerweile alle belegt sind. Den anerkannten Status eines Flüchtlings erreichen in Polen nur etwa fünf Prozent der Antragsteller, es gibt jedoch eine Stufe der Duldung, die das Arbeiten erlaubt.

„Enttäuscht von den Deportationen wollten mehr als die Hälfte wieder zurück nach Tschetschenien, einige ziehen es vor, in Polen zu bleiben“, so Tymosz. Davon werden es anscheinend immer mehr.

Dabei gibt es in Polen Spannungen: Im Nordosten des Landes kommt es immer wieder zu Übergriffen von Rechtsextremisten gegen tschetschenische Migranten. Dass es in den Städten Lukow und Lublin noch nicht zu solchen Attacken gekommen ist, dafür sei der Menschenrechts-Verein „Für die Erde“ verantwortlich, so Ewa Kozdraj, die Vereinsvorsitzende. Die Organisation bietet Schulungen für Lehrer und Helfer, Sprachkurse an und initiiert polnisch-tschetschenische Kulturveranstaltungen, wofür sie EU-Gelder bekommt.

Auch für Zarina T., eine Tschetschenin, die die Kinder aus dem Kaukasus nach dem Unterricht betreut. „Viele bräuchten psychologische Betreuung“, meint die ausgebildete Erzieherin, der Krieg hinterlasse tiefe Spuren.

Noch mehr Schüler

Mittlerweile hat sich die Anzahl der tschetschenischen Schüler innerhalb eines halben Jahres verdoppelt. Von den 771 Kindern der Grundschule Nr. 5 kommen 105 aus dem Kaukasus. „Wenn sie in die unteren Klassen kommen, gibt es keine Probleme“, sagt die Vizedirektorin.

Am Nachmittag trifft sich Ewa Kozdraj dann mit dem Bürgermeister, der Schulleitung und Sozialarbeitern in einem Café. Die Stadt Lukow mit ihren 30.000 Einwohnern solle nun einen Schritt weiter gehen und in den Tschetschenen einen Mehrwert sehen. Die Stimmung ist aufgeschlossen, mit einer Prise Skepsis. „Ich habe den Eindruck, sie fordern vor allem“, meint die Chefin einer Berufsschule. Doch für Frau Kozdraj steht fest: „Es wird immer mehr Islam in Europa geben. Entweder bilden sich Gettos wie in Frankreich oder wir versuchen es anders.“

(kurier) Erstellt am
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