Politik | Ausland
09.03.2018

"Raketenmann" trifft "Geisteskranken"

Staatschefs Kim Jong-un und Trump wollen Kriegsbeil begraben, doch viele Zweifel am Gelingen.

Das vorläufige Ende der Kriegsrhetorik im Nordkorea-Konflikt ließ das Trump-Lager jubeln und sich auf die Schultern klopfen: Die von südkoreanischen Emissären überbrachte Einladung des "Raketenmanns" Kim Jong-un, wie US-Präsident Donald Trump einst den Potentaten in Pjöngjang nannte, sei eindeutige das Resultat von Wirtschaftssanktionen und der Androhung maximaler Gewalt ("totale Auslöschung"). "Die Strategie der Isolierung wirkt", so Vize-Präsident Mike Pence.

Kritiker des US-Staatschefs meinen hingegen, dass sich der in der internationalen Diplomatie unerfahrene Ex-Immobilien-Tycoon von dem jungen Diktator, 34, der den Chef im Weißen Haus im Vorjahr einen "geisteskranken Greis" hieß, instrumentalisieren lässt. "Mit seiner Einladung demonstriert Kim, dass seine Investitionen in Atom-und Raketentechnologie die USA dazu gezwungen haben, mit ihm auf Augenhöhe zu verhandeln,", sagte ein demokratischer Kongressabgeordneter aus Kalifornien zum KURIER.

Kims Kehrtwende Selbst republikanische Parlamentarier zeigten sich irritiert darüber, dass Trump offenbar bereit sei, Kims Aussagen "zum Nennwert zu nehmen". Der nordkoreanische Regierungschef hatte überraschend seine Bereitschaft angekündigt, nicht nur über ein Einfrieren des Atomprogramms sprechen zu wollen. Sondern über die Aufgabe sämtlicher nuklearen Ambitionen. Eine 180-Grad-Kehrtwende, an die in Washington kaum jemand glaubt.

Weil die Erwartungshaltungen der beiden Politiker gegensätzlich und ihre Persönlichkeit von egomanischen Zügen nicht frei sei, könne "ein frühes Entgleisen der Auftaktverhandlungen", für die bisher weder Zeit noch Ort feststehen, nicht ausgeschlossen werden, befürchten Experten der Georgetown-Universität.

Donald Trump werde gemäß seiner bisherigen Linie auf zügige, vollständige und nicht mehr revidierbare Aufgabe sämtlicher nuklearen Aktivitäten pochen. Kim dagegen strebe etwas völlig Anderes an: Eine deutliche Lockerung der Sanktionen, die Nordkoreas Wirtschaft zuletzt immer stärker stranguliert haben, die Legitimierung seines Atomprogramms, eine Beendigung der US-Feindseligkeiten und langfristig den Abzug der US-Truppen aus Südkorea.

Tiefe Skepsis

"Mitnichten", sagt der Asien-Kenner Robert Einhorn, "hat er (Kim) die Absicht, seine Atomwaffen aufzugeben". Der unter US-Präsident Bill Clinton an Nordkorea-Verhandlungen beteiligt gewesene Ex-Diplomat gehört zu einer Reihe von Experten in Washingtoner Denkfabriken, die mit Verweis auf die Geschichte Zweifel an der Lauterkeit der Erklärungen aus Pjöngjang hegen und von einem überhasteten Gipfeltreffen abraten.

1994 wollte Nordkorea sein Plutonium-Waffen-Programm einfrieren, wurde aber später bei der Anreicherung von Uran erwischt. 2005 bekannte sich Pjöngjang zur Denuklearisierung, nur um ein Jahr danach die erste Atomwaffe zu testen. Dass der außenpolitisch nach Erfolgen suchende Trump Kim Jong-un durch die bisher bedingungslose Einwilligung zu einem Treffen einen Vertrauensvorschuss gibt, sei "bedenklich", sagt Evan Medeiros, Asien-Berater von Ex-Präsident Barack Obama. "Wir kriegen nichts dafür."

Zumal die Zeit zur Vorbereitung bis Mai viel zu knapp sei und weder im Weißen Haus noch im personell ausgedünnten Außenministerium erfahrene Beamte zur Verfügung stünden. Amerika hat keinen Botschafter in Südkorea. Der dafür vorgesehene Experte Victor Cha zog sich aus Protest gegen Gedankenspiele zurück, die einen militärischen Erstschlag der USA gegen Nordkorea vorsahen. Der bisherige Sondergesandte Joseph Yun, einer der klügsten Nordkorea-Experten in den USA, ist vor kurzem in den Ruhestand getreten. "Es fehlen schlichtweg die Leute, die das Kleingedruckte ausverhandeln, auf das es bei einem Abrüstungsvertrag ankommt", hieß es im US-Fernsehen. Dort wurden auch Zweifel laut, ob Trump die nötige Ausdauer und Nervenstärke mitbringe, um das Ziel zu erreichen.

Trumps Kehrtwende

Noch vor einem halben Jahr hatte Trump gesagt, dass Amerika seit 25 Jahren mit Nordkorea ergebnislos in Gesprächen stecke. "Reden ist nicht die Lösung", konstatierte er damals. Später wurde er konkreter: "Reine Zeitverschwendung."

Aus Washington, Dirk Hautkapp

"Sofortiger Friedensschluss ist nicht realistisch"

Die Wende im USA-Nordkorea-Konflikt hat auch den renommierten Experten Rüdiger Frank überrascht. Der KURIER sprach mit ihm über...

...die diplomatischen Fähigkeiten Donald Trumps

Unter ihm sind beide Extreme möglich, wie man in letzter Zeit gesehen hat – in diesem Fall geht es ins Positive. Ich habe schon früher gesagt, dass man ihm einen Krieg mit Nordkorea zutrauen kann. Oder auch einen Friedensschluss.

...den überraschenden Richtungswechsel PjöngjangsDas ist für mich kein Richtungswechsel, Angebote zu Friedensgesprächen gab es schon sehr oft. Nordkorea hat schon immer gesagt, dass es bereit sei, sein Arsenal abzubauen. Allerdings halte ich einen sofortigen Friedensschluss für nicht annähernd realistisch.

... die Rolle der Sanktionen bei der Annäherung

Sie waren sicherlich schmerzhaft für die nordkoreanische Wirtschaft, aber nicht ausschlaggebend für das Angebot Kims. Allerdings wurde das Trump mit Sicherheit so verkauft. Dadurch, dass er sich geehrt fühlt, wenn er hört, dass seine Sanktionen der Grund für das Gesprächsangebot waren, dürfte er deutlich milder gestimmt sein.

... die Optionen Nordkoreas

Zuerst wird Kim Jong-un verlangen, Nordkorea als Atommacht anzuerkennen. Erst dann könnte das Atomwaffenarsenal abgebaut werden. Außerdem wird ein Friedensvertrag des Korea-Krieges nötig sein, dabei wird Pjöngjang saftige Reparationszahlungen verlangen. Ebenso müssten die Sanktionen der UNO und der USA gestrichen werden.

... die Rolle Südkoreas

Es war brillant von Präsident Moon, die Initiative zu ergreifen und zwischen den USA und Nordkorea zu vermitteln.