Ulrike Meinhof bei ihrer Festnahme

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RAF
05/09/2016

Von der Journalistin zur Terroristin

Vor 40 Jahren erhängte sich Ulrike Meinhof in ihrer Zelle. Wie die prominente Journalistin zur Terroristin wurde.

Mit einem Sprung aus dem Fenster endet Ulrike Meinhofs Karriere als Journalistin. Eine neue beginnt: als Terroristin und Mitgründerin der Roten Armee Fraktion (RAF). Was die Studentenbewegung der 68er auf friedlichem Wege nicht erreichen konnten, wollten sie und ihre Mitstreitern mit militärischen Mitteln schaffen: den Vietnamkrieg beenden, die "Klassenjustiz" attackieren und den Springer-Konzern zerschlagen, erklärt der deutsche Politologe und Chronist der 68er-Bewegung, Wolfgang Kraushaar vom Hamburger Institut für Sozialforschung. Meinhof gehörte zu den meistgesuchten Kriminellen der BRD. Heute vor 40 Jahren erhängte sie sich in ihrer Zelle in Stuttgart.

Prominente Publizistin, bekannt für Reportagen über Heimkinder, NS-Prozesse, Industriearbeiterinnen, gern gesehener Gast in Fernsehdiskussionen und Mutter zweier Kinder. Als die 36-Jährige im Mai 1970 ins Deutsche Zentralinstitut für Soziale Fragen kommt, um mit dem inhaftierten Andreas Baader, für ein Buch zu recherchieren, schöpft niemand Verdacht. Dann passiert es. Maskierte stürmen das Haus. Baader und Meinhof springen aus dem Fenster, laufen zum Fluchtauto.

Zweifel, weil ihre journalistische Arbeit politisch nichts veränderte, wurden oft als Mitgrund ihrer Radikalisierung angeführt. Das alleine war es nicht. Um zu erklären, bedarf es eines Blickes weiter zurück. Als junge Frau erlebt Ulrike Meinhof mit, wie NSDAP-Mitglieder nach dem Krieg unbehelligt Karriere machen. Wie etwa ihre Ziehmutter, eine Geschichtsprofessorin, bei der sie und ihre Schwester aufwachsen. Für Politologen Kraushaar verkörpert Meinhof das Misstrauen gegenüber der deutschen Nachkriegsordnung: "Sie lehnte die Bundesrepublik wegen der höchst unzureichenden Aufklärung der NS-Verbrechen und dem Fortwirken ehemaliger Nazis in der Politik, in Ämter und Behörden fundamental ab. Verschärft hat sich ihr Misstrauen, als mit den USA die bundesdeutsche Schutzmacht ab 1965 einen offenen Krieg gegen Nordvietnam zu führen begann."

KPD-Mitglied

Während ihrer Studienzeit engagiert sie sich gegen die atomare Bewaffnung der Bundeswehr. Ab 1961 schreibt sie für die westdeutsche Zeitschrift konkret, die aber aus dem Osten von der SED (Sozialistische Einheitspartei Deutschlands) finanziert wird, "um das politische Bewusstsein der kritischen Studenten im Sinne der SED zu beeinflussen." Meinhof war seit Ende der Fünfzigerjahre Mitglied der illegalen KPD "und verstand sich über die DDR als Teil der internationalen kommunistischen Bewegung." Sie heiratet den konkret-Herausgeber Klaus Rainer Röhl. Die Journalistin lebt zwischen Hamburger Backsteinvilla und Studentenwohnung: freundet sich mit Studentenführer Rudi Dutschke an, besucht Partys auf Sylt. Bekannt wird die Kolumnistin durch einen offenen Brief an Farah Diba, Frau des Schahs von Persien, die sie auf das Elend in ihrem Land hinweist. Eine Reaktion auf einen geschönten Artikel, den die Herrscherin für die Illustrierte Neue Revue schrieb. Beim Besuch des Kaiserpaars in West-Berlin protestieren 1967 Tausende Studenten. Darunter auch die Pastorentochter und Studentin Gudrun Ensslin. Sie zündet später mit ihrem Freund Andreas Baader, einem Kleinkriminellen und Berliner Szene-Dandy, Brandsätze in Kaufhäusern. Was Studenten zuvor drohten, setzen sie in die Tat um. Genauso wie sie 1972 in ihrer "Mai-Offensive" Bomben- und Sprengstoffanschlägen gegen das US-Militär, die Justiz und den Axel-Springer-Verlag verüben. Ulrike Meinhof, die über den Brandstifter-Prozess berichtete und Ensslin und Baader kennenlernt, ist bereits Mittäterin. Über ihre Rolle innerhalb der RAF, die sich als Absplitterung der Studentenbewegung bezeichnen lässt, gibt es verschiedene Darstellungen: Für Meinhof-Biografen sind Baader und Ensslin die dominanten Köpfe, die ihr oft Schwäche vorwerfen. Vor allem dann, wenn sie von Schuldgefühlen gegenüber ihren Kindern erzählt. Während sie im palästinensichen Camp zur Terroristin ausgebildet wird, lässt sie ihre beiden Mädchen von einer Freundin nach Sizilien bringen - weg vom Vater, ihrem Ex-Mann Klaus Rainer Röhl. Sie sollten in ein palästinensisches Waisenhaus kommen - diese Aktion wurde vereitelt. Ihre Töchter können ihr bis heute nicht verzeihen. In Interviews wirft Bettina Röhl ihrer Mutter Herzlosigkeit vor.

Für den Politologen ist Meinhof das moralische Kapital der RAF: Sie schreibt das Stadtguerilla-Konzept, schickt Botschaften an Medien, wie: "Natürlich kann geschossen werden." Linke Aktivisten sehen in der RAF die konsequente Fortsetzung ihrer Absichten. Viele schließen sich an. "Ohne Meinhof wäre die Anhängerschaft nicht einmal halb so umfangreich gewesen", sagt Kraushaar. Zu den Sympathisanten gehören anfangs auch Schriftsteller oder Lyriker wie Erich Fried. Die Idealisierung überlagert Meinhofs Bekenntnisse: "Sie war nicht nur eine Gegnerin der parlamentarischen Demokratie, die die Verfassung und den Rechtsstaat ablehnte, sondern auch Anhängerin des palästinensischen Terrorismus." Ideologisch habe sie sich aus Sicht des Politologen weit verirrt: "Sie feierte den Überfall des Schwarzen Septembers auf die israelische Olympiamannschaft 1972 in München als 'modellhafte antiimperialistische Aktion'." 1972 werden Meinhof und die anderen verhaftet. Sie verbringt drei von vier Jahren in Isolationshaft. Damals sagt sie Sätze wie: "Selbstmord ist der letzte Akt der Rebellion."

Warum sie sich letztlich das Leben nahm, ist bis heute nicht vollständig erklärt. Es gibt viele Thesen. Eine davon lautet: Gudrun Ensslin habe sie in den Tod getrieben. Wolfgang Kraushaar erläutert: Kurz vor dem Prozess in Stammheim gab es einen Eklat zwischen den beiden Wortführerinnen. Ensslin kritisierte den Bombenanschlag vom Mai 1972 auf das Springer-Hochhaus in Hamburg in ungewöhnlicher Schärfe. Jedem, der sich damit etwas besser auskannte, war klar, dass sie damit Meinhof treffen wollte. Denn sie war es, die das Anschlagsziel ausgesucht und die Tatausführung vermutlich auch selbst organisiert hatte. Allerdings wurden dabei weder der verhasste Axel Springer noch einer seiner Journalisten getroffen, sondern ausschließlich Lohnabhängige seines Unternehmens. Für Kraushaar steht fest: "Der Anschlag war kontraproduktiv, weil die Opfer Arbeiter und Angestellte waren und damit die eigentliche Zielgruppe, die die RAF in ihrer Vermessenheit ja für die Revolution hatte gewinnen wollen."

Nach dem Vorfall im Stammheimer Gerichtssaal ist Meinhof dort nicht mehr aufgetaucht, sondern hat sich in der Nacht vom 8. zum 9. Mai erhängt. Übrigens auch jener Tag, an dem sich die Kapitulation der Deutschen Wehrmacht jährte.