Politik | Ausland
01.03.2018

Neue Atomwaffen: Putin rüstet im Wahlkampf-Finish auf

Russlands Staatspräsident Wladimir Putin stellte am Donnerstag eine Reihe neuer Atomwaffen-Systeme vor - als Reaktion auf US-Aufrüstungspläne. Die Glaubwürdigkeit seiner Angaben wird jedoch angezweifelt.

Als Signal der Stärke hat Russlands Staatschef Wladimir Putin zwei Wochen vor der Präsidentenwahl eine Serie neuer Atomwaffen präsentiert. "Wir bedrohen niemanden, wir wollen niemanden angreifen", sagte der 65-jährige, der am 18. März einer ungefährdeten Wiederwahl entgegensieht. Doch die USA wollten sich durch ihre Raketenabwehr unverwundbar machen und Russland strategisch in Nachteil bringen.

Bei seiner Rede an die Nation in Moskau nannte Putin unter anderem die schwere Interkontinentalrakete "Sarmat", die Hyperschallrakete "Kinschal" (Dolch), einen atomgetriebenen Marschflugkörper und einen neuartigen Torpedo. Putin setzte bei der Rede Videos ein und zeigte Raketentests und bewegte Grafiken von Waffensystemen, die angeblich jede Abwehr überwinden können. "Mittel, die sie aufhalten können, existieren derzeit einfach nicht in der Welt", sagte er am Donnerstag. Die Hyperschallrakete ist nach seiner Aussage seit Dezember 2017 im Süden Russlands im Probebetrieb. Auch der Marschflugkörper sei Ende 2017 bereits getestet worden.

Putins Präsentation militärischer Macht richtet sich vor allem an das heimische Publikum. Die versammelte russische Elite aus Regierung, Parlament, Justiz, Wirtschaft und Kultur applaudierte der Rede. Putin sandte jedoch auch den USA ein Signal, zu denen die Beziehungen so gespannt sind wie seit Jahrzehnten nicht mehr. Die russischen Hoffnungen auf ein besseres Verhältnis unter Präsident Donald Trump haben sich nicht erfüllt. Das System der nuklearen Rüstungskontrolle ist bedroht, wofür sich die Seiten gegenseitig verantwortlich machen.

Raketenforscher: "Unglaubwürdig" und "Hirngespinst"

Der deutsche Raketenexperte Robert Schmucker hält die Atomwaffenpläne Putins für völlig unglaubwürdig. Russland werde auf Dauer keine atomgetriebenen Marschflugkörper entwickeln können, sagte der Professor für Raumfahrttechnik an der TU München der Deutschen Presse-Agentur am Donnerstag. „Das Ding wird zu schwer. Ich kann mir nicht vorstellen, dass die einen kleinen fliegenden Kernreaktor machen können.“

Die Forschung habe die Frage bereits vor Jahrzehnten untersucht, sagte Schmucker. Der Vorteil atomgetriebener Marschflugkörper wäre die lange Betriebszeit. Die Idee dahinter: Ein Reaktor an der Rakete produziert so viel Energie, dass der Marschflugkörper mit sehr hoher Geschwindigkeit sehr lange feindliches Radar unterfliegen und jedes Ziel auf der Welt erreichen kann. Eine Abwehr wäre deshalb schwierig. „Die könnten tagelang fliegen“, sagte Schmucker. Aber in den 1960er-Jahren sei auch die Idee nukleargetriebener Autos aufgekommen.

Schmucker hält Putins Pläne für politisches Kraftmessen. Auch die Ankündigung einer Hyperschallwaffe sei ein Hirngespinst, sagte Schmucker. Immer wieder gebe es Berichte, wonach Russland und China auf dem Gebiet große Fortschritte machten. Diese seien aber nicht glaubwürdig.

„Hyperschall ist die Lücke“, sagt Schmucker. „Das ist eines der Fleckchen, wo wir noch keine Waffen haben.“ Die enormen Geschwindigkeiten führen zu einer extremen Belastung des Materials. Außerdem wären Tests unglaublich teuer. Hyperschallgeschwindigkeit bezeichnet die mindestens fünffache Schallgeschwindigkeit.

US-Atomwaffendoktrin

Die USA hatten im Februar eine neue Atomwaffendoktrin vorgestellt und dabei ausdrücklich auf die Entwicklungen in Russland hingewiesen. Die Regierung in Moskau hatte daraufhin Konsequenzen angedroht.

Durch Aufrüstung und Wirtschaftssanktionen habe Washington in den vergangenen 15 Jahren versucht, sich einen Vorteil gegenüber Russland zu verschaffen, sagte Putin. "Aber es ist nicht gelungen, Russland einzudämmen", betonte Putin am Donnerstag. Die Stärkung des russischen Militärs solle den Weltfrieden sichern. Die neuen Systeme machten die Aufrüstung der NATO an der Grenze seines Landes und US-Raketenabwehrsysteme nutzlos, sagte Putin. Er warnte, dass ein Atomangriff gegen einen russischen Verbündeten wie ein Angriff auf Russland selbst behandelt werden würde: "Die Antwort würde sofort erfolgen."

Einige der neuen Waffen seien bereits in Dienst, andere würden noch erprobt, sagte Putin. Er bestätigte erstmals offen die Existenz der Interkontinentalrakete RS-28 "Sarmat" (NATO-Code: SS-X-30 Satan 2), die 200 Tonnen schwer sein soll und 10 bis 24 Sprengköpfe tragen kann. Sie sei im Dezember 2017 erstmals getestet worden, sagte Putin.

Russlands Finanzminister Anton Siluanow sagte der Nachrichtenagentur Tass zufolge, eine Erhöhung der Verteidigungsausgaben sei nicht geplant. Industrieminister Denis Manturow verwies darauf, die von Putin vorgestellten Waffensysteme seien bereits im Militärprogramm für die Zeit bis 2027 enthalten, das im vergangenen Jahr verabschiedet worden war.

Die USA hatten Anfang Februar eine neue Atomstrategie bekanntgegeben. Diese war von Russland, aber auch China und Deutschland kritisiert worden. Das US-Verteidigungsministerium will demnach kleinere Atomwaffen mit geringerer Sprengkraft entwickeln, um flexibler auf Angriffe reagieren zu können. In einem Papier wurde darauf verwiesen, dass Russland eine größere Zahl und Vielfalt von Atomwaffen als die USA besitze. Die Regierung in Moskau glaube, dass ein begrenzter atomarer Erstschlag dem Land in Krisen oder kleineren Kriegen einen Vorteil bringen könne. Die USA werfen Russland zudem seit 2014 vor, den INF-Atomwaffenvertrag mit der Entwicklung eines neuen, bodengestützten Marschflugkörpers gebrochen zu haben.

Als klein gelten heute Atomwaffen mit einer Sprengkraft von weniger als 20 Kilotonnen. Darunter fällt auch die Atombombe, die die USA 1945 über Hiroshima einsetzten. Durch die Explosion und die Spätfolgen der Strahlung wurden Schätzungen zufolge mehr als 100.000 Menschen getötet.

Läuft ein neues Wettrüsten?

Atomraketen, Unterwasserdrohnen und Hyperschallwaffen: Russlands Präsident Putin nutzt eine Rede an die Nation für eine Demonstration der Stärke. Damit macht Putin die Sicherheit zu seinem zentralen Wahlthema. Läuft ein neues Wettrüsten?

Zwei Wochen vor seiner erwarteten Wiederwahl lässt Russlands Präsident Wladimir Putin die Muskeln spielen. Er präsentiert der staunenden Welt neue atomare Wunderwaffen. Die Botschaft richtet sich an das eigene Wahlvolk - und die USA.

Nuklear bestückbare Interkontinentalraketen mit unbegrenzter Reichweite sind nur ein Beispiele aus einem ganzen Arsenal, das Putin vor der versammelten Elite Russlands präsentiert. „Das ist eine zuverlässige Garantie für den Frieden auf unserem Planeten“, sagt er. „Russland hat eine moderne Hightech-Armee gegründet.“ Doch er beteuert: „Russland gefährdet niemanden.“

Putins militärische Machtdemonstration kommt überraschend. Mehr als eine Stunde hatte er zuvor seine Marschroute für die Sozial- und Wirtschaftspolitik der kommenden Jahre vorgestellt, bei sporadischem Applaus. Doch als viele das Ende der Rede schon nahe wähnten, packte Putin die atomare Keule aus. Die bizarre Show mit bunten Clips und Computeranimationen von um die Erde fliegenden Geschossen brachte manchen Würdenträger unter den mehr als 1000 Zuhörern zum Staunen.

Die nuklearen Muskelspiele kamen bei Moskaus Politprominenz gut an. Putin habe gezeigt, dass Russland noch immer stark sei, sagte der Außenpolitiker Alexej Puschkow. Doch Experten sind alarmiert: „Die Hälfte seiner Jahresansprache für eine animierte Beschreibung neuer Waffenfähigkeiten zu nutzen, ist ein Indikator, wie nah die USA und Russland einem militärischen Zusammenstoß gekommen sind“, kommentierte der Experte Dmitri Trenin. Er wertete Putins Rede klar als Botschaft der Abschreckung an die USA. „Auf absehbare Zukunft sieht es aus, als sei die US-russische Agenda auf ein Thema beschränkt: Kriegsprävention. Viel Glück uns allen!“, schrieb der Politologe bei Twitter.

Das Verhältnis zwischen Russland und den USA ist seit Jahren schlecht wie nie seit dem Ende des Kalten Krieges. Die USA haben mit der vermuteten russischen Einmischung in ihre Präsidentenwahl viel auszusetzen an Moskaus Politik. Aber auch Putin hält dem Westen „unfreundliche Schritte“ vor. Den Aufbau einer US-Raketenabwehr an Russlands Grenzen, die Ausdehnung der Nato bis an Russland heran und Sanktionen gegen Russen und russische Unternehmen nennt er. Hinzu kommt, dass zuletzt der Streit über atomare Abrüstungsverträge immer wieder neuen Spin bekommen hat. Durch Russlands neue Waffen würden alle Aktionen des Westens sinnlos, meint Putin.

Droht ein neues Wettrüsten? Oder läuft es längst? Was steckt hinter Putins multimedialer Waffenschau? Technisch schwankte das, was er präsentierte, zwischen machbar und Wunderwaffe auf James-Bond-Niveau:

Interkontinentalrakete RS-28 „Sarmat“: Der Bau der bislang größten russischen Atomrakete mit dem Nato-Code SS-X-30 Satan 2 war bekannt, wurde aber von Putin nun bestätigt. „Das ist eine bedrohliche Waffe. Sie ist so gebaut, dass keine Raketenabwehr, auch keine künftige, für sie ein Hindernis darstellt“, sagte er. Sie kann angeblich 10 schwere oder 15 leichtere Atomsprengköpfe oder bis zu 24 Hyperschallgranaten tragen. Mit unbeschränkter Reichweite könne sie über Nord- wie Südpol angreifen. Erster Test sei im Dezember 2017 gewesen.

Atomgetriebener Marschflugkörper: Hier melden Fachleute die größten Bedenken an. Die USA arbeiteten 1957-64 im Programm Pluto erfolglos an einem solchen Geschoss. Allerdings ist Atomantrieb auch immer wieder für kosmische Reisen im Gespräch, um große Entfernungen wie zum Mars schneller zu überwinden. Putin sagte, der noch namenlose Flugkörper sei Ende 2017 erstmals geflogen.

Hyperschallrakete „Kinschal“ (Dolch): Die Waffe wird von einem Flugzeug abgefeuert, über sie ist bislang wenig bekannt. Putin sagte, sie fliege mit zehnfacher Schallgeschwindigkeit, sei aber lenkbar. Ein Prototyp werde seit 2017 im Süden Russlands getestet.

Unbemanntes Atom-U-Boot: Dieses ferngelenkte unbemannte U-Boot soll in großer Tiefe die Meere durchqueren und an unerwarteten Stellen auftauchen. Der Atomreaktor sei nur ein Hundertstel so groß wie bei anderen U-Booten, sagte Putin.

Putins Atom-Coup richtet sich nicht nur an den Westen. Seinem Volk signalisiert er vor der Wahl am 18. März: „Bei mir ist Russland sicher.“ Putin mahnt: „Bald entscheidet sich das Schicksal unseres Landes.“ Egal wie die Russen am Wahltag entscheiden würden, es sei wichtig, dass das Land sich den wichtigsten Prioritäten widme. Die Lebensqualität steigern, Krankenhäuser ausbauen, in Bildung und schnelles Internet investieren - Putin nennt viele Ziele.

Mehrmals greift der 65-Jährige mitten im Satz zum Wasserglas, schnäuzt sich, hustet. Eine Erkältung plagt ihn schon seit einiger Zeit. Doch die Videoclips der neuen Raketen überstrahlen jeden Eindruck von Schwäche. „Ich hoffe, dass alles, was heute gesagt wurde, jeden möglichen Aggressor abschreckt.“ Was aber vor allem im Westen ankommen dürfte, sind die Wort eines Kalten Kriegers.