Politik | Ausland
15.06.2017

Putin bietet Ex-FBI-Chef Comey Asyl in Russland an

Bei der Bürgersprechstunde "Direkter Draht" verkündete Putin auch das Ende der Wirtschaftskrise in seinem Land. Neun Monate vor der Präsidentenwahl 2018 inszeniert sich der Kremlchef als Helfer in der Not.

Einmal im Jahr stellt sich Wladimir Putin den Fragen seiner Bürger. Live und publikumsnah, groß inszeniert in einer TV-Sendung namens "Direkter Draht". Rund zwei Millionen Fragen erreichten die Macher per Hotline oder über eine Website im Vorfeld. Putin musste sich also Zeit nehmen, um auch nur einige davon zu beantworten. Sein bisheriger Rekord waren vier Stunden und vierzig Minuten im Jahr 2008.

Und da erfuhren die Russen heute, dass ihr Präsident die Sanktionen gegen den Westen aufheben will, wenn zuvor die Strafmaßnahmen gegen Russland fallen. Die EU und die USA hatten das Land wegen des russischen Vorgehens im Ukraine-Konflikt mit Strafmaßnahmen belegt. Daraufhin verhängte auch Russland Importverbote für Milchprodukte, Obst und Gemüse aus der EU.

"Mussten unsere Köpfe anstrengen"

Die Sanktionen hätten auch einen positiven Effekt, sagte Putin. "Wir mussten unsere Köpfe anstrengen, Talente aktivieren und uns auf Ressourcen in Schlüsselbereichen konzentrieren."

Der niedrige Gas- und Ölpreis habe mehr Auswirkungen auf die russische Wirtschaft als die Sanktionen, die seit 2014 wegen der Ukraine-Krise in Kraft sind, sagte Putin. Die niedrigen Preise für die wichtigsten Industrieerzeugnisse wie Metall- und Chemieprodukte hätten die russische Wirtschaft stärker geschwächt als die Sanktionen. "Haben die Sanktionen uns beeinflusst? Ja", sagte Putin. "Aber auch dramatisch? Das glaube ich nicht."

Außerdem sei die ökonomische Krise vorbei. "Was zeigen uns die objektiven Daten? Sie zeigen, dass die Rezession der russischen Wirtschaft hinter uns liegt." Sie wachse wieder. Wären die Sanktionen nicht mit der Krim begründet gewesen, hätten die USA einen anderen Vorwand gefunden.

Und die USA? Hier hofft Putin auf eine Verbesserung der gespannten Beziehungen. "Wir sehen die USA nicht als Feind", sagte er am Donnerstag.

Ohne eine konstruktive Zusammenarbeit mit Washington sei etwa im Syrien-Konflikt keine Lösung zu finden. Russland und die USA könnten auch im Bereich der Rüstungskontrolle kooperieren, sagte Putin. Russland sei bereit zu einem konstruktiven Dialog, dies hänge aber nicht nur an der Regierung in Moskau.

Asyl für Ex-FBI-Chef Comey

Bei der Gelegenheit bot er Ex-FBI-Chef James Comey übrigens auch gleich Asyl in Russland ang. Comeys Verhalten in der Russland-Affäre unterscheide sich nicht von dem des geflüchteten Whistleblowers Edward Snowden, sagte Putin am Donnerstag bei seiner traditionellen Bürgersprechstunde "Direkter Draht" in Moskau: "In diesem Fall ist er nicht Chef des FBI, sondern er ist ein Verteidiger der Menschenrechte".

Comey musste vergangene Woche vor dem US-Senat aussagen. Geheimdienstberichten zufolge hat Moskau aktiv versucht, die Präsidentenwahl 2016 zugunsten von Donald Trump zu beeinflussen. Comey wurde von Trump entlassen, nachdem er mögliche Kontakte zu russischen Regierungsstellen untersucht hatte.

Snowden lebt nach einer spektakulären Flucht in Russland. Er hatte 2013 die Überwachungspraktiken des US-Geheimdienstes NSA öffentlich gemacht.

Kritik an zunehmender Russlandfeindlichkeit in USA

Zugleich kritisierte Putin in der mehrstündigen TV-Show eine zunehmende Russlandfeindlichkeit. Dies sei ein Resultat des innenpolitischen Kampfes in den USA, meinte er.

Washington und Moskau sehen das bilaterale Verhältnis auf einem Tiefpunkt. Neben den Konflikten in der Ukraine und in Syrien belasten vor allem Vorwürfe der russischen Einmischung in den US-Wahlkampf die Stimmung. Mit Spannung wird ein mögliches Treffen Putins mit US-Präsident Donald Trump beim G-20-Gipfel im Juli in Hamburg erwartet.

Großväterchen Putin

Einen kleinen Einblick gewährte Putin am Donnerstag auch in sein Privatleben. Er sei vor kurzem zum zweiten Mal Großvater geworden, sagte Putin. Details zu dem Familiennachwuchs wolle er aber nicht verraten. "Wenn ich jetzt ihre Namen, ihr Alter sage, dann werden sie sofort identifiziert", sagte der 64-jährige Staatschef. Er wolle, dass seine Enkel ein normales Leben führen können. Nur so viel gab er bekannt: Ein Sprössling gehe schon in den Kindergarten, ein weiteres Enkelkind liege in den Windeln.

Putin hat zwei erwachsene Töchter mit seiner Ex-Frau Ljudmila. Seit 2014 geht das Paar getrennte Wege. Sie waren mehr als 30 Jahre verheiratet.

Die Frage nach seiner Kandidatur scheint so klar zu sein, dass sie erst als letzte fällt in der vierstündigen Sendung. Doch Putin - schwarzer Anzug, violette Krawatte - grinst nur und weicht aus.