Richard David Precht, Philosoph und Bestseller-Autor von "Wer bin ich - und wenn ja, wie viele?"

© dapd/Paul Zinken

Interview
07/12/2015

Precht: "Hätte mir mehr Marxismus gewünscht"

Der deutsche Philosoph Richard David Precht über den Grexit und die Zukunft der EU

von Ida Metzger

KURIER: Herr Precht, der griechische Dramatiker Sophokles meinte: „Die schmerzlichsten von allen Qualen sind solche, die man sich selber schuf.“ Hätten sich die Griechen diesen Satz in den letzten Monaten öfters in Erinnerung rufen sollen?

Richard David Precht: Ich würde eher sagen: Die anderen europäischen Ländern haben die Griechen geradezu eingeladen, weit über ihre Verhältnisse zu leben. Das ist dankend von mehreren griechischen Regierungen angenommen wurden. Mit der Folge, dass jene Probleme entstanden sind, die wir heute haben.

Die Aufnahme in die Eurozone war ja keine Einladung, sondern die Griechen täuschten Europa mit gezinkten Haushaltszahlen...

Die EU-Länder wollten das damals gar nicht so genau wissen. Es gab zwei wichtige Gründe, warum Griechenland in die Euro-Zone aufgenommen wurde: Man wollte das Land mit den größten militärischen Pro- Kopf-Ausgaben in der EU weiter hochrüsten, weil Griechenland für die NATO eine wichtige geostrategische Lage hat. Der zweite Punkt: Gerade weil die griechische Wirtschaft nicht konkurrenzfähig war, war es der ideale Exportmarkt für die deutsche Wirtschaft. Deutschland hat jahrelang wunderbar an Griechenland verdient. Wir lieferten Waffen, Autos und Lebensmittel. Die Griechen hingegen hatten nichts, was sie an uns verkaufen konnten.

Ex-Finanzminister Yanis Varoufakis meinte: „Das Nein der Griechen ist ein majestätisches Ja zu mehr Demokratie in Europa.“ Steckt da angesichts der harten Sparpolitik ein Quäntchen Wahrheit hinter diesem Satz?

Der Satz ist sehr pathetisch. Varoufakis meinte wahrscheinlich, dass Europa aus einigen sehr starken und sehr schwachen Mitgliedern besteht. Wenn die EU künftig überleben will, dann sollte sich auch als Solidar- und nicht nur als Wirtschaftsgemeinschaft sehen. Die Eurozone muss sich grundsätzlich überlegen, ob nicht ein ähnliches System wie beim deutschen Länderfinanzausgleich sinnvoll wäre, wo die starken den schwachen Ländern regelmäßig helfen, ihre Defizite auszugleichen.

Schafft ein solches System nicht eine Kluft zwischen dem fleißigen Norden und den Club Med-Ländern in Südeuropa?

Wir sollten berücksichtigen, dass die volkswirtschaftliche Leistung nicht die gleiche sein kann, wenn es drei bis vier Monate im Jahr über 30 Grad heiß wird. Klar, es gibt in Griechenland Schlendrian, Korruption, Vetternwirtschaft und Steuerhinterziehung in großem Stil, die zum schlechten Image des Landes beigetragen haben. Aber das heißt nicht, dass alle Reformen, die wir von Griechenland verlangen, sinnvoll sind. Ja, die Beamten müssen nicht überzogene Jahresgehälter kassieren. Aber die Kürzungen der Pensionen etwa, sind die drastischsten, die es bis jetzt in Europa gab. Damit verlieren Millionen Menschen ihre Kaufkraft. Wir können kein Interesse daran haben, dass Griechenland zusammenbricht.

Kann sich Europa einen Grexit leisten?

Europa kann sich einen Grexit leisten, aber Griechenland nicht. In den letzten Wochen werden auf einmal die Folgen eines Grexit heruntergespielt. Was passiert denn, wenn die Drachme wieder eingeführt wird? Da werden uns immer positive Beispiele von sinkenden Immobilien-oder Lebensmittelpreisen genannt. Aber keiner denkt daran, was passiert, wenn Menschen, die einmal ordentlich Geld in der Tasche hatten, von einem Tag auf den anderen nichts mehr im Portemonnaie haben. Diese Entwicklung hat in Griechenland schon begonnen. Im Falle des Grexit steuern wir auf politische sehr unruhige Zeiten zu. Ich halte eine weitere Radikalisierung aund auch einen Militärputsch für realistisch. Europa muss sich überlegen, ob es eine solche Situation haben will und ob wir am Ende für diese explosive Situation nicht mitverantwortlich sein wollen.

Dann hätten die Griechen besser mit „Nai“ statt mit „Oxi“ am letzten Sonntag gestimmt?

Hier habe ich eine andere Meinung als viele Kommentatoren. Es war ökonomisch vernünftig, Nein zu sagen. Denn die geforderten Auflagen schädigen die griechische Wirtschaft so nachhaltig, dass sie inakzeptabel sind. Griechenland kann natürlich seine Inseln, Häfen und Flughäfen verkaufen. Damit kommt das Land aber nicht auf die Beine, sondern ruiniert sich endgültig. Die Griechen wissen, dass dies keine Lösung ihrer Probleme ist. Was fehlt, ist die politische Vision für einen guten Neuanfang!

Angela Merkel und Wolfgang Schäuble sehen diese Dramatik nicht. Momentan hat man das Gefühl es geht ein Kampf der Ideologien ab: Auf der einen Seite Merkel/Schäuble und auf der anderen Seite Tsipras...

Ich sehe die ideologische Grenze anders. Es ist vielmehr IWF-Chef Christine Lagarde, die auf der Gegenseite steht und Reformpakete schnürt, wo die Griechen ihr letztes Hemd wie Flughäfen verkaufen müssen. Merkel und Schäuble lavieren sich durch die Mitte. Sie verfügen über genug europapolitische Vernunft, um zu wissen, was ein Austritt bedeutet. Aber sie agieren trotzdem weitgehend ratlos. In diesem Fall ist der goldene Mittelweg kein gangbarer Weg. Es gibt keinen Kompromiss, wie ihn Merkel in Deutschland gerne lebt. Es gibt nur die Frage: Mehr oder weniger Europa? In der Griechenland-Frage halte ich weniger Europa für den gefährlicheren Weg. Denn dann ist es nicht gesichert, dass Griechenland in den nächsten Jahren überhaupt noch zu Europa gehört.

Der liberale EU-Parlamentarier Guy Verhofstadt hielt im EU-Parlament vor Tsipras eine Wutrede. Ein zentraler Satz war: „Die griechische Bevölkerung hat viele Anstrengungen gemacht, aber nicht die politische Klasse.“ Malt sich Syriza seine eigene Welt? Sollte Griechenlands politische Klasse endlich akzeptieren, wie die Welt wirklich läuft?

Man muss aus Fairness-Gründen festhalten, dass Syriza am wenigsten Schuld an der Misere hat, dafür ist die Partei viel zu kurz an der Macht. Die Wut sollte man eher an den Vorgängerregierungen ablassen. Aber Guy Verhofstadt hat natürlich recht. Auch ich bin von Syriza enttäuscht. Von den Versprechungen die Reichen und die Oligarchen nun endlich zur Kasse zu bitten, die Steuerbefreiung der Reeder abzuschaffen, ist nichts umgesetzt worden. Da muss man den Verdacht haben, dass die Reichen wieder ungeschoren davonkommen. Den Marxismus, den man Tsipras gerne vorwirft, kann ich nicht erkennen. Ich hätte mir in dieser Frage ein bisschen mehr Marxismus sogar gewünscht. Das wäre für Griechenland sehr gesund gewesen.

Muss sich die EU, wenn die Griechen-Krise bewältigt ist, einen Neustart verordnen?

Das Problem ist, dass jetzt, wo es hart auf hart geht, Europa wieder in nationale Egoismen verfällt. Ich sehe Europa in einer Situation, die vergleichbar mit dem Römischen Reich kurz vor seinem Untergang ist. Das Römische Reich ist an der Völkerwanderung zerbrochen, weil es dem innerlich nichts mehr entgegensetzen konnte. Die Völkerwanderung hat mit den enormen Flüchtlingsströmen längst begonnen. Was wir nun erleben, sind kleine Vorbeben. Es wird ganz große Wellen an Menschen geben, die in Schlauchbooten kommen und nichts mehr zu verlieren haben – und die zum Glück militärisch noch nicht straff organisiert sind wie vor vielen Jahrhunderten die Vandalen oder die Goten. Um diese Herausforderungen zu meistern, brauchen wir ein einheitliches Europa. Wir benötigen eine europäische Außenpolitik und eine europäische Armee. Etwa auch im Hinblick auch auf die Ukraine, wo die europäischen Interessen ganz anders sind als die der USA. Und drittens: Um die Folgen der Digitalisierung, die die gesamte Wirtschaftslandschaft radikal verändern wird, zu managen, braucht man einen gut abgestimmten europäischen Wirtschaftsraum. Deswegen sage ich: Wir brauchen mehr Europa und nicht weniger. Eine Entsolidarisierung können wir uns nicht leisten.

Wie glauben Sie wird die griechische Tragödie heute enden?

Ich habe nicht das Gefühl, dass heute eine große Entscheidung fällt. Es wird weiter gewurschtelt mit hier noch ein bisschen Geld und da noch ein bisschen Reform. Die einzige sinnvolle Lösung ist, dass die Griechen in den nächsten 30 Jahren gar keine Schulden zurückzahlen müssen. Griechenland sollte jetzt wieder aufgebaut werden. Es hätte enorme Potenziale zum Geld verdienen. Und zwar nicht mit Olivenöl und Tourismus, sondern mit Energie aus Wasser, Wind und Sonne. Griechenland kann der Energieexporteur in Europa werden. Mit einem Energie-Marshallplan könnten die Griechen in fünf Jahren zum Produzieren beginnen.

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