Politik | Ausland
30.11.2017

Praljak: Die Frage nach dem Gift und seiner Herkunft

Nach dem Suizid des verurteilten Kriegsverbrechers Slobodan Praljak in Den Haag sind viele Fragen offen.

„Ich lehne dieses Urteil ab“, rief Praljak nach der Urteilsverkündung dem Richter entgegen. Kurz darauf sackte er in seinem Stuhl zusammen. Sein Mandant habe Gift genommen, verkündete daraufhin Praljaks Anwalt. Die Urteilsverkündung wurde unterbrochen, der Verurteilte ins Krankenhaus gebracht. Drei Stunden später war er tot - so zumindest die offizielle Version.

Weltweit spekuliert man nun darüber, was hinter dem Selbstmord steckt. Wie war Praljak an die tödliche Substanz gekommen? Um welches Gift handelt es sich dabei? Und wie verändert der öffentliche Suizid die internationale Wahrnehmung des verurteilten Kriegsverbrechers?

Welches Gift nahm Praljak zu sich?

Laut der kroatischen Zeitung Slobodna Dalmacija könnte es sich bei dem eingenommenen Gift um Cyanid oder Arsen handeln. Cyanid, beziehungsweise Cyanwasserstoff (auch als Blausäure bekannt) führt nach der Einnahme zum Stillstand der Zellatmung und letztlich zu einer inneren Erstickung. Die Arsen-Sauerstoff-Verbindung Arsenik, umgangssprachlich meist einfach als Arsen bezeichnet, führt zu Organversagen und inneren Blutungen. Bei beiden Substanzen ist nach der Einnahme für das Überleben entscheidend, wie schnell medizinische Maßnahmen getroffen werden. Bei Praljak hätte es laut Slobodna Dalmacija aber eine ganze Stunde gedauert, bis die Rettung vor Ort eintraf.

Die serbische Zeitung Kurir wiederum hält die Theorie, es könnte sich bei dem Gift um Blausäure handeln, für abwegig. Sie zitiert eine Toxikologin, deren Ansicht nach auch die orale Einnahme herkömmlicher Reinigungsmittel zu den gleichen Auswirkungen – bis hin zum Tod – führen könne.

Woher kam die Substanz?

Letztere Theorie könnte beantworten, wie Praljak an das Gift gekommen sein könnte. In jeden Fall dürfte es im Gerichtssaal gröbere Sicherheitsmängel gegeben haben – das berichtet die Tageszeitung Vecernji List. Es habe auch keine Leibesvisitation des Angeklagten stattgefunden, bei der das Fläschchen mit der tödlichen Flüssigkeit entdeckt werden hätte können. Laut dem kroatischen General Mate Lausic sei es sehr unwahrscheinlich, dass Praljak auf dem Weg zum Gericht an das Mittel gekommen sei. Er müsse es also bereits in seiner Zelle gehabt haben. Doch wie? Immerhin saß er bereits 13 Jahre lang im Gefängnis. Zwar hätte Praljak in Haft Besuch empfangen können, doch habe er kroatischen Medienberichten zufolge in der Zeit vor seinem Prozess weder Angehörige noch Anwälte empfangen wollen. Auch, dass er das Gift im Gefängnis selbst hergestellt haben könnte, gilt als unwahrscheinlich. Aufklärung erwartet man sich nun durch die Ermittlungen der niederländischen Behörden.

Wie wird Prljak nun wahrgenommen?

Der Selbstmord vor laufenden Kameras hat international zu ganz unterschiedlichen Reaktionen geführt. Der kroatische Premier Plenkovic kritisierte das Urteil stark. Er sprach Praljaks Familie seine Anteilnahme aus und meinte: "Seine Tat spricht am meisten über das tiefe moralische Unrecht gegen die sechs Kroaten aus Bosnien und gegen das kroatische Volk" Plenkovic bedauerte, dass sich Paljak das Leben genommen hatte. "Das zeugt von seiner großen Überzeugung, dass alles, was er gemacht hat, das Ziel hatte, Gutes für das kroatische Volk zu tun", betonte Plenkovic. Während der Selbstmord in Kroation also gewissermaßen als Märtyrertot wahrgenommen wird, stehen internationale Politiker hinter dem Urteil: Der hohe Bosnien-Beauftragte Valentin Inzko hat dazu aufgerufen, das Urteil des UNO-Tribunals für Kriegsverbrechen im ehemaligen Jugoslawien (ICTY) gegen sechs bosnische Kroaten vom Mittwoch "vollständig" zu respektieren. Es dürfe keinesfalls politisiert werden und solle vielmehr als "Wendepunkt" für Bosnien-Herzegowina dienen.