Politik | Ausland
02.02.2018

Polens Suche nach 1600 NS-Verbrechern: „Die Zeit ist schon davon gelaufen“

Ein Team aus Polen hat eine Liste mit den Namen von 1600 NS-Verbrechern erstellt. Mit der Hilfe von Interpol sollen diese Personen nun ausgeforscht und zur Verantwortung gezogen werden - doch den Ermittlern läuft die Zeit davon.

Es wird knapp für Robert Janicki und sein Team vom Institut für Nationales Gedenken (IPN) in Warschau. Das Institut leistet historische Aufklärung, kann aber auch staatsanwaltlich ermitteln. Seit Jahren sucht Janicki nach noch lebenden NS-Verbrechern, die an der Ermordung polnischer Staatsbürger in Konzentrationslagern beteiligt waren. Nun haben die Ermittler eine Liste mit 400 Namen an Interpol weitergegeben, 1200 weitere Namen sollen folgen.

Der Großteil der Beschuldigten sind Deutsche, aber auch Österreicher, Ukrainer, Weißrussen und Letten sollen darunter sein. Laut Janicki würden konkrete Beweise gegen die Genannten vorliegen, bei jeder Person wüsste man genau, welche Funktion sie im KZ innegehabt hat. Können die gesuchten Personen aufgefunden werden, soll ein internationaler Haftbefehl ausgestellt und die Auslieferung nach Polen beantragt werden, wo ihnen dann der Prozess gemacht würde.

Tot oder unauffindbar

Bei der Erstellung der Liste hatten sich die Ermittler auf Männer konzentriert, die Mitte der 1920er Jahre geboren wurden. Am Ende des Krieges könnten diese Personen etwa 20 Jahre alt gewesen sein, heute etwa 90 Jahre. Berücksichtigt wurden zusätzliche Fakten, die der Polizei beim Suchen helfen könnten, etwa der Wohnort vor und nach dem Krieg, der Beruf und der Arbeitsplatz vor dem Eintritt in die SS. In den ersten untersuchten Fällen aus Deutschland gibt es Medienberichten zufolge allerdings eine für die Ermittler ernüchternde Antwort: Die gesuchten Personen sind entweder tot oder nicht auffindbar.

Das österreichische Bundeskriminalamt bestätigte auf KURIER-Anfrage, dass Namen aus Polen weitergegeben und überprüft wurden.

„Die Zeit läuft nicht nur davon, sie ist eigentlich schon davon gelaufen“, erklärt Claudia Kuretsidis-Haider, Ko-Leiterin der Forschungsstelle Nachkriegsjustiz diese Bilanz. Ihrer Einschätzung zufolge werden auch nachfolgende Ermittlungen daran scheitern, dass der Großteil der gesuchten Personen bereits tot ist. Und selbst wenn die Täter von damals sehr jung waren und deshalb noch leben, sei es in Österreich nicht möglich, Personen, die unter 21 Jahre alt waren, strafrechtlich zu verfolgen. „Darum kommt es natürlich auch auf die jeweiligen Auslieferungsabkommen zwischen den einzelnen Ländern, in denen sich die Täter aufhalten, und Polen an. Innerhalb der EU sollte das aber kein Problem sein“, sagt Kuretsidis-Haider.

Dass die Weitergabe der Liste an Interpol gerade zu jenem Zeitpunkt Schlagzeilen macht, an dem Polen wachsender Kritik ausgesetzt ist, lässt die Forscherin aufhorchen. „Möglicherweise steht dahinter eine bestimmte politische Absicht“, sagt sie. Die Verabschiedung des „Holocaustgesetzes“, das Begriffe wie "polnische Vernichtungslager" und "polnische Konzentrationslager" verbietet, sorgt aktuell für internationale Empörung. Das Gesetz sei "eine Verleugnung von Polens Anteil am Holocaust an den Juden", meinte etwa der israelische Geheimdienstminister Israel Katz.

Großteil der Ermittlungen eingestellt

Ob das Datum der Meldung an Interpol nun Kalkül war oder nicht - die Arbeit des IPN begann schon lange bevor ein solcher Gesetzesentwurf absehbar war. Im Jahr 2000 übernahm es die Kontrolle über die Archive der kommunistischen Behörden. Neben der Erinnerungsarbeit hat das Institut in den vergangenen Jahren hunderte Ermittlungsverfahren durchgeführt, um NS-Verbrecher Jahrzehnte später doch noch vor Gericht zu stellen. Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs waren zwar zahlreiche Ermittlungen aufgenommen worden, die meisten verliefen aber im Sand und wurden in den 60er Jahren eingestellt.

Durch die Kooperation mit Interpol hofft Janicki nun, die Suche beschleunigen zu können. "Es ist die letzte Möglichkeit, ehemalige NS-Verbrecher zur Rechenschaft zu ziehen", sagte Janicki der polnischen Zeitung Rzeczpospolita.