"Freiheit für unsere Kinder und Enkelkinder erhalten"

A placard which reads, "I am Charlie" hangs under
Foto: REUTERS/PASCAL ROSSIGNOL Solidarität mit den Opfern, Plädoyer für die Meinungsfreiheit: In Paris erfassen sie in diesen Tagen jede Ecke.

Wie der Korrespondent in der Nachbarschaft eine Lektion über Freiheit, Rechtsstaat und EU erhielt.

Es gibt Situationen, in denen man die Menschen, die man in seiner Umgebung fast täglich wahrnimmt, plötzlich kennenlernt. Und am Sonntag war so ein Tag. Ich lebe seit Jahren in dem selben volkstümlichen Pariser Viertel, sehe die Leute, die den Kopiershop betreiben, den mürrischen Besitzer des Stehkaffees, das auch als Wettbüro dient, die tätowierten Verkäufer der Aquarienhandlung.

Mehr zum Thema: Paris: 1,5 Millionen bei Gedenkmarsch

Ein junger Moslem rettete die Leben mehrerer Geiseln im Supermarkt, mehr dazu hier.

"Ich bin Frankreich"

Am Sonntag ging eine feine Unterscheidungslinie durch diesen gewohnten Dekor: einige Läden hatten den Aufruf zur Demo plakatiert, andere nicht – und da gab es Überraschungen. Das Intellektuellen-Beisl hatte nicht seine Meinung ausgesteckt, es war wohl auch nicht nötig, der Kopiershop schon: Der Besitzer, ein Franko-Algerier, hatte eigens Plakate kopieren lassen mit dem Slogan: "Ich bin Jude – Muslim – Christ – Charlie. Ich bin Frankreich."

Das fiel mir auf, weil der Mann vor Jahren, als Charlie Hebdo bereits mit Mohamed-Karikaturen für Dispute gesorgt hatte, zu mir gemeint hatte: "Diese Religionsverulkung ist übertrieben, das ist verletzend". Das denkt er noch immer, aber: "Dafür erschießt man doch keine Menschen. Jetzt geht es um unsere Demokratie und da fallen unsere Befindlichkeiten nicht mehr ins Gewicht."

Bilder des Gedenkmarsches in Paris

Der Gedenkmarsch startete um 15 Uhr auf dem Platz der Republik in Paris. Tausende Menschen waren schon viel früher auf den Platz geströmt. Anrainer erklärten sich mit Fahnen und Transparenten solidarisch. Auch die Redaktion von Charlie Hebdo beteiligte sich an dem Marsch. Die Marschroute wurde von der Polizei überwacht, Seitenstraßen abgesperrt. Tausende Menschen in den Straßen von Paris. Unter den internationalen Staatsgästen befanden sich EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker und Israels Premier Benjamin Netanyahu. Auch Frankreichs früherer Präsident Nicolas Sarkozy war dabei. Auch Deutschlands Kanzlerin Angela Merkel, hier Hand in Hand mit Frankreichs Präsident Francois Hollande, und Palästinenser-Präsident Mahmoud Abbas waren in Paris. Eindrücke der Kundgebung Eindrücke der Kundgebung Eindrücke der Kundgebung Eindrücke der Kundgebung Eindrücke der Kundgebung

Die beeindruckendste Lektion in Sachen Demokratie, Republik, Freiheit und EU sollte mir allerdings noch bevorstehen, und zwar ausgerechnet im Supermarkt um die Ecke. Es gibt mehrere Supermärkte in meinem Viertel, aber in diesem Geschäft finden sich als Kunden und Angestellte eher Bewohner der umliegenden Sozialbauten, darunter viele Muslime. Und dieser Supermarkt war mit Plakaten "Je suis Charlie" (in fünf Sprachen) zugepflastert. Die Geschäftssperre war auf 13 Uhr vorverlegt (der Laden hat üblicherweise auch am Sonntag offen), um allen seinen Mitarbeitern die Beteiligung an der Demo zu ermöglichen.

Erlebnis der Freiheit

Ich tippte auf eine Anweisung der übergeordneten Führung der Supermarktkette. Aber der örtliche Geschäftsführer, ein zupackender und stets freundlicher Mann, belehrte mich: "Hier bin ich der Boss. Das ist meine alleinige Entscheidung. Und ich werde Ihnen auch sagen warum: Ich stamme aus Marokko. Als ich zehn war, übersiedelten meine Eltern mit mir nach Paris. Ich habe als Kind den Jugendaufstand von 1968 erlebt und damals kaum etwas verstanden. Aber ein paar Jahre später merkte ich den Unterschied in meiner Umgebung: auf Kiosken hingen, na Sie wissen schon, freizügige Magazine und auch die Vorläufer-Zeitschrift von Charlie, die hieß damals Harakiri.

Da habe ich plötzlich gemerkt, was 1968 uns gebracht hatte, diesen Geist der Freiheit und Toleranz, den es zuvor, als die konservativen Politiker alles verriegelt hatten, nicht gab. Im Sommer fuhren wir nach Marokko zur Familie heim. Da mussten wir in Spanien Straßen benützten, die gar keine waren. Da gab es schrecklich viele Unfallopfer. Heute sind dort Autobahnen und andere bessere Infrastrukturen. Das verdanken wir der EU, die hat damit zahllosen Autofahrern das Leben gerettet.

Wenn wir nach Marokko fuhren, nahmen wir kiloweise Tee, Kaffee, Zucker und andere Waren mit, für unsere Familien. Aber an fast jeder Straße kassierte ein marokkanischer Polizist einen Teil dieser Güter, sonst hätte er uns nicht weiterfahren lassen. Da habe ich den Unterschied erfasst zwischen einem Rechtsstaat wie Frankreich und diktatorisch regierten Ländern, wie dem Iran, Saudi-Arabien oder damals Marokko.

Gemeinschaft

In diesen Staaten können arrogante Uniformträger mit einem machen, was ihnen gerade einfällt. Diese Freiheit ist mir aber viel wert. Die will ich für meine Kinder und Enkelkinder erhalten. Außerdem: die Kassiererinnen, die Sie hier sehen, sind Musliminnen, eine Jüdin, auch ein paar echte Franzosen, wie gewisse Leute sagen würden. Aber genau diese Gemeinschaft ist Frankreich. Sagen Sie das Ihren Lesern."

Hiermit wirklich gerne geschehen.

(kurier) Erstellt am
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