Guanabara-Bucht. Müll und ungeklärte Abwässer sorgen in bestimmten Bereichen der Bucht für eine stinkende Kloake.

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Rio de Janeiro
05/29/2016

Olympia schlägt Wellen bei Fischern

Die verdreckte Guanabara-Bucht lässt die Fänge zurückgehen, Segel-Bewerbe als weitere Einschränkung.

von Walter Friedl

Am Strand sitzen die letzten verbliebenen Fischer, ohne jede Hast flicken sie ihre Netze. Einer ihrer Kollegen lichtet in der Nähe einer einsamen Mangrove den Anker seines schon ziemlich ramponierten Bootes und legt ab. Kinder, die im seichten Wasser plantschen, winken ihm nach.

In dem Dörfchen Coroa de São Lourenço an der Guanabara-Bucht, nur eine Autostunden vom hektischen Treiben der brasilianischen Metropole Rio de Janeiro entfernt, scheint die Welt noch in Ordnung zu sein. Doch die Idylle trügt. Die Menschen an dem verdreckten atlantischen Meeresbusen, in dem ab August dieses Jahres die olympischen Segelbewerbe stattfinden werden, kämpfen ums Überleben und haben diesen Kampf fast schon verloren.

80 Prozent weniger Fang

"Vor 15 Jahren waren wir rund 23.000 Fischer, jetzt sind es vielleicht noch 5000", sagt Alexandro Anderson und schiebt die Begründung gleich hinterher: "Zum einen wurden sie von den Behörden in Zusammenarbeit mit (dem halbstaatlichen Erdöl-Konzern) Petrobras vertrieben. Zum anderen gaben viele auf, weil durch die massive Verschmutzung des Wassers die Fänge um 80 Prozent zurückgegangen sind. Wenn sich nicht schnell etwas ändert, haben wir bald überhaupt keine Lebensgrundlage mehr."

David gegen Goliath

Seit 2003 setzt sich der 45-Jährige für seine Kollegen ein und zieht wie David gegen den Goliath der Petro-Industrie ins Feld, die an und in der Bucht zahlreiche Anlagen betreibt. Das aber gefällt seinen Gegnern gar nicht, sechs Mal habe man auf ihn Anschläge verübt. Zwischen 2009 und 2012 musste er rund um die Uhr von Militärpolizisten bewacht werden. Auch jetzt noch wird er bei heiklen Reisen und Auftritten von Sicherheitskräften in zivil geschützt.

Einige Mitstreiter habe er bereits gewaltsam verloren, andere seien einfach verschwunden. Ans Aufgeben denkt Anderson, der seine Klagen auch schon in Genf beim UN-Menschenrechtsausschuss vorgetragen hat, freilich nicht. Er setzt auf eine weitere Vernetzung der Fischer. Oder, wie sein Freund Romildo Soares formuliert: "Ein Streichholz kann man leicht brechen, eine ganze Schachtel niemals."

"Kommen Sie, ich zeige Ihnen, was sich bei uns so abspielt", sagt er entschlossen zu österreichischen Journalisten, startet den Motor seines Bootes und sticht in See – Kurs Richtung Ilha do Governador (Gouverneursinsel).

Aus für alte Tradition

Auf dem Weg dorthin hält der Aktivist bei einer Reuse aus Bambusstäben an. Nach jahrhundertealter Indianer-Tradition werden hier noch auf diese Weise Fische gefangen. "Auch das will man uns jetzt nehmen", führt der Mittvierziger aus, "die Konstruktionen sollen entfernt werden – sie behindern angeblich den Schiffsverkehr."

Auf der Weiterfahrt erläutert er, dass nicht nur Öl, Schmiermittel und andere chemische Substanzen sowie ungeklärte Abwässer der Anrainergemeinden, die das Wasser verdrecken, für den drastischen Rückgang der Fischbestände verantwortlich seien, sondern auch die Flutlichter und der Lärm der Petro-Anlagen beziehungsweise der riesigen Tanker. Als offizieller Ranger sozusagen fährt er regelmäßig Patrouille in "seiner" Bucht und zeigt die gravierenden Umweltsünden auf.

"Da, schauen Sie", schreit Anderson plötzlich auf und weist mit dem Zeigefinger auf ein Rohr einer Raffinerie, aus dem ein armstarker Strahl im Meer verschwindet, "der Abfluss ist eigentlich nur für Regenwasser gedacht, und ich sehe weit und breit keine Wolke."

Beweisfoto

Nach einem Beweisfoto wird der Umwelt- und Menschenrechtsaktivist plötzlich nervös und gibt Vollgas. Ein Boot eines privaten Sicherheitsdienstes einer der vielen Petro-Stationen in der Bucht hat sich unserem genähert. "Diese Jungs sind nicht zimperlich. Ich habe zwar ein Lizenz für solche Fahrten, aber besser ist es, ihnen nicht zu begegnen", betont unser Guide, als er den Motor abstellt und wir am Ufer des Dorfes Baucavios auf der Gouverneursinsel sanft aufsetzen.

Gelbe Schaumkronen

Tristesse pur, anders kann man das Szenario hier nicht beschreiben. Auf der einen Seite eine große Werft, in der alte Kähne zu Öl-Frachtschiffen umgebaut werden, auf der anderen die Anlage einer Pipeline, in der Öl aus einem der 14 Offshore-Gas- bzw. Öl-Terminals an Land gepumpt wird. Dazwischen eingepfercht sind die armseligen Behausungen der wenigen verbliebenen Fischer. Reiher staksen in dem ölverschmierten Wasser, weiter draußen haben sich Schmierfette zu gelben Schaumkronen verformt, dazwischen treiben tote Fische bäuchlings an der Wasseroberfläche.

Als wir die Rückreise antreten, erzählt Alexandro Anderson von einer weiteren Verschärfung der Lage für die Fischer, die die Olympischen Spiele (ab 5. August) mit sich bringen werde. "Der vordere Teil der Bucht, der für die Segelbewerbe zumindest ein wenig gesäubert wurde, ist dann Sperrgebiet für uns. Das heißt: Unsere Reviere, die vorher schon eingeengt wurden, werden noch kleiner. Und außerdem wollen sie im hinteren Bereich, also bei uns, die großen Tanker parken, damit den Besuchern der Copacabana dieser Anblick erspart bleibt. Das ist nichts anderes als Apartheid."

Als wir nach fast drei Stunden wieder in Coroa de São Lourenço ankommen, wird der unbeugsame David schon sehnsüchtig von seiner Frau Daizy erwartet. Denn bei den Kontrollfahrten ihres Ehemannes in der Bucht ist die 48-Jährige immer besonders besorgt.

Resigniert

Sie selbst ist ebenfalls Fischerin, wie schon ihr Vater und ihr Großvater. Und obwohl sie den Kampf ihres Gatten voll unterstützt und sich auch selbst engagiert, ist ihr Ausblick für die Zukunft mehr als düster: "Mein Sohn fährt gar nicht mehr hinaus, er sucht einen anderen Job, findet aber keinen. Diese Bucht kann bald niemanden mehr ernähren." Sagt es – und setzt die Reparaturarbeiten an dem Netz fort.

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