Politik | Ausland
16.01.2018

Nur Mini-Wachstum: Briten halten die rote Laterne

Die Insel fällt sogar hinter Italien zurück. Und: Trotz niedrigster Arbeitslosigkeit steigen die Löhne kaum.

Einige Monate lang schien es, als pralle die Brexit-Entscheidung an der britischen Wirtschaft einfach ab. Das Wachstum schnurrte vor sich hin; die Kauflaune der Menschen war ungebrochen.

Inzwischen hat sich das Bild gewandelt. "Die Dinge werden unschön", kommentierte Iain Begg von der London School of Economics (LSE). Der Anlass: Das britische Wachstum – vor zwei Jahren das stärkste der großen Industrienationen – fällt sogar hinter den notorischen Trödler Italien zurück. Die OECD erwartet für die Briten heuer 1,2 Prozent und 2019 nur noch 1 Prozent Plus. Das bedeutet EU-weit die rote Laterne – in einer Phase der weltweiten Hochkonjunktur.

Das spüren die britischen Bürger im Börsel. Das schwache Pfund hilft zwar den Exportfirmen der Insel, die ihre Waren günstiger ins Ausland verkaufen. Die Briten müssen aber viele Alltagsgüter importieren – und das geht ins Geld. Die Inflationsrate liegt beharrlich über drei Prozent.

Die Regierung bejubelt zwar die niedrigste Arbeitslosigkeit seit 1975 (!). Die Löhne steigen aber so wenig, dass sich die Briten unterm Strich weniger leisten können.

Nicht minder verunsichert sind die Unternehmer. Obwohl die Brexit-Verhandlungen im Dezember in die zweite Phase übergewechselt sind, bleibt ungewiss, wie es nach April 2019 weitergeht. Kein Firmenchef, der einigermaßen bei Trost ist, nimmt da Geld für langfristige Investitionen in die Hand.

Zum Schaden aller

Die Finanzbranche hat ihre Notfallpläne schon aktiviert. Büroflächen in Dublin, Paris oder Frankfurt sind angemietet; Zulassungen in anderen EU-Ländern beantragt.

Zwar stirbt die Hoffnung auf einen günstigen Brexit-Deal zuletzt, aber die Zeit dafür rennt ab. Dass Luxemburgs Premier Xavier Bettel – wegen der Betroffenheit der eigenen Finanzindustrie – auf "pragmatische Lösungen" pocht, hört Londons Finanzdistrikt gerne. Doch EU-Verhandler Michel Barnier bremste sofort Erwartungen, die Branche könne einen Sonderstatus für den Marktzugang in der EU erhalten.

Sollten sich die Briten am Ende ohne Handelsdeal verabschieden ("harter Brexit"), wären die Folgen gravierend, analysierte das Institut Oxford Economics am Dienstag (siehe Grafik oben, rechter Teil).

Der britischen Wirtschaft kämen bis Ende 2020 insgesamt 140 Mrd. Euro Produktionsleistung abhanden. Wegen der eng verwobenen Lieferketten wäre der Schaden für die EU-27 ebenfalls größer als gedacht: Die Einbußen würden sich auf 112 Mrd. Euro addieren. Am meisten würden das Irland, Ungarn und Tschechien spüren. Der Schaden für Österreich fiele mit rund -0,3 Prozent des BIP noch relativ gering aus.