Politik | Ausland
13.05.2017

Ruhrpott: Das rote Herz schlägt nur mehr schwach

Einst deutsche Industrie-Hochburg, kämpft der Ruhrpott jetzt mit Armut und Strukturwandel - die SPD hat es dort schwer.

"Mein Luxus? Das ist der Friseur. Und meine Schuhe", sagt Frau Ruth und sieht nach unten auf ihre roten Stiefel.

Sie lächelt. Schick sieht sie aus, die Mittsechzigerin. Dass sie von Hartz IV lebt, und das seit vielen Jahren, man würde es nicht ahnen, wenn sie nicht selbst davon erzählte. Selbstbewusst steht die gelernte technische Zeichnerin vor der Marktkirche in Essen, mit dem Mikro in der Hand spricht sie über ihr Leben: über die Tristesse, über die fehlenden Perspektiven, über die frustrierende Untätigkeit der Behörden.

Hartz-IV-Ballungsraum

Den paar Dutzend Menschen, die ihr dort zuhören, spricht sie aus dem Herzen. Seit zwölf Jahren demonstrieren sie hier, jeden Montag, ohne Ausnahme, und immer geht es um das Gleiche: Welch ein Stich die Agenda 2010 für sie und für den ganzen Ruhrpott war. "Wir hatten es ohnehin schon schwer genug", sagt ein Mann im Publikum; Nordrhein-Westfalen, einst Kohle- und Stahl-Hochburg und immer das Herz der Sozialdemokratie, wurde mit dem Niedergang der Industrie zum größten Hartz-IV-Ballungsraum des Landes. Die Arbeitslosenquote liegt im Fünf-Millionen Menschen zählenden " Pott" bei 10,5 Prozent; das sind vier Prozentpunkte mehr als im Bundesschnitt.

Diesen Niedergang spürt auch die SPD. Seit 1966 war die Region immer rot regiert; morgen, Sonntag, droht den Genossen eine Wiederholung des Debakels von 2005: In jenem Jahr, als Schröder die Hartz-Reformen verabschiedete, musste man schon einmal die Macht an die CDU abgeben – nun droht Landesmutter Hannelore Kraft erneut Platz zwei.

"Todesstoß"

Gründe dafür findet man an vielen Orten. In Duisburg etwa ist eine Antwort darauf vor den Toren des Thyssen-Krupp-Werks zu hören; der Stahlkonzern mit 22.000 Mitarbeitern will Kürzungen von rund 500 Millionen Euro vornehmen. "Das wäre der Todesstoß für die ganze Region", heißt es; und die Landesregierung habe zu wenig gegen die Profitmaximierungspläne unternommen. Thyssen-Krupp will mit dem indischen Konzern Tata fusionieren; das würde in der Region, in der von einst 30 Zechen nur noch eine in Betrieb ist, die raren Industrie-Jobs weiter verknappen.

Ein paar Kilometer weiter, im Duisburger Stadtteil Marxloh, hat man eine andere Antwort parat. Dort gehe es nur mehr "laut und krawallig" zu, überall liege Müll herum, und die Menschen hätten Angst, schrieben Anrainer vor nicht allzu langer Zeit in einem Brandbrief an Ministerpräsidentin Kraft. Der 20.000-Einwohner-Bezirk, in dem 64 Prozent der Menschen einen Migrationshintergrund haben, findet sich immer wieder in den Schlagzeilen – wegen der vielen Hartz-IV-Bezieher, der hohen Kriminalitätsrate, wegen der vielen Banden, die hier ihr Unwesen treiben.

"Nordrhein-Versagen"

In der Landesregierung sieht man das freilich nicht so schlimm. Witze wie das Wortspiel "Nordrhein-Versagen" will man dort nicht hören; man verweist lieber darauf, dass es "viele positive Entwicklungen" im Ruhrgebiet gebe, wie Kraft gern sagt. Tatsächlich sind die Wirtschaftsdaten in den vergangenen Jahren ein wenig nach oben gegangen, allerdings nicht gerade stark – und im Bildungsbereich, wo die SPD den Wählern versprochen hatte, "kein Kind zurückzulassen", regt sich herzlich wenig: Noch immer lebt knapp ein Viertel der unter 18-Jährigen in Armut, und im bundesweiten Bildungsmonitor landet das Bundesland trotz massiver Investitionen auf dem drittletzten Platz.

Fragt man Frau Ruth, wo die Probleme im "Pott" liegen, landet man auch bei der trägen Politik und den lahmenden Behörden. "Man hat mir kaum je Jobs angeboten", sagt sie; seit 20 Jahren suche sie, doch Arbeit für ihre Qualifikation gebe es im "Pott" kaum mehr. Umschulungen seien ihr darum nicht angeboten worden; wenn, nur Ein-Euro-Jobs, jedoch nie mit der Absicht, sie auch zu übernehmen. "Das hatte ich einige Male. Da verliert man ja jeglichen Respekt vor sich selbst", sagt sie und schaut erneut nach unten – auf das Rot ihrer Schuhe.

Vom "Schulz-Effekt" zum "Schluchz-Effekt"

Vor ein paar Wochen waren die Witze über den Aufstieg von Martin Schulz noch rar gesät, jetzt witzelt man in Satire-Sendungen bereits über den "Schluchz-Effekt": Der SPD-Kanzlerkandidat ist etwas mehr als 100 Tage nach seiner Vorstellung wieder massiv abgerutscht – im jüngsten ARD-Deutschlandtrend liegt die CDU bei 37 Prozent, die SPD nur mehr 27; der Abstand ist so groß wie zuletzt unter Ex-Parteichef Sigmar Gabriel.

Gewinnt die CDU auch die Wahl in Nordrhein-Westfalen, wird sich das wohl weiter auf den Bundestrend auswirken – in der Union warnt man aber vor verfrühter Freude:"Solche Momentaufnahmen von positiven Umfragen sind schöne Trends, aber auch nicht mehr", sagte etwa CSU-Chef Horst Seehofer. "Das kann in wenigen Tagen schon wieder ganz anders aussehen."