Politik | Ausland
29.05.2017

"Provokation": Nordkorea feuert erneut ballistische Rakete ab

Tokio droht mit Vergeltung - der Test sei ein erneuter Verstoß gegen UN-Resolutionen gewesen.

Nach dem Aufruf der Gruppe der führenden westlichen Industriestaaten (G-7) zum Stopp seines Atomprogramms hat Nordkorea mit einem Raketentest erneut Stärke demonstriert. Nordkorea habe am Montag an der Ostküste mindestens eine ballistische Kurzstreckenrakete abgefeuert, teilte der Generalstab der südkoreanischen Streitkräfte mit.

Nach Angaben Japans stürzte die Rakete möglicherweise innerhalb seiner exklusiven Wirtschaftszone - einer 200-Meilen-Zone vor der Küste - ins Japanische Meer. Tokio und Seoul warfen der kommunistischen Führung des Nachbarlandes Provokation vor - der Test sei ein erneuter Verstoß gegen UN-Resolutionen gewesen.

Möglicherweise nicht nur eine Rakete abgefeuert

Bei dem Test wurde laut Südkoreas Militär nahe Wonsan eine Kurzstreckenrakete abgefeuert, vermutlich eine Scud. Sie sei etwa 450 Kilometer weit geflogen. Ein Sprecher des Generalstabs deutete zudem nach Berichten südkoreanischer Medien an, dass Nordkorea bei dem Test nicht nur eine einzige Rakete abgefeuert haben könnte. Die Daten würden noch analysiert. Die Scud ist eine ursprünglich sowjetische Entwicklung auf der Basis einer deutschen A4 aus dem Zweiten Weltkrieg; sie wurde beständig weiterentwickelt.

Südkorea und Japan liegen in Reichweite der Kurzstreckenraketen Nordkoreas, die bis zu 1.000 Kilometer fliegen können. Das Land verfügt aber auch über Mittelstreckenraketen und arbeitet an der Entwicklung von Langstreckenraketen, die die USA treffen könnten.

Neunter Versuchsstart heuer

Nach dem Test zweier Mittelstreckenraketen war es bereits der dritte Versuchsstart einer ballistischen Rakete Nordkoreas allein in diesem Monat und der neunte in diesem Jahr. Mehrere UN-Resolutionen verbieten Pjöngjang den Test solcher Raketen, die je nach Bauart auch Atomsprengköpfe tragen können.

Tokio wolle gemeinsam mit den USA "konkrete Schritte" unternehmen, um Nordkorea Einhalt zu gebieten, kündigte Japans Ministerpräsident Shinzo Abe an. "Wir können wiederholte Provokationen nicht tolerieren", sagte Regierungssprecher Yoshihide Suga.

Südkoreas Außenministerium rief den Nachbarn auf, "sofort alle Provokationen" zu unterlassen. Präsident Moon Jae-in, der sein Amt am 10. Mai mit der Absicht angetreten hatte, wieder stärker auf Nordkorea zuzugehen, rief - wie üblich in solchen Fällen - den Nationalen Sicherheitsrat ein.

G7-Gipfel

US-Präsident Donald Trump sei über den Test informiert worden, sagte ein Sprecher des Nationalen Sicherheitsrats in Washington. Trump hatte am Freitag bei einem Treffen mit Abe am Rande des Gipfels der sieben führenden Industrienationen (G7) angekündigt, das "große Problem" Nordkorea "wird gelöst".

Darauf verwies auch der japanische Ministerpräsident. Beim G7-Gipfel in Taormina seien sich alle Beteiligten einig gewesen, dass "das nordkoreanische Problem die Top-Priorität der internationalen Gemeinschaft" ist, sagte Abe am Montag vor Journalisten in Tokio. "Wir werden niemals Nordkoreas fortgesetzte Provokationen tolerieren, die wiederholte Warnungen der internationalen Gemeinschaft ignorieren."

Der südkoreanische Staatschef Moon Jae-in berief eine Dringlichkeitssitzung des Nationalen Sicherheitsrats ein, wie das Verteidigungsministerium in Seoul mitteilte. Der erst kürzlich angetretene Präsident setzt auf eine diplomatische Lösung des Konflikts mit dem kommunistischen Nachbarn im Norden.

Test auch am Sonntag

Nordkorea hatteerst am Sonntag den Test einer Flugabwehrwaffe verkündet. Machthaber Kim Jong-un habe dabei zugeschaut, meldete die staatliche Nachrichtenagentur KCNA. Das neue Waffensystem könne "unterschiedliche Ziele, die aus allen Richtungen angeflogen kommen, erkennen und angreifen". KCNA nannte weder das Datum noch den Ort des Tests.

Pjöngjang hatte zuletzt am 21. Mai eine Mittelstrecken-Rakete ins Meer abgeschossen. Nach Angaben des südkoreanischen Militärs war die Rakete nach dem Start im Westen Nordkoreas mehr als 500 Kilometer weit geflogen, bevor sie ins Japanische Meer (koreanisch: Ostmeer) stürzte. Davor hatte Nordkorea am 14. Mai eine noch stärkere Mittelstreckenrakete eines anderen Typs getestet.

Mehrere Atomwaffentests

Seit 2006 hat Nordkorea nach eigenen Angaben fünf Atomwaffentests vorgenommen, davon zwei im vergangenen Jahr. Zugleich arbeitet die Führung in Pjöngjang an der Entwicklung von Langstreckenraketen, mit denen atomare Sprengköpfe bis in die USA getragen werden könnten. Mit seinen Tests verstößt Nordkorea gegen Sanktionen des UNO-Sicherheitsrats.

12. Februar: Ballistische Mittel-Langstreckenrakete getestet. Bei Tausenden Kilometern Reichweite könnte sie einen Atomsprengkopf transportieren.

6. März: Nordkorea feuert vier ballistische Raketen ab - drei davon seien erst in der 200-Seemeilen-Zone vor Japan ins Meer gestürzt, heißt es aus Tokio.

5. April: Nordkorea feuert von der Ostküste eine ballistische Rakete in Richtung offenes Meer. Laut US-Pazifikkommando handelt es sich vermutlich um den Mittelstrecken-Typ KN-15.

16. April: Nordkorea zündet erneut eine Rakete. Sie explodiert nach US-Angaben "fast sofort" nach dem Start. Am Vortag demonstriert Pjöngjang mit einer großen Militärparade anlässlich des 105. Geburtstags des verstorbenen Staatsgründers Kim Il-sung Stärke.

27. April: US-Präsident Donald Trump schließt Eskalation im Nordkorea-Konflikt nicht aus: "Es besteht die Möglichkeit, dass wir am Ende einen großen, großen Konflikt mit Nordkorea haben."

29. April: Südkorea und die USA melden erneut den Start einer nordkoreanischen Rakete, die jedoch kurz nach dem Start auseinanderbricht, vierter Fehlschlag in Folge seit März.

14. Mai: Nordkorea testet abermals eine ballistische Mittelstreckenrakete. Sie soll 700 Kilometer weit geflogen sein.

17. Mai: Südkoreas neuer Präsident Moon Jae-in nennt Krieg mit Nordkorea sehr wahrscheinlich: "Die Realität sieht so aus, dass es eine hohe Wahrscheinlichkeit für einen militärischen Konflikt (...) an der Demarkationslinie gibt."

21. Mai: Nordkorea bestätigt den "erfolgreichen" Test einer Mittelstreckenrakete. Die Waffe sei nun militärisch einsatzbereit, meldet die staatliche Nachrichtenagentur KCNA.

22. Mai: Die UNO fordert Nordkorea einmal mehr zum Stopp seiner Raketentests auf, der UNO-Sicherheitsrat ist aber weiter uneins bei schärferen Nordkorea-Sanktionen, China beharrt weiter auf Dialog.

29. Mai: Erneut ballistische Kurzstreckenrakete abgefeuert.