Protestanten-Milizen schicken Kinder in die Straßenschlacht

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Foto: AP/Paul Faith

Die gewaltsamen Ausschreitungen in Belfast nehmen kein Ende. In der Nacht auf Dienstag gab es erneut Zusammenstöße.

Für diese Flagge haben unsere Väter gekämpft und sind gestorben – wir gehen nicht, bis sie wieder da oben ist“. Der junge Mann, der den britischen Union Jack schwenkt und dem Reporter der BBC solche Parolen ins Gesicht brüllt, sieht aus, als sollte er seine Zeit lieber in der Schule als hier vor dem Rathaus von Belfast verbringen. Kein Einzel- und auch kein Zufall, wie Matt Bagott, Polizeichef in der nordirischen Hauptstadt resigniert feststellt: „Kinder, oft gerade zehn oder elf Jahre, sind hier unter den Demonstranten – ohne Kontrolle der Eltern.“

Aufgestachelt werden diese Minderjährigen von alten Kämpfern des nordirischen Bürgerkriegs. Jahrzehnte haben die protestantischen Milizen der UVF für den Verbleib Nordirlands bei Großbritannien und gegen die irischen Nationalisten der IRA gekämpft. Der Frieden in der Provinz hat sie untertauchen lassen. Jetzt aber sind sie wieder aktiv.

Ein scheinbar unbedeutender Beschluss der Stadtregierung von Belfast lässt die Wut der pro-britischen Protestanten hochkochen: Ihr Union Jack wird seit Dezember nur noch an Feiertagen gehisst. Etwa heute, Mittwoch, dem Geburtstag von Prinzessin Kate, Ehefrau von Prinz William.

Doch das ist vielen Protestanten zu wenig, treibt sie in die Arme der Milizen. Die organisieren den Protest, der seit Wochen das Zentrum von Belfast in Beschlag nimmt – und der wird seit Tagen immer gewalttätiger. Mit Molotowcocktails, Eisenstangen und Ziegelsteinen kämpfen Hunderte gegen die Polizei.

Minderheit

Hinter all der Wut steht die Angst der Protestanten – und die wird nicht nur von eingeholten Flaggen genährt, sondern vor allem von einer unaufhaltsamen Entwicklung.

Neueste Zahlen der Statistikbehörden haben ergeben, dass die Protestanten erstmals in der Geschichte der Provinz weniger als die Hälfte der Bevölkerung ausmachen. Nur noch 48 Prozent der Nordiren bezeichnen sich als Protestanten, vor zehn Jahren waren es 53 Prozent. Auf der anderen Seite ist die Zahl der tendenziell pro-irischen Katholiken von 44 auf 45 Prozent gestiegen.

Demografen sagen voraus, dass die Mehrheitsverhältnisse spätestens in 20 Jahren kippen – weil die Katholiken jünger sind und eine höhere Geburtenrate haben. Die Entwicklung alarmiert die pro-britischen Unionisten. Sie fürchten, dass eine katholische Mehrheit in Nordirland einen Anschluss an die Republik Irland durchsetzen könnte.

Mehr als 400 Jahre hatten die Protestanten in Nordirland das Sagen. Jetzt tun sie das, was vor ihnen jahrzehntelang die Katholiken taten: Sie gehen für ihre Rechte auf die Straße.

In Belfast sind die Katholiken seit vielen Jahren in der Mehrheit. „Alles, was mit der Queen und unserer Flagge zu tun hat, wird nicht mehr toleriert“, ärgert sich Jim Wilson, ein Sozialarbeiter in einem protestantischen Viertel Belfasts. „Das treibt meine Leute in die Gewalt. Die (pro-irischen) Nationalisten zogen in den Krieg, weil ihre Leute vieles nicht bekommen hatten. Genau das passiert jetzt mit meinen Leuten.“

Kommentar

In der Krise erwacht der Nationalismus

Auch in Nordirland war der Hass zwischen den Volksgruppen nur von einer dünnen Schicht Wohlstand verdeckt.

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Eine Flagge auf einem Rathaus, das genügt, um die Wut Tausender hochkochen zu lassen, um den mühsam ausverhandelten Frieden in Nordirland ernsthaft zu gefährden. Deutlicher kann man nicht machen, wie dünn das Eis dieses Friedens ist, wie weit voneinander entfernt die Volksgruppen in der Unruheprovinz noch sind.

Europa wird in der Krise vor traurige Tatsachen gestellt: Hass und Vorurteile, Nationalismus und Chauvinismus sterben nicht in einer, nicht in zwei Generationen aus. Sie werden weitervererbt. Allen Phrasen vom einigen Europa zum Trotz ziehen sich die Menschen wieder in exakt die Bevölkerungsgruppen zurück, zwischen denen der Nationalismus des 19. Jahrhunderts einst brutal die Grenzen zog. Europas Wohlstand, von dem Nordirland immer nur am Rande berührt wurde, hat diese Probleme nur zugedeckt, hat die Menschen abgelenkt, sie aber nicht vergessen lassen. Eine Identität als Europäer, wie sie uns viele Politiker so gerne anerziehen würden, ist kein Gegenrezept. Viele Menschen fühlen sich im Regionalismus zu Hause. Erst wenn wir lernen, den ohne Abgrenzung, ohne Feindseligkeiten und armselige Überheblichkeit zu leben, wird Europa die Gräben des Nationalismus überwinden.

Bilder

Eine Chronologie des Hasses: Der Nordirland-Konflikt

Offiziell herrscht längst Frieden auf der Grünen Insel – dennoch brennen immer wieder Autos: 95 Jahre nach Unabhängigkeit und 42 Jahre nach dem Bloody Friday ist die Krisenregion noch immer nicht völlig zur Ruhe gekommen. Seit vergangenem Jahr fliegen in Belfast, der nordirischen Hauptstadt, wieder öfter Steine: Grund dafür ist die Entscheidung des Stadtrats, die britische Flagge nicht mehr jeden Tag über dem Rathaus wehen zu lassen, sondern nur mehr zu besonderen Anlässen. Ein Affront für pro-britische Protestanten – und Wasser auf die Mühlen der katholischen Minderheit, die eine Abwendung vom britischen Empire und eine Vereinigung mit der katholisch geprägten Republik Irland befürworten. Der Konflikt in Nordirland reicht weit zurück – seit der Eigenständigkeit Irlands und der Gründung Nordirlands 1920 mündet dieser immer wieder in Gewalt. Dass die Briten nach der per Krieg erzwungenen Unabhängigkeit der heutigen Republik Irland den nördlichen Teil der "Grünen Insel" behielten und dem Vereinigten Königreich einverleibten, hat die katholische Minderheit nie verziehen. Trauriger Höhepunkt in der konfliktreichen Geschichte Nordirlands war der Bloody Sunday am 30. Jänner 1972 – und der anschließende Rachefeldzug im Juli. Am „Blutsonntag“ hatten britische Fallschirmjäger in Londonderry 13 Katholiken erschossen - ausnahmslos unschuldige Zivilisten, wie die britische Regierung in London später zugeben musste. Im Juli „revanchierte“ sich die Irische Republikanische Armee (IRA) dafür: Bei einer Serie von 20 Bombenanschlägen in Belfast kamen neun Menschen ums Leben, 130 wurden verletzt. Erst im Jahr 2002 entschuldigte sich die IRA für den Bloody Friday bei den Angehörigen der Opfer. Weitere acht Jahre dauerte es, bis sich auch die Downing Street zu einer Entschuldigung durchrang. Seit dem historischen Karfreitagsabkommen aus dem Jahr 1998 herrscht zudem offiziell Frieden in Nordirland - doch der Hass ist über Generationen weitervererbt, nie ausgemerzt. Noch immer trennt etwa in Belfast eine unüberwindbare Mauer die katholischen von den protestantischen Stadtteilen, noch immer sind Splittergruppen der IRA aktiv. Und noch immer provozieren die protestantischen Orden wie etwa die Oranier mit alljährlichen Märschen durch katholische Wohngebiete die Gegenseite. Die Aufmärsche Unverbesserlicher kosteten den Staat jedes Jahr 5,7 Millionen Pfund, umgerechnet 7,2 Millionen Euro. Die Politik hat inzwischen aufgehört, den Konflikt weiter zu schüren. Der größte Scharfmacher auf protestantischer Seite, Pfarrer Ian Paisley, ist alt und still geworden und hat sich weitgehend zurückgezogen. Sein einstiger Widersacher, der einstige IRA-Mann Martin McGuinness von der irisch-katholischen Sinn Fein Partei, hat jüngst sogar mit einem Tabu gebrochen und Queen Elizabeth II. in einem viel beachteten Akt die Hand der Versöhnung gereicht.
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Gewaltsame Proteste in Belfast

(Kurier) Erstellt am
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