Die Hilfe für die Flüchtlinge im Nordirak beginnt zu rollen.

© REUTERS/YOUSSEF BOUDLAL

Nordirak/Kurdistan
08/21/2014

Größtes Flüchtlingsdrama der Welt

UNHCR startete die größte Hilfsaktion seit zehn Jahren.

von Ingrid Steiner-Gashi

Die meisten Flüchtlinge konnten nur ihr nacktes Leben retten. Von den knapp 600.000 Menschen, die in den vergangenen Wochen im Nordirak vor den Dschihadisten der IS ("Islamischer Staat") flohen, besitzt die Mehrheit nur das, was sie am Leib trägt.

Obgleich in der autonomen Kurden-Region in Sicherheit, hat der Überlebenskampf der Vertriebenen aufs Neue begonnen: Viele lagern einfach neben Straßen, in leeren Hallen, auf Baustellen oder in Parks. Oft teilt sich ein Dutzend Menschen einen Pappendeckel, um darauf zu schlafen. Die Kurdenregierung in Erbil ist angesichts des derzeit größten Flüchtlingsdramas der Welt heillos überfordert.

Und die Zeit drängt: In spätestens zwei Monaten kann es im Nordirak bereits empfindlich kalt werden. Bis dahin muss die riesige Flüchtlingszahl versorgt sein, um den nahenden Winter zu überleben. Das UN-Flüchtlingshilfswerk UNHCR startete deshalb diese Woche seine größte Hilfsaktion seit einem Jahrzehnt. Von Jordanien aus fliegt derzeit täglich eine Boeing 747 nach Erbil ein mit jeweils 100 Tonnen Hilfsgütern an Bord. Hunderte Lastwagen rollen von der Türkei, dem Iran und Jordanien aus in die Krisenregion. Geladen haben sie Zelte, Decken, Geschirr-Sets, Benzinkanister, Medikamente, Nahrung, Wasser.

Österreich hilft mit

Auch Österreich beteiligt sich an dieser Hilfsaktion: Eine Hercules-Transportmaschine des Bundesheeres transportierte gestern knapp zehn Tonnen Hilfsgüter nach Leipzig. Dort wurden die Hilfsgüter umgeladen und von der Bundeswehr nach Erbil geflogen.

Doch die Flüchtlingskatastrophe hat ihren Höhepunkt noch nicht erreicht. Mehr als zehntausend jesidische Flüchtlinge verstecken sich in unzugänglichen Regionen vor den Islamisten und sind von jeder Hilfe abgeschnitten. Und auch Tausende Christen haben ihre Dörfer im Ninive-Tal Hals über Kopf in Richtung Kurdistan verlassen. Die einmarschierenden Islamisten hätten die leer stehenden Kirchen dort alle verwüstet, berichtet der irakische chaldäisch-katholische Patriarch Louis Raphael I.. Alle Dokumente und Manuskripte seien zerstört worden, manche von ihnen waren 1500 Jahre alt.

Spenden für die Flüchtlinge im Irak

Mehrere Organisationen sammeln Spenden für den Irak:

Rotes Kreuz: IBAN AT57 2011 1400 1440 0144, Kennwort Irak

Caritas: IBAN AT 9260000 0000 7700 004 („Irak“)

Kirche in Not: IBAN AT72 6000 0000 9206 5338 (Irak“)

Nach dem Tod eines US-Journalisten geht die Suche nach dem IS-Terroristen mit britischem Akzent weiter. Lesen Sie mehr hier.

Ich könnte dort keinen Tag überleben

Die Erschöpftesten von ihnen reißt nicht einmal mehr das herannahende Knattern des Hubschraubers aus ihrer Apathie. Durstig, von der Sonne verbrannt, todmüde sehen Gruppen von Flüchtlingen im glühend heißen Sindschar-Gebirge, wie die wenigen anderen, die noch bei Kräften sind, auf den Helikopter zustürzen. Er bringt Wasser, Nahrung, Medikamente, Planen. Vorübergehende Rettung für ein paar Dutzend Verzweifelte, während doch Zehntausende Flüchtlinge, die Mehrheit von ihnen Frauen und Kinder, Stunde um Stunde ums Überleben kämpfen.

"Ich könnte hier keinen Tag überleben", schildert der 43-jährige Michel Reimon dem KURIER. Der Grüne EU-Abgeordnete saß im Hubschrauber. Sah, "wie die Menschen auf den kahlen Felsen sitzen. Sie haben nichts. Einfach nichts. Und es herrscht eine unvorstellbare Hitze, an die 45 Grad". Vier Mal hätte der Transport-Helikopter der irakischen Luftwaffe am Sonntag von der Stadt Erbil ins Sindschar-Gebirge fliegen sollen, um Hilfe zu bringen.

Verdurstet

Doch schon nach dem ersten Mal war Schluss. Es gab kein Kerosin mehr. Einziger Lichtblick: Zumindest auf ihrem Rückflug, bei dem der Burgenländer Reimon und die Hubschrauberbesatzung unter Dauerbeschuss der Dschihadisten der IS ("Islamischer Staat") standen, konnten an die hundert Kinder ausgeflogen werden. Alle haben Durchfall, Infektionen, Verletzungen. Laut UNO sollen während der einwöchigen Belagerung bereits mindestens 40 Kinder verdurstet sein. (Youtube-Video: Hubschrauber-Einsatz zur Versorgung der Jesiden)

Ein ganzes Volk ist auf der Flucht: Für die Fanatiker der IS sind die rund 600.000 im Nordirak lebenden Jesiden "Teufelsanbeter". In Todesangst flohen sie deshalb vor den vorrückenden Fanatikern – oft mit nichts als dem, was sie am Leib trugen.

Die Berichte der Überlebenden auf dem Sindschar sind an Schrecken kaum zu überbieten: Sterbende liegen in den Felsnischen, unvorstellbarer Gestank liegt in der Luft. Eine Schwangere musste zwischen den nackten Felsen, ohne Wasser entbinden. Die Nabelschnur trennten Helfer mit einem Stein durch. Das Baby lebte nur eine halbe Stunde.

Nur einen Tag lang war nach dem anhaltenden Bombardement der US-Luftwaffe gegen die Stellungen der IS-Kämpfer ein Fluchtkorridor offen: An die 40.000 Menschen wagten am Wochenende den 20 Kilometer langen Marsch durch die Wüste ins sichere Kurdengebiet. Immer wieder marschierten sie an Leichen und Sterbenden vorbei, erzählten Flüchtlinge."Was hier vor sich geht, ist ein Genozid durch Hitze", empört sich Reimon. Die Dschihadisten der IS wissen: Sie müssen erst gar nicht angreifen, sondern blockieren am Fuß des Gebirgszuges alle Zugänge. Die Zeit erledigt ihre tödliche Arbeit für die religiösen Fanatiker. "Wenn nicht sofort mehr Hilfe kommt", sagt Reimon, sei es nur noch eine Frage von Tagen, ehe ein Massensterben beginne.

Selbst die wiederholten Abwürfe von Hilfspaketen der US- und britischen Luftwaffe bringen kaum Linderung: Wegen des Beschusses müssen die Flugzeuge so hoch fliegen, dass die Pakete samt Wassergalonen oft beim Aufprall zerplatzen.

So groß ist die Verzweiflung der Belagerten, dass sich einige nachts an die Stellungen der Dschihadisten am Fuß des Gebirgszuges heran schlichen um Lebensmittel zu stehlen. Nicht alle kamen zurück.

Bewaffnung

Strategische Planungen, wie den Tausenden Flüchtlingen aus ihrer Todesfalle geholfen werden kann, sind auch in Washington angelaufen. Flugzeuge können allerdings im Sindschar-Gebirge nicht landen, mit Helikoptern sind immer nur kleine Gruppen zu retten.

Unterdessen sollen die kurdischen Peschmerga-Milizen aufgerüstet werden, um sich besser gegen die bis an die Zähne bewaffneten IS-Kämpfer verteidigen zu können. Die USA haben damit begonnen, die Kurden mit Waffen und Munition zu beliefern. Doch bis die kurdischen Truppen auf den nordirakischen Schlachtfeldern gegen die Islamisten eine Wende erkämpft haben, können die Flüchtlinge auf dem Sindschar-Gebirgszug nicht mehr warten. "Die Hilfe muss jetzt kommen", sagt ein im Skype-Gespräch hörbar erschütterter Michel Reimon, "jetzt, sofort!"

Die religiöse Minderheit der Jesiden

Ethnische Kurden

Die – geschätzt – rund 800.000 Jesiden sind von der Volkszugehörigkeit her Kurden. Die Mehrheit von ihnen lebt im Nordirak, weiters in Syrien, der Türkei und dem Iran. Auch nach Deutschland sind etwa 60.000 Jesiden ausgewandert.

Religion

Die Wurzeln des Jesidentums reichen 4000 Jahre zurück, es vereint Elemente altorientalischer Religionen. Im jesidischen Glauben steht der „Engel Pfau“ im Mittelpunkt – radikale Islamisten sehen darin eine „Teufelsanbetung“.

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