Politik | Ausland
02.08.2017

Nimmt der IS nach dem Irak nun Afghanistan verstärkt ins Visier?

Kämpfer kommen offenbar zunehmend aus arabischen Ländern. USA äußern sich skeptisch.

Der jüngste Anschlag auf die irakische Botschaft in Kabul schürt Sorgen, dass die IS-Miliz nach Niederlagen in Syrien und Irak zunehmend Afghanistan ins Visier nimmt.

Eindeutige Belege dafür gibt es bisher kaum, doch die Regierung in Kabul ist alarmiert: "Wir sehen dieses Jahr mehr neue Waffen in den Händen der Aufständischen und einen Anstieg der Zahl ausländischer Kämpfer", sagt der Sprecher des Verteidigungsministeriums, Dawlat Wasiri. Die Sicherheitskräfte schätzen, dass etwa 7.000 Ausländer für den "Islamischen Staat" (IS) und die radikalislamischen Taliban in Afghanistan kämpften.

"Wir reden von Tausenden in Schlachten gehärteten, gebildeten und professionellen Kämpfern"

Die meisten von ihnen kommen demnach wie schon seit Jahren aus den Nachbarländern Pakistan, Usbekistan und Tadschikistan. Aber es wird befürchtet, dass mit dem zunehmenden Druck auf den IS in Syrien und im Irak auch immer mehr Kämpfer aus arabischen Staaten über den Iran nach Afghanistan gelangen. "Wir reden hier nicht von einfachen militanten Kämpfern. Wir reden von Tausenden in Schlachten gehärteten, gebildeten und professionellen Kämpfern", sagt ein Vertreter des Sicherheitsapparats. "Sie sind gefährlicher, weil sie hier Kämpfer und Fußsoldaten leicht rekrutieren können und dies auch tun werden." Nach Wasiris Angaben werden die Ausländer an vorderster Front eingesetzt, weil sie erfahrene Kriegsveteranen sind.

Unklar ist, wie groß der IS am Hindukusch ist. Die afghanischen Geheimdienste gehen davon aus, dass die Gruppe in neun der mehr als 30 Provinzen präsent ist. Schwerpunkt ist Nangarhar im Osten. Zusammen mit den afghanischen Sicherheitskräften wurde der IS nach Angaben der US-Streitkräfte allerdings im Verlauf des vergangenen Jahres durch Drohnen und Spezialeinsatzkräfte erheblich geschwächt.

"Unsere Brüder stammen zu hunderten aus verschiedenen Ländern"

Umstritten ist zudem, wie stark der Zulauf von Kämpfern aus Syrien und dem Irak ist. Auch ist noch nicht belegt, ob der vom IS für sich reklamierte Anschlag auf die irakische Botschaft am Montag tatsächlich auf das Konto der Gruppe geht. Wie bei vielen anderen Anschlägen will der IS auch angesichts der Rückschläge wie in Mossul offensichtlich den Eindruck schüren, dass er ausländische Kämpfer für sich gewinnt. Ein Anführer der Islamisten in Nangarhar erklärte etwa: "Unsere Brüder stammen zu hunderten aus verschiedenen Ländern."

Der Befehlshaber der NATO-Truppen in Afghanistan, John Nicholson, räumte im April zwar ein, dass die Gruppe Kämpfer aus Syrien einschleusen wolle. Aber: "Bisher sehen wir nicht, dass das passiert." Dennoch erwägen die USA, ihr Truppenkontingent in dem Land aufzustocken. Sie wollen gewährleisten, dass Afghanistan nicht erneut zu einem Rückzugsgebiet für ausländische Extremisten wird.

Studie: Islamischer Staat und Klimawandel weltweit größte Bedrohung

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" (IS) und die Folgen des Klimawandels werden laut einer Studie von Menschen rund um den Globus als größte Bedrohung ihrer Sicherheit wahrgenommen. Das Pew-Institut befragte über einen Zeitraum von drei Monaten knapp 42.000 Menschen in 38 Ländern. Den Befragten standen insgesamt acht Bedrohungen zur Auswahl.

Der "Islamische Staat" wird in 18 Ländern als größte Bedrohung angesehen, darunter vor allem in Europa und den USA. Die Folgen des Klimawandels gelten in 13 Ländern vor allem Afrikas und Lateinamerikas als besonders gravierend. In Spanien nannten 89 Prozent der Befragten das Klima an erster Stelle, das ist weltweit der Spitzenwert für dieses Thema. Auch in Deutschland gilt der am Dienstag in Washington veröffentlichten Studie zufolge der IS als Bedrohung Nummer eins (77 Prozent). Auf Platz zwei folgt die Sorge von Cyber-Angriffen (66 Prozent), fast ebenso viele Befragte nannten den Klimawandel (63 Prozent). In Österreich wurde die Studie nicht durchgeführt.

Je nach Land zeigt die Studie auch andere Schwerpunkte. So löst in Griechenland (88 Prozent) und Venezuela (56 Prozent) die Sorge um die Weltwirtschaft die größten Ängste aus. In der Türkei sind es Politik und Einfluss der USA (72 Prozent), in Polen oder Ungarn Fluchtbewegungen aus Ländern wie dem Irak oder Syrien (66 und 60 Prozent). Das Flüchtlingsthema wird in Deutschland nur von 28 Prozent an erster Stelle genannt.