Politik | Ausland
06.02.2017

Afghanistan: Krieg gegen die Kinder

Afghanisches Flüchtlingskind im Hellinikon Camp in Griechenland. © Bild: APA/AFP/LOUISA GOULIAMAKI

Zahl ziviler Opfer in Afghanistan 2016 auf neuem Höchststand. Laut UNO-Bericht massiver Anstieg bei getöteten und verletzten Kindern.

"Es war am Tag vor Ramadan, als die Taliban ins Dorf kamen. Mein Mann entschied, dass wir sofort gehen müssen, bevor sie anfingen, die afghanische Armee anzugreifen, die in der Nähe war. Ich hatte gerade ein Baby bekommen.

Wir gingen also los, Mann, Schwiegermutter, drei Kinder und ich mit dem Baby. Aber plötzlich landete eine Mörser-Granate neben uns. Ich flog auf den Boden, verletzt. Aber mein neugeborener Bub wurde von einem Splitter in die Brust getroffen. Nach ein paar Minuten war er tot."

Mit diesem Bericht einer jungen Frau aus der Provinz Farah beginnen die Vereinten Nationen einen der wichtigsten Jahresberichte zur Situation in Afghanistan. Der am Montag veröffentlichte Report zu den zivilen Opfern des afghanischen Krieges hat 111 Seiten. Er ist reich an Augenzeugenberichten, Statistiken und Kontext und illustriert so das Leiden von Kindern, Frauen und Männer, die im Kampf der islamistischen Taliban mit der afghanischen Regierung zwischen die Fronten geraten. Kurz gesagt: Das Leiden hat weiter zugenommen.

In this photograph taken on October 19, 2016, an Afghan family who was displaced by Kunduz fighting between Afghan forces and Ta… © Bild: APA/AFP/SHAH MARAI
Wieder seien innerhalb eines Jahres mehr Zivilisten getötet oder verletzt worden, berichtet die UNO - in Zahlen: 11.418 Afghanen. Das seien drei Prozent mehr als noch 2015.

Interessant ist der Bericht aber auch, weil er über die Schicksale der Opfer die Dynamiken eines Krieges erklärt, der sich seit dem Abzug der meisten internationalen Truppen 2014 rapide verändert hat.

24 Prozent mehr getötete oder verletzte Kinder

Der schockierendste Trend im neuen Bericht: Der Krieg wird zum Krieg gegen die Kinder. Um 24 Prozent sei die Zahl der getöteten oder verletzten Kinder 2016 angestiegen. Das liege unter anderem daran, dass Kämpfe sich zunehmend in dicht besiedelten Gebieten abspielten.

In this photograph taken on January 23, 2017, an Afghan girl holds her brother as she walks through a refugee camp in Herat. / A… © Bild: APA/AFP/AREF KARIMI
Ein weiterer Trend, der viel aussagt über die Natur des Konflikts: Sehr viel mehr Luftangriffe der USA und der wachsenden afghanischen Luftwaffe töten sehr viel mehr Zivilisten. Hier ist die Opferzahl um ganze 99 Prozent gestiegen, auf 250 Tote und 340 Verletzte.

Diese Luftangriffe, sagen Experten in Kabul, seien oft das einzige Mittel, die Taliban abzuwehren - was wiederum viel verrät über die Kapazitäten der afghanischen Streitkräfte, die ihren Krieg eigentlich nun alleine ausfechten sollen. Es erklärt auch, weshalb es, anders als früher, kaum Proteste der Regierung über zivile Opfer gibt.

Starke Zunahme bei Selbstmordanschlägen

Und noch ein wichtiger Trend: die Zunahme der Selbstmordanschläge. Drei Viertel aller Opfer gab es in der Hauptstadt Kabul. In 16 Anschlägen wurden 1.514 Zivilisten getötet oder verletzt. Das ist ein Anstieg von 75 Prozent gegenüber 2015.

FILE - In this Wednesday, Dec. 28, 2016, file photo, Afghan security personnel inspect the site of roadside bomb blast in Kabul,… © Bild: AP/Rahmat Gul
Der UNO-Bericht zu den zivilen Opfern ist aber bei weitem nicht der einzige, der Alarm schlägt über den Verlauf eines Krieges, der für viele Regierungen in der Welt in die zweite Reihe gerückt ist.

Afghanische Regierung verlor Kontrolle über Provinzen

Erst vergangene Woche hat zum Beispiel der Spezialinspektor des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan, John Sopko, in seinem vierteljährlichen Bericht deutlich gemacht, wie schnell die afghanische Regierung 2016 die Kontrolle über Provinzen verloren hat. Nur noch 57,2 Prozent des Territoriums seien in ihrer Gewalt - rund sechs Prozent weniger als noch im August und 15 Prozent weniger als 2015.

Afghan civilians watch the site of a bicycle bomb explosion targeted an army vehicle in Kabul, Afghanistan, Monday, Oct. 3, 2016… © Bild: AP/Rahmat Gul
Aber es gibt mehr Arten zu sterben, als durch Kugeln oder Bomben. Das machen die wöchentlichen "Feldberichte" der UNO-Agentur für humanitäre Hilfe ( OCHA) deutlich. Ebenfalls am Montag veröffentlicht sie einen weiteren Bericht, der meldet, dass sie nach Bereinigung von Zahlen nun knapp 650.000 Konfliktvertriebene 2016 sieht - Menschen, die mitten im Winter oft kein Dach über dem Kopf haben, wenig Essen und selten Geld.

OCHAs Fallstudien zeigen, wie sehr auch die unblutigen Faktoren des Krieges Leben gefährden können - die vielen Straßenblockaden der Taliban zum Beispiel. Wer nicht zum Markt kann, kann sein Gemüse nicht verkaufen. Hat so kein Geld für Essen oder den Arzt. Begräbt deshalb Kinder am Ende eines Winters, wenn die Erde taut.

Afghan security personnel inspect the damage after a roadside bomb blast in Kabul, Afghanistan, Wednesday, Dec. 28, 2016. Afghan… © Bild: AP/Rahmat Gul
Der Hohe Kommissar der UNO für Menschenrechte, Zeid Raad al-Hussein, sagt es zur Vorstellung des neuen Berichts zu den zivilen Opfern in Afghanistan so: "Die Konsequenzen eines jeden Akts der Gewalt erschüttern die Familien, ganze Gemeinden, und hinterlassen sie gebrochen, nicht in der Lage, sich selbst zu helfen."
UN High Commissioner for Human Rights, Zeid Raad al-Hussein of Jordan speaks on the UN Human Rights Office report on Sri Lanka d… © Bild: AP/Martial Trezzini
Für all das scheint kein Ende in Sicht. Die UNO packt es in einen dürren, kleinen Satz: "Frieden 2017 - es ist unwahrscheinlich."

Mehr als hundert Lawinentote in Afghanistan

In this photograph taken on February 5, 2017, an Afghan man pushes a wheelbarrow following heavy snowfall in Ghazni province. H… © Bild: APA/AFP/ZAKERIA HASHIMI
Bei einer Serie von Lawinenabgängen sind in Afghanistan mehr als hundert Menschen getötet worden. Allein in einem Dorf der Provinz Nuristan im Osten des Landes bargen Helfer am Sonntag die Leichen von mindestens 50 Verschütteten, in knapp zwei Dutzend weiteren Provinzen kamen 54 weitere Menschen durch Lawinen und Kälte ums Leben. Im benachbarten Pakistan starben mindestens 13 Menschen.

Nach tagelangem heftigen Schneefall waren am Wochenende im ganzen Land zahlreiche Lawinen abgegangen. Sie begruben ganze Dörfer unter sich und machten viele Straßen unpassierbar. Nur mit Mühe gelang es den Rettungsteams, zu den abgelegeneren Gebieten vorzudringen. Sie rechneten damit, dass die Zahl der Opfer weiter ansteigen wird.

An Afghan man removes snow from his shop during a snowfall in Kabul, Afghanistan February 5, 2017. REUTERS/Mohammad Ismail © Bild: REUTERS/MOHAMMAD ISMAIL
Nach Angaben des Sprechers des Katastrophenschutzministeriums. Mohammad Omar Mohammadi, begruben die Lawinen im Bezirk Bargmatal in der Provinz Nuristan zwei Dörfer komplett unter sich. Retter hätten aus dem einen Dorf die Leichen von 50 Bewohnern geborgen, sagte Mohammadi der Nachrichtenagentur AFP. Das zweite Dorf aber hätten sie noch nicht einmal erreichen können.

Dramatisch war auch die Lage in der benachbarten Provinz Badahshan. Dort wurden 18 Menschen getötet, deren Häuser von einer Lawine verschüttet worden waren. Dutzende weitere waren demnach noch von den Schneemassen eingeschlossen. Die Rettungsteams bemühten sich, zu ihnen vorzudringen. In der nördlich von Kabul gelegenen Provinz Parwan kamen mindestens 16 Menschen ums Leben.

Selbst aus der üblicherweise schneefreien Provinz Kandahar im Süden Afghanistans wurde Schneefall gemeldet. Die afghanische Regierung erklärte den Sonntag zum Urlaubstag, alle Schulen des Landes blieben daraufhin geschlossen.

An Afghan man pushes his bicycle on a snowy day in Kabul, Afghanistan February 5, 2017. REUTERS/Omar Sobhani © Bild: REUTERS/OMAR SOBHANI
Auch Pakistan leidet seit Tagen unter heftigem Schnee und Regen. Nach Angaben einer Zivilschutzsprecherin der Grenzprovinz Khyber Pakhtunkhwa verschüttete eine Lawine am frühen Morgen acht Häuser des Dorfes Shershal; für vier Frauen, vier Kinder und einen Mann kam jede Rettung zu spät. In derselben Gegend wurden ein Soldat und eine Grenzwache von einer zweiten Lawine getötet.

Im Stammesgebiet Khyber starben drei Kleinkinder und zwei Frauen wurden verletzt, als das Dach ihres Hauses nach heftigem Regen über ihnen einstürzte.

In der Provinz hatte es zuvor tagelang heftig geschneit. Einige Gebiete waren von einer 1,20 Meter hohen Schneedecke bedeckt. Viele Straßen waren blockiert, der Regionalflughafen von Chitral musste seinen Betrieb einstellen, in der gesamten Region fiel der Strom aus. In den am schwersten betroffenen Orten wurden Nahrung und Arzneimittel knapp.

Tödliche Lawinen sind in den bergigen Regionen Afghanistans und Pakistans keine Seltenheit. Besonders in Afghanistan scheitern Rettungseinsätze oft an mangelnder Ausrüstung. Trotz Milliarden Dollar an Hilfsgeldern seit dem Sturz der radikalislamischen Taliban im Jahr 2001 bleibt das konfliktgeplagte Land eines der ärmsten der Welt. Erst im Jänner waren im Norden Afghanistans 27 kleine Kinder bei klirrender Kälte und heftigem Schneefall ums Leben gekommen.