Lehrerproteste, hier im brasilianischen São Paulo: Seit zwei Monaten sind die Pädagogen vieler Städte im Streik. Ihre Demonstrationen endeten oft in heftigen Krawallen.

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Brasilien
10/21/2013

Neue Mittelschicht im Land begehrt auf

Alle paar Tage kommt es in Brasilien zu gewaltsamen Demonstrationen.

von Walter Friedl

Tränengas, Pfefferspray, Gummigeschoße auf der einen Seite, Steine, Molotowcocktails, brennende Barrikaden auf der anderen. In Brasiliens Metropolen geht es derzeit wieder heißt her. Alle paar Tage kommt es irgendwo in dem Riesenland zu Demonstrationen, die oft in Gewalt umschlagen.

Eines der Zentren der neu aufflammenden Sozialproteste ist die malerisch gelegene Küstenstadt Rio de Janeiro. Dort befinden sich die Lehrer der öffentlichen Schulen seit mehr als zwei Monaten im Streik. Sie beklagen vor allem die miserable Ausstattung (keine Computer, kein Internet-Zugang) und zu große Klassen. Und sie fordern bessere Gehälter. Diese wurden zwar Anfang Oktober um 15 Prozent angehoben, das ändert aber nichts an der Tatsache, dass die sechstgrößte Volkswirtschaft der Welt ihre Pädagogen schlecht entlohnt: Im (armen) Nordosten liegt der Einstiegsgehalt bei umgerechnet nur knapp 400 Euro.

Dabei buttert Brasilia 5,6 Prozent seines Bruttoinlandsproduktes in den Bildungssektor – das ist mehr als der OECD-Durchschnitt. Und doch kann die Hälfte der 15-Jährigen einen einfachen Text nicht sinnerfassend lesen. Wer es sich leisten kann, schickt seinen Nachwuchs daher auf Privatschulen, die allerdings bis zu 600 Euro pro Kind und Monat kosten.

Generalprobe

Das Thema Bildung war denn auch – neben Gesundheit, Infrastruktur und Anti-Korruptionskampf – eines der Kernanliegen der Mega-Proteste im vergangenen Juni anlässlich des Fußball-Confederationscup, der als Generalprobe für die WM im kommenden Jahr galt. Millionen Brasilianer gingen damals auf die Straßen und wollen das auch während des WM-Turniers wieder tun.

Diese Massenbewegung (siehe auch rechts) wird primär von der jungen Mittelschicht getragen, die nach den Boomjahren mit bis zu siebenprozentigen Wirtschaftswachstumsraten ihre Felle davonschwimmen sieht. Tatsächlich konnten seit 2002 an die 35 Millionen Brasilianer die bitterste Armut verlassen und sind zur unteren Mittelschicht aufgestiegen. Dieser gehört mittlerweile die Hälfte der 200 Millionen Einwohner an – das bedeutet aber bloß, dass sie ein monatliches Einkommen von 94 bis 446 Euro zur Verfügung haben.

Teurer Alltag

Und das reicht bei Weitem nicht, um die enorm gestiegenen Lebenshaltungskosten zu bestreiten. So ist etwa ein Smartphone um 50 Prozent teurer als in den USA. Die Konsumenten stehen mittlerweile bei den Banken derart in der Kreide, dass sie 21,5 Prozent eines durchschnittlichen Haushaltseinkommens für den Schuldendienst verwenden müssen.

„Die jungen Menschen haben besseren Zugang zu Informationen und spüren die Diskrepanz zwischen dem offiziellen Bild Brasiliens und ihrem Alltag“, analysiert die Politologin Sonia Fleury von der Getulio-Vargas-Stiftung in Rio. Vor allem die exorbitant hohen Mittel für die WM-Stadien-Neu- und -Umbauten sowie Infrastruktur-Maßnahmen erbosen viele Brasilianer. Mehr als zehn Milliarden Euro wird das sportliche Großereignis verschlingen. Allein die Fußball-Arena in Manaus im Amazonasgebiet schlägt sich mit 224 Mio. Euro zu Buche – und wird nach der WM nahezu leer stehen: Zu Spielen der Heim-Mannschaft verirren sich gerade einmal ein paar Hundert Fans.

Staatspräsidentin Dilma Rousseff rechtfertigt die Ausgaben mit hohen Umwegrentabilitäten und hofft auf einen neuen Schub für den zuletzt stotternden Wirtschaftsmotor. Heuer wird das Wachstum wohl nicht über 2,5 Prozent hinauskommen. Hat Rousseff der protestierenden Jugend aber keine echten Perspektiven zu bieten, könnte die Wiederwahl des einst so populären Staatsoberhauptes im Herbst kommenden Jahres gefährdet sein.

Protestwelle bis zur WM 2014

„Die Regierung argumentiert stets, dass Brasilien nach der Fußball-WM besser dastehen würde als vorher. Ich glaube das aber nicht, es wird alles so sein wie jetzt – oder sogar schlechter“, meint Luciano Marcos Pereira da Silva, der mit diversen sozialen Bewegungen zusammenarbeitet. Daher betont der Intellektuelle, dessen Arbeit von der Dreikönigsaktion (DKA) unterstützt wird, im KURIER-Interview, dass er die oft spontanen Proteste der jungen Menschen aus der (unteren) Mittelschicht verstehe.

Es handle sich dabei um eine riesige und völlig inhomogene Gruppe. „Das ist wie eine mächtige Welle ohne einheitliche Führung“, so Pereira da Silva, der jüngst auf Einladung der DKA in Wien war. Facebook spiele bei der Organisation der Demonstrationen und Aktionen eine dominante Rolle. Speziell auch deswegen, weil 75 Millionen Brasilianer auf dieser Medienplattform registriert sind – das ist einer der höchsten Werte weltweit.

Der Experte rechnet fest damit, dass die Proteste weitergehen und zur WM 2014 einen neuen Höhepunkt erreichen werden. Wenngleich er auch eine gewisse Resignation unter den Aktivisten erkennen will, was sich an der geringeren Teilnehmerschaft ablesen lasse. „Viele sind der Ansicht, dass alle Politiker korrupt und veränderungsresistent sind und haben sich komplett von der herkömmlichen Politik abgewandt“, analysiert da Silva, der darin aber auch eine Gefahr sieht: Die Bewegung könnte von undemokratischen Populisten vereinnahmt werden.

Seine Kollegin Jacqueline Elizabeth Rutkowski wiederum meint, dass sich die Frustration der Mittelschicht in der Beteiligung bei den Präsidentschaftswahlen nur wenige Monate nach der WM niederschlagen dürfte: „Sie könnte sehr gering ausfallen.“ Staatschefin Dilma Rousseff werde versuchen, die Proteste irgendwie zu kanalisieren und auf ihren noch immer stark vorhandenen Rückhalt unter den ärmsten Brasilianern bauen.

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