Politik | Ausland
04.12.2017

NATO: Nordkorea kann mit Raketen Europa und Nordamerika erreichen

Der Raketentest in der vergangenen Woche habe gezeigt, dass alle Alliierten in Reichweite seien, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg.

Die NATO geht davon aus, dass Nordkorea mit seinen Interkontinentalraketen auch Europa und Nordamerika angreifen könnte. Der Raketentest in der vergangenen Woche habe gezeigt, dass alle Alliierten in Reichweite seien, sagte Generalsekretär Jens Stoltenberg am Montag.

Deshalb müsse vor allem über Wirtschaftssanktionen "maximaler Druck" ausgeübt werden, um Nordkorea zu einer Aufgabe seines Atomwaffenprogramms zu bewegen. Stoltenberg zeigte sich überzeugt, dass ein militärisches Eingreifen vorerst nicht notwendig sein wird. Die NATO habe es über Jahrzehnte hinweg geschafft, mit Abschreckung militärische Konflikte zu verhindern.

Haben die Fähigkeiten und die Entschlossenheit, jegliche Art von Angriff abzuwehren

"Wir haben die Fähigkeiten und die Entschlossenheit, jegliche Art von Angriff abzuwehren", sagte er. Diese militärische Stärke ermögliche diplomatische Anstrengungen. Eine Neuausrichtung des vor allem gegen eine mögliche Bedrohung aus dem Iran aufgebaute Raketenabwehrschild in Europa sei derzeit nicht vorgesehen.

Die Nordkorea-Krise wird am Dienstag Thema bei einem NATO -Außenministertreffen in Brüssel sein. Die Diskussion hat durch den jüngsten nordkoreanischen Raketentest neue Brisanz bekommen. Mit der neuartigen Rakete des Typs Hwasong-15 sei das Land nun in der Lage, das gesamte Festland der USA mit Atomsprengköpfen anzugreifen, hieß es im Anschluss von der Führung in Pjöngjang.

Südkorea und USA begannen bisher größte gemeinsame Luftwaffenübung

Südkoreanische und US-Streitkräfte haben am Montag ihre bisher größte Luftwaffenübung abgehalten. An dem fünftägigen Manöver "Vigilant Ace" sollen nach Militärangaben mehr als 230 Kampfflugzeuge einschließlich F-35-Tarnkappen-Jets der USA sowie etwa 12.000 Soldaten teilnehmen.

Die bis Freitag stattfindende Übung soll die "Bereitschaft" der beiden verbündeten Länder stärken. Laut bisher unbestätigten südkoreanischen Medienberichten könnten daran auch US-Langstreckenbomber des Typs B-1B teilnehmen.

China rief alle Parteien im Nordkorea-Konflikt zur Zurückhaltung auf. Außenamtssprecher Geng Shuang warnte, die Lage auf der koreanischen Halbinsel sei "höchst sensibel". In Peking sagte er: "Wir hoffen, dass alle relevanten Parteien mehr dafür tun, um den Konflikt zu entspannen und gegenseitige Irritationen vermeiden."

Außenminister Wang Yi selbst mahnte zu einer geschlossenen Haltung gegenüber Nordkorea im Streit über das Atom- und Raketenprogramm des stalinistischen Landes. Die Regierung in Peking sei offen für verschiedene Lösungen, sagte er am Montag vor Journalisten. Aber alle Beteiligten sollten sich abstimmen. Es sei bedauerlich, dass die Spannungen nach einer vergleichsweise ruhigen Phase zuletzt wieder zugenommen hätten.

Im November des vergangenen Jahres hatten mehr als 16.000 Soldaten und mehr als 200 Flugzeuge an der jedes Jahr stattfindenden Übung der USA und Südkoreas teilgenommen. Vor wenigen Tagen hatte Nordkorea eine weitere Interkontinentalrakete gestartet, der Test war international scharf kritisiert worden. Das diplomatisch isolierte Land erklärte kurz danach, es könne jetzt das gesamte Festland der USA mit Atomsprengköpfen angreifen.

Der republikanische US-Senator Lindsey Graham hat unterdessen den Abzug von Familienangehörigen des amerikanischen Militärs aus Südkorea gefordert. "Angesichts der Provokationen Nordkoreas ist es verrückt, Kinder und Ehefrauen nach Südkorea zu schicken", fügte Graham im Fernsehsender CBS am Sonntag hinzu. Derzeit sind rund 28.500 US-Soldaten in Südkorea stationiert. Grahams Einschätzung nach steigt nach den jüngsten nordkoreanischen Raketentests die Gefahr eines militärischen Konflikts zwischen den USA und Nordkorea.

Das nordkoreanische Komitee für die Friedliche Wiedervereinigung des Landes warf den USA und Südkorea am Sonntag vor, mit dem gemeinsamen Luftmanöver Nordkorea "komplett zerstören" zu wollen. Das nordkoreanische Außenministerium hatte am Samstag die US-Regierung beschuldigt, "um einen Atomkrieg zu betteln". Pjöngjang wirft den USA regelmäßig vor, durch ihre Militärmanöver mit Südkorea einen Angriff vorzubereiten.

Das südkoreanische Vereinigungsministerium hat diesen Vorwurf entschieden zurückgewiesen. Das Militärmanöver "Vigilant Ace" sei von defensiver Natur, sagte Ministeriumssprecher Bai Tae-hyun bei einer Pressekonferenz am Montag. Zugleich betonte das Ministerium aber, die Luftwaffe trainiere auch für verschiedene Kriegsszenarien, darunter simulierte Präzisionsschläge gegen nordkoreanische Nuklearanlagen. Bezüglich Nordkoreas jüngstem Raketentest äußerte Seoul bereits am Freitag Zweifel, dass Nordkorea über die Technologie für den Wiedereintritt einer abgefeuerten Langstreckenrakete in die Erdatmosphäre verfüge.