Depardieu will nun auch Belgier werden

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Foto: AP/Steffen Schmidt Gerard Depardieu mit FIFA-Boss Sepp Blatter bei der Weltfußballer-Gala in Zürich.

Der Neo-Russe sieht sich weiterhin als Franzose - und will nun aber auch die belgische Staatsbürgerschaft.

Nationen-Chaos bei Filmstar Gerard Depardieu: Der Schauspieler sieht sich trotz seines neuen russischen Passes weiter als Franzose - will nun aber offenbar auch die belgische Staatsbürgerschaft erwerben. "Ich habe einen russischen Pass, aber ich bin Franzose und ich werde sicherlich auch die doppelte belgische Staatsbürgerschaft haben", sagte der 64-Jährige am Montagabend dem Sportsender L'Equipe 21 am Rande der Gala zur Auszeichnung des Weltfußballers 2012 in Zürich. Der Neo-Russe warb dort für die Fußballweltmeisterschaft 2018, die in seiner neuen Wahlheimat ausgetragen wird.

Erst Pass, dann Kulturminister?

Depardieu hatte am Samstag in Russland seinen neuen russischen Pass in Empfang genommen, nachdem ihm Staatschef Wladimir Putin am Donnerstag die russische Staatsbürgerschaft verliehen hatte. Bei seinem Russlandbesuch traf Depardieu auch in der Wolga-Republik Mordowien ein, wo ihm ein Ehrenempfang bereitet und sogar das Amt des Kulturministers angeboten wurden. In seiner Heimat Frankreich sieht sich Depardieu hingegen mit scharfer Kritik konfrontiert (siehe Bildergalerie). Eine französische Journalistengewerkschaft forderte den Filmstar unter anderem auf, seinen "Freund" Putin zu den zahlreichen Journalistenmorden in Russland zu befragen. 

"Hello Goodbye - Entscheidung aus Liebe" heißt ein Film mit Gerard Depardieu aus dem Jahr 2008. Der Filmstar sorgt in Frankreich derzeit für große Aufregung. Er will der Grande Nation den Rücken zukehren und künftig seine Zelte anderswo aufschlagen. Wie kam es zu dieser Abkühlung? Einige Filmtitel aus Depardieus Oeuvre geben Aufschluss. "Weh mir" (1993) - 
In Frankreich wurden 2012 neue Steuergesetze beschlossen, wonach Einkommen, die höher als eine Million Euro jährlich sind, von 2013 an mit 75 Prozent besteuert werden. "Obelix bei den Belgiern" hat "Obelix"-Darsteller Depardieu zwar noch nicht gedreht. Er tat es aber wohlhabenden Landsleuten gleich und verlegte Anfang Dezember seinen Wohnsitz nach Belgien, wo es keine Vermögenssteuer gibt. Depardieus Haus befindet sich in Nechin, 20 Kilometer östlich der französischen Stadt Lille. "Ich hasse Schauspieler!" (1986) - 
Mit seiner Steuerflucht zog der Schauspieler in Frankreich heftige Kritik auf sich. Premierminister Jean-Marc Ayrault bezeichnete Depardieus Umzug in einem Fernsehinterview als "unpatriotisch" und "ziemlich erbärmlich". "Abgetaucht" (1974) - 
Depardieu reagierte mit einem erzürnten offenen Brief. Er verlange keine Zustimmung, aber Respekt. Er verlasse Frankreich, weil die Regierung der Ansicht sei, Erfolg und Talent müssten bestraft werden. "Wer sind Sie, dass Sie glauben, so über mich urteilen zu können, Herr Ayrault?", empörte sich Depardieu. "Ich gebe Ihnen hiermit meinen Pass und meine Sozialversicherungsnummer - die ich nie benutzt habe - zurück. Wir haben nicht länger dasselbe Heimatland, ich bin ein echter Europäer, ein Weltbürger, so wie es mir mein Vater stets eingeimpft hat." "Die Wahl der Waffen" (1981) - 
Depardieu (63) müsse zunächst Belgier werden, um einen belgischen Pass zu bekommen, meint der belgische Außenminister Didier Reynders. Plötzlich wird Russland zur Option für Depardieu. Der Filmstar meinte sogar, Russlands Präsident Wladimir Putin habe ihm bereits einen Pass geschickt. Dies sei "wahrscheinlich ein Witz" gewesen, sagte Putins Sprecher. "Olé!" (2005) - 
Am 20. Dezember bekommt Depardieu erste "Liebesgrüße aus Moskau". Putin ist bereit, dem französischen Schauspieler einen russischen Pass auszuhändigen - falls sich dieser wirklich daran interessiert zeigt. "Falls Gerard eine Aufenthaltsgenehmigung oder einen russischen Pass haben möchte, ist das eine ausgemachte Sache", erklärte Putin. Er betonte, er habe enge freundschaftliche Beziehungen mit dem Schauspieler - "obwohl wir uns wenig sehen". "Eine reine Formalität" (1994) - 
Am 3.Jänner wird Depardieu Russe. Putin verlieh seinem "Freund" mit einem Dekret die russische Staatsbürgerschaft. Der Formulierung der Erklärung nach hat der 63-jährige Filmstar die Staatsbürgerschaft selbst beantragt. Ein Sprecher Depardieus lehnte eine Stellungnahme ab. "Bon voyage" (2003) - 
In einem Brief erklärt Depardieu seinen spektakulären Nationalitätenwechsel: "Ja, ich habe diese Anfrage auf einen Pass gestellt und ich bin erfreut, dass meiner Bitte stattgegeben wurde." "Angewidert" von der französischen Politik sei er, schreibt der Schauspieler - gefolgt von Ehrbekundungen für den Kremlchef. Er schätze Wladimir Putin, schreibt der Schauspieler. "I Want to Go Home" (1998) - 
Der im russischen Fernsehen veröffentlichte Brief Depardieus "an die russischen Journalisten" liest sich wie eine Liebeserklärung an die neue Wahlheimat: "Ich liebe Ihr Land Russland, seine Menschen, seine Geschichte, seine Schriftsteller." Er möge die Filme und die Schauspieler, mit denen er gearbeitet habe, schwärmt Depardieu. "Ich liebe Ihre Kultur, Ihre Intelligenz." Der 64-Jährige sieht sich sogar in Russland verwurzelt: "Mein Vater war Kommunist und hat Radio Moskau gehört! Das ist ein Teil meiner Kultur." "Die Flüchtigen" (1986) - 
Zugleich droht auch Frankreichs einstige Filmlegende Brigitte Bardot damit, einen russischen Pass zu beantragen.Nach ihrem angedrohten Nationalitätenwechsel werde die Tierschützerin bald den russischen Präsidenten Putin besuchen. Bardot: "Ich meine das sehr ernst. Ich habe die Nase gestrichen voll und ertrage dieses Land nicht mehr." Bardot sagte, der russische Präsident sei "sehr human" und habe "mehr für den Tierschutz getan als alle unsere Präsidenten". Bardot will die russische Staatsbürgerschaft beantragen, wenn die beiden Zirkuselefanten "Baby" und "Nepal" in Lyon eingeschläfert würden, "um aus diesem Land zu fliehen, das nur noch ein Tierfriedhof ist". Bei den Tieren besteht Verdacht auf Tuberkulose. "Green Card - Schein-Ehe mit Hindernissen" (1990) - 
Am Samstag traf Depardieu zu einem "Privatbesuch" in Russland ein. Der 64-Jährige traf Putin in dessen Residenz im Badeort Sotschi am Schwarzen Meer und erhielt dann auch seinen neuen russischen Pass. "Ganz so schlimm ist er auch nicht" (1975) - 
Depardieu bezeichnete Putins Russland als "große Demokratie". Eine französische Journalistengewerkschaft hat den Filmstar daher zu einer kritischen Haltung gegenüber der Führung in Russland aufgefordert. Depardieu solle bei seinem "Freund" Putin einmal nachfragen, was aus den Ermittlungen zu den zahlreichen Journalistenmorden in Russland geworden sei. "Pakt des Schweigens" (2003) - 
Die Journalistengewerkschaft regte auch an, Depardieu solle Putin fragen, "weshalb die Fernsehsender vollständig unter seiner Kontrolle stehen, warum einige Journalistenkollegen inhaftiert sind und weshalb Nachrichtenseiten im Internet regelmäßig gestört werden, wenn sie unbequeme Informationen über unseren Freund und dessen Umfeld verbreiten". "Rasputin" (2011) -
"Der Präsident hat mit Herrn Depardieu über dessen weitere künstlerischen Pläne und eine Reihe weiterer Fragen gesprochen", sagte Putin-Sprecher Peskow. . "Beide haben auch über den Film 'Rasputin' gesprochen, der bisher nicht in Russland zu sehen war." "Die Ausgebufften" (1974) - 
Stolz winkte der "Neo-Russe" mit dem Pass, als er in die Stadt Saransk, rund 650 Kilometer südöstlich von Moskau, weitergereist ist. Der Schauspieler feierte dort mit Freunden das orthodoxe Weihnachtsfest. Die Einbürgerung gilt auch als PR-Coup von Putin. Genau vor einem Jahr befand sich Russlands starker Mann nach Massenprotesten in einem Stimmungstief. Die französische Oppositionspolitikerin Valerie Pecresse sagte, sie sorge sich um das internationale Ansehen des Landes. "Ich leide, dass Frankreich zum Gespött der Welt wird." Kritik an Bardot und Depardieu kam auch vom Grünen-Politiker Daniel Cohn-Bendit. Er nannte die beiden "ausgesprochene Dummköpfe". "Wenn sie sich zu Putin ins Bett legen wollen, dann sollen sie es tun, damit ist die Angelegenheit geregelt", sagte er im TV. Die Pariser Steuerpläne haben mittlerweile einen Rückschlag erlitten. Der französische Verfassungsrat erklärte den Höchststeuersatz von 75 Prozent für Jahreseinkommen von mehr als einer Million Euro für nicht verfassungskonform. Der sozialistische Präsident Francois Hollande, der die Reichensteuer im Wahlkampf versprochen hatte, reagierte nach Angaben seines Umfelds "gelassen".

Verärgert über die öffentliche Empörung kündigte Depardieu vor einiger Zeit an, die französische Staatsbürgerschaft aufzugeben - seine Äußerung vom Montagabend legt aber nahe, dass er dies doch nicht vor hat. Sollte er nun auch belgischer Staatsbürger werden, hätte er drei Nationalitäten. Im Dezember war bekannt geworden, dass Depardieu sich in einem belgischen Dorf ein Haus gekauft hat, um den hohen Steuern für Gutverdiener in Frankreich zu entgehen.

Die Annahme des russischen Passes habe nichts mit einer Steuerflucht zu tun, beteuerte Depardieu am Montagabend. "Wenn ich vor dem (französischen) Fiskus hätte fliehen wollen, hätte ich es schon vor langer Zeit getan", sagte der Obelix-Darsteller zu L'Equipe 21. In Russland gilt ein einheitlicher Steuersatz auf Einkommen von 13 Prozent.

Gerichtstermin in Paris

Unabhängig von seiner möglichen Steuerflucht droht Depardieu Ungemach von der französischen Justiz. Der Filmstar war Ende November in Paris betrunken mit seinem Motorroller gestürzt. Nun soll ihm der Prozess gemacht werden. Depardieu sträubt sich allerdings gegen einen Gerichtstermin und beantragte eine Verschiebung der auf Dienstag angesetzten Anhörung, was die Staatsanwaltschaft aber ablehnte. Sollte Depardieu am Dienstag nicht vor Gericht erscheinen, könnte der Fall direkt an ein Strafgericht weitergeleitet werden.

(APA / jt) Erstellt am
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