Die Zahl der Opfer nach der Chemikatastrophe ist vermutlich viel höher als offiziell angegeben

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Nach Tianjin
08/26/2015

In China wächst der Zorn auf die Regierung

Chemie-Katastrophe und Kurs-Verfall: Allgegenwärtige Zensur macht das Volk misstrauisch. Staatsführer Xi spricht von "einer blutigen Lektion".

von Susanne Bobek

Es habe Probleme mit der Überwachung der Firma gegeben, die in ihren Lagerhallen statt 70 Tonnen mehr als 700 Tonnen Natriumcyanid gelagert hatte. Die Chemikalien, die zu dem schweren Giftgasunglück geführt haben, waren "unerlaubterweise in Metalleimern und Holzkisten" verstaut, heißt es offiziell.

Jiajia, ein Pekinger Journalist und Blogger, schrieb einen wütenden Artikel, der aber bald wieder amtlicherseits aus den sozialen Netzwerken gelöscht wurde. "Hört auf, eure digitalen Kerzen anzuzünden, nehmt eine Peitsche und schlagt alle die, die ihre Pflichten vernachlässigt haben und menschliches Leben wie Dreck behandeln."

Umweltsünden

Fast zwei Wochen nach den schrecklichen Explosionen in der Hafenstadt Tianjin, nur eine halbe Schnellzugstunde von Peking entfernt, geht es rund in den chinesischen sozialen Netzwerken. Diesmal lässt sich die Wut in der Bevölkerung kaum noch unterdrücken. Die haarsträubenden Umweltsünden, der ewige Smog, die unaufhörlichen Lebensmittelskandale, die Machtwillkür der sogenannten "Tiger", das sind korrupte Beamte, Politiker und ihre Familienclans, machen die Leute richtig zornig. Nicht wenige Chinaexperten orakeln schon, dass dieses Unglück auch die Staatsspitze in Peking erschüttern könnte.

Denn die rapid anwachsende, gut verdienende Mittelschicht, die mittlerweile mit offenen Augen die Welt bereist und sich so auch einen weiteren Horizont verschafft, will sich Behördenwillkür nicht mehr so stoisch ruhig gefallen lassen wie bisher. Viele fürchten um ihre Ersparnisse, weil die Börsen einbrechen und Aktien als bisher sichere Anlage gegolten haben. Im Kampf gegen fallende Kurse wurde der chinesische Leitzins am Dienstag um 0,25 Prozentpunkte auf 4,6 Prozent herabgesetzt.

Misstrauen

Die meisten Chinesen misstrauen den offiziellen Nachrichten. Etwa eine 48-jährige, toughe Rohstoffhändlerin aus der Zehn-Millionen-Provinzhauptstadt Chengdu: "Unsere Zeitungen lügen", sagt sie. Ihre Tochter soll einmal in den USA studieren, und sie selbst will sich irgendwann ein Haus in der Toskana kaufen, weil man in Europa nicht so leicht enteignet werden kann.

Oder Lin, 33, Manager eines halbstaatlichen Konzerns in der Nähe von Schanghai, der diesen Sommer mit Frau und Sohn drei Wochen lang die USA bereiste. Auch er findet, dass man es in China ziemlich schwer hat, unbeschwert glücklich zu sein. Denn Geld alleine, sagt er, mache nicht froh.

Wer kann, schafft zumindest einen Teil seines Vermögens ins Ausland.

Gerüchten zufolge sei die Katastrophe viel schlimmer als zugegeben. Ärzte fordern Familien auf, Tianjin unverzüglich zu verlassen, da man dort immer mehr Gift einatme. Inoffiziell ist von mehr als 1000 Toten und Hunderten Vermissten die Rede. Zornige Verwandte klagen lautstark, dass sie von den Behörden angelogen würden.

Verwüstung wie im Krieg:

Smoke rise from the site of the explosions at the

In this photo released by China's Xinhua News Agen…

Damaged cars are seen near the site of the explosi

Firefighters work at the site as smoke and fire ri

Damaged buildings and cars are seen near the site

An injured man talks on his mobile phone at the si

Excavators work near the site of the explosions at

In this photo released by China's Xinhua News Agen…

A damaged road sign is seen near the site of the e

A figurine of Maitreya Buddha is seen under a brok

A man looks at smoke pluming from the explosion si

Smoke rise from container boxes near the site of

Gerüchte

Die Zensur kommt mit dem Löschen der Einträge kaum nach. Ein Artikel des Pekinger Journalistikprofessors Hu Yong macht die Runde. "Gerüchte" , schreibt er, "sind eine Form des gesellschaftlichen Protests. Ein Pfeil gegen die Regierung. Aber weil die Regierung Zensur ausübt, wird das Volk immer neugieriger."

Präsident Xi Jinping sagte, dass Unglück sei "eine blutige Lektion, die man nicht vergessen werde". Er verspricht Aufklärung, doch viele Chinesen glauben, dass die Firma Rui Hai, die für das Unglück verantwortlich gemacht wird, von "Tigern" betrieben wurde. Die Namen einiger Aktionäre tauchten online in den Pekinger Nachrichten auf, wurden aber bald wieder gelöscht.

Der Vorstandschef und neun Mitarbeiter der Firma Rui Hai sind in Haft. Zwischen Oktober 2014 und Juni 2015 hatte die Firma keine Genehmigung, mit Gefahrengut zu arbeiten. Der Minister für Arbeitsschutz wurde "wegen Verletzung von Disziplin und Gesetzen" gefeuert.

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