Politik | Ausland
23.07.2017

Mittelmeer-Reportage: "Viele wollen gar nicht nach Europa"

Zwei KURIER-Reporter berichten vom Einsatz der "Ärzte ohne Grenzen" im Mittelmeer.

Nach zwei Tagen Fahrt ist die "VOS Prudence" in den Gewässern vor Libyen angekommen. Aber mit Flüchtlingsbooten rechnet heute niemand mehr. Die Wellen vor der Küste sind zu hoch, mit den Nussschalen der Schlepper sind sie nicht zu überwinden.

Angelina Perri nützt die Zeit für letzte Vorbereitungen. Die Hebamme ist meist die erste, die mit weiblichen Geretteten an Bord spricht und sie untersucht. Sie schätzt, dass neun von zehn Frauen, die aus Libyen fliehen, Opfer sexueller Gewalt geworden sind. Doch die Vergewaltigungen würden häufig keine Spuren hinterlassen.

"Viele Frauen in Libyen wehren sich nicht gegen die Vergewaltigung. Sie wissen, dass sie sonst riskieren, erschossen zu werden." Antibiotika gegen sexuell übertragbare Krankheiten sind jene Medikamente, die sie am häufigsten verabreicht.

Die "Prudence" ist ein von Ärzte ohne Grenzen gechartertes Rettungsschiff, dass seit März Menschen aus dem Mittelmeer holt und nach Italien bringt. An Bord befindet sich ein 20-köpfiges Team der Hilfsorganisation, das aus einer Ärztin, mehreren Krankenpflegerinnen, Logistikern, Übersetzern, Beiboot-Fahrern und einer Psychologin besteht. Hinzu kommen 15 professionelle Seeleute, die das Schiff steuern und betreuen, sowie auf dieser Fahrt auch zwei KURIER-Reporter.

Schwimmendes Lazarett

In den vergangenen Tagen hat die Crew das Hauptdeck der "Prudence" für die kommenden Rettungsaktionen vorbereitet. Weiße Container beherbergen ein kleines Feldspital, das Hebammen-Zimmer, Duschen, Toiletten, Lagerräume und einen Leichenkühlraum. Trauben aus orangen Rettungswesten hängen in der Nähe der Beiboote. An der Reling wurden Schutznetze und improvisierte Pissoirs aus Trichtern und Schläuchen angebracht, die ins Meer führen.

Auf dem obersten Deck des Vorschiffs halten Crewmitglieder mit Feldstechern rund um die Uhr Ausschau nach Flüchtlingsbooten. Bei Rettungen kommen die beiden Beiboote zum Einsatz. Der 35-jährige Laith Mohammad hat die Aufgabe, die Menschen in den Booten zu beruhigen, bevor er Schwimmwesten verteilt.

"Am meisten Angst bereitet es mir, wenn die Leute in Panik geraten", sagt Mohammad, der als Sohn einer palästinensischen Familie in Damaskus geboren wurde und seit 2008 in Schweden lebt. Vor acht Wochen half er, zwei tote Frauen zu bergen, zertrampelt in einem überfüllten Schlauchboot. Es war seine erste Rettungsaktion.

Search-and-Rescue-Zone

Bald werden mehrere Hundert Menschen Schulter an Schulter an Deck der "Prudence" übernachten. Auf seinen jüngsten Fahrten hat das Schiff jeweils rund 1000 Gerettete nach Italien gebracht. Doch mit jeder Rückkehr eines NGO-Schiffs nach Italien scheint die Opposition dagegen in Europa zu wachsen.

Seit dem Ablegen im sizilianischen Augusta erreichten die Crew täglich neue Meldungen über Kritik an den NGOs (Hilfsorganisationen). Im Fokus steht ist die sogenannte Search-and-Rescue-Zone (SAR-Zone), ein kreisförmiges Gebiet außerhalb der libyschen Hoheitsgewässer mit einen Durchmesser von rund 80 Kilometern, in dem die Schiffe der NGOs ihre Runden drehen. Hier geschieht der überwiegende Großteil der Rettungen.

Die Helfer würden sich mit Schleppern über Lichtsignale absprechen und in libysche Hoheitsgewässer fahren: Das ist das Bild, dass die Politik derzeit in Europa verbreitet. Die italienische Regierung hat einen Verhaltenskodex präsentiert, der die Missstände beseitigen soll. Aber gibt es die überhaupt?

Vorwurf und Dementi

Stichhaltige Beweise für die Vorwürfe sind die Regierungen bisher schuldig geblieben. An Bord der "Prudence" stößt die Kritik auf Unverständnis. Mit den Schleppern werde nicht kooperiert, weder mit Lichtsignalen noch sonst irgendwie, sagt Stephan Van Diest aus Belgien, der Teamleiter von Ärzte ohne Grenzen an Bord.

In libysche Hoheitsgewässer würde man nur im Notfall auf ausdrückliche Anweisung der Seenotrettungsleitstelle "Maritime Rescue Coordination Centre" (MRCC) in Rom einfahren. "Das lassen wir uns schriftlich geben, per Fax oder eMail", sagt der 40-Jährige. Auch bei Rettungen außerhalb der libyschen Gewässer handle man nur auf Geheiß des MRCC.

Die eng abgesteckte Rettungszone erklärt Van Diest mit den libyschen Ölplattformen, deren Gasfackeln nachts von Weitem zu sehen sind. "Die Schlepper sagen ihnen: Haltet auf die Flammen zu, in dieser Richtung ist Italien", sagt er. Entlang der Achse positionieren sich folglich die Schiffe der NGOs.

"Push-Faktor" Libyen

Mindestens 85.000 Menschen sind seit Jahresanfang über die Mittelmeerroute in Italien angekommen. Über 2300 sind auf dem Weg ums Leben gekommen. Dass die Rettungsaktionen vor der Küste nur noch mehr Migranten anziehen, bezweifelt Van Diest. Viele würden aus wirtschaftlichen Gründen nach Libyen kommen, dort aber Zwangsarbeit und Gewalt erleiden. Jeder an Bord weiß Horrorgeschichten aus Libyen zu berichten, von vor den Augen der Eltern getöteten Kindern und vergewaltigten Eheleuten.

Die Rückkehr in die Heimatländer sei zu gefährlich, sagt Van Diest. Als einziger Ausweg bleibt das Meer. "Nicht wenige wollen gar nicht nach Europa, sondern wieder zurück in ihre Herkunftsländer. Sie kommen als Wirtschaftsmigranten und verlassen Libyen als Flüchtlinge." Van Diest nennt die Zustände in Libyen den "Push-Faktor".

"Unmöglich, Route zu schließen"

"Die Mittelmeer-Route zu schließen, halte ich für unmöglich", sagt Giuseppe Trovato, ein stämmiger Sizilianer, der in einem weißen Plastiksessel am Hauptdeck sitzt. "Es würden vielleicht weniger Leute kommen, aber sie werden kommen. Schon als ich ein Kind war, haben Migranten nach Sizilien übergesetzt." Der vollbärtige 52-Jährige ist für die sanitären Einrichtungen zuständig. Wenn Leichen geborgen werden, kümmert er sich um deren Lagerung im Kühlraum. Aber das ist schon länger nicht mehr passiert, was wohl dazu beiträgt, dass Trovato immer zu Scherzen aufgelegt ist.

Wenn die NGOs nicht wären, würde das Mittelmeer zu einem noch größeren Friedhof werden, als es ohnehin schon ist, ist er überzeugt. "Dann werden wir ziemlich dicke Fische auf unseren Tellern haben." Der Humor an Bord kann durchaus ins Schwarze abdriften.

Lesen Sie hier den Blog der KURIER-Reporter über ihre Tage an Bord des Rettungsschiffes.

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