Politik | Ausland
16.08.2013

Milos Zeman: Sorgenkind auf der Prager Burg

Tschechien diskutiert Machtspiele und Trinkgewohnheiten des Präsidenten.

Die Schneekoppe ist ein Berg, dem man sich auch als Präsident üblicherweise zu Fuß nähert, zumindest am 10. August, wenn sich Hunderte auf Wallfahrt zum Gipfel aufmachen. Umso größer das Erstaunen der Wanderer, als an diesem Vormittag die Bergrettung an ihnen vorbeibretterte. Mit an Bord Präsident Milos Zeman. Der ließ sich zum Gipfel chauffieren. Dort nahm er, kaum angekommen, eine Zigarette und ein Bier zu sich und ließ sich danach nur allzu gerne auf einen Schnaps einladen.

Er sei eben ein älterer Herr, entschuldigte sich der Staatschef bei einigen Pilgern, und müsse daher mit dem Auto fahren.

Zündstoff für eine Debatte, die man Tschechien derzeit ebenso heftig debattiert wie die aktuelle Regierungskrise und die erwartete Ausrufung von Neuwahlen: Die Gesundheit des Präsidenten und dessen dafür nicht gerade förderlichen Gewohnheiten. Milos Zeman konsumiert gut zwei Packungen Zigaretten pro Tag und ist ein so passionierter Raucher, dass er sich sogar bei Staatsbesuchen – etwa bei Heinz Fischer in Österreich – eine Raucherlaubnis in Amtsräumlichkeiten und bei Festbanketten herausschlägt.

Dazu kommt ein Alkoholkonsum, der schon nach Zemans eigenen Angaben die Grenze des Zuträglichen spielend überschreitet. Sechs Gläser Wein und drei Schnäpse hat der Sozialdemokrat schon während seines Wahlkampfes zu Jahreswechsel als tägliche Dosis angegeben.

Martin Holcat, Kurzzeit-Gesundheitsminister in der von Zeman ins Amt bugsierten und vom Parlament soeben abgelehnten Übergangsregierung, musste sich dafür hergeben, diese Mengen an Alkohol als nicht ungewöhnlich zu verteidigen. Er kenne eine Menge Patienten, meinte der Arzt und Spitalsdirektor, die das Zwei- bis Dreifache trinken würden.

Holcats politisch weniger engagierte Kollegen sehen die Sache allerdings gänzlich anders. „Wenn der Präsident nicht aufhört zu trinken, könnte er erblinden oder nicht mehr gehen können“, mit diesem Kommentar machte der prominente Psychiater Karel Nespor vor wenigen Tagen gehörig Schlagzeilen und löste eine öffentliche Debatte aus, die seither die politische Krise beinahe in den Schatten stellt.

Der immerhin zwölfköpfige Ärzterat, der für die Gesundheit des Präsidenten verantwortlich ist, sah sic h daraufhin gezwungen, den Zustand seines Patienten auf der Prager Burg ausführlich in der Öffentlichkeit darzustellen. Seither weiß das ganze Land, dass sein Präsident an Zuckerkrankheit leidet – und das mit inzwischen merklichen Folgen.

Wie auf Prothesen

Zeman hat Schmerzen und wachsende Taubheit in Fingern und Füßen. Das, so die Diagnose des Ärzteteams gegenüber den tschechischen Medien, könne auch dafür verantwortlich sein, dass der Präsident oft Schwierigkeiten beim Gehen habe: „Stellen Sie sich das so vor, als ob er vom Knöchel abwärts eine Prothese hätte.“

Das liefert eine Erklärung für die offiziellen Auftritte des Präsidenten, bei denen er in letzter Zeit entweder stolperte oder so schwankte, dass er von seinen Nachbarn gestützt werden musste.

Doch während sich sogar Gesundheitsminister Holcat öffentlich den Kopf zerbricht, ob Zeman bei Verschlechterung seines Gesundheitszustandes sein Mandat weiter ausüben könne, kümmert sich er selbst lieber um seine politischen Pläne. Die Neuwahlen, die das Parlament schon in der kommenden Woche ausrufen dürfte, will er möglichst lange hinauszögern. Der wachsende Frust der Tschechen über ihre korrupten Politiker könnte seine eigene „Partei der Bürgerrechte“ weiter wachsen lassen.

Warum die Popularität Milos Zemans bei seinen Landsleuten ungebrochen ist

Das Land taumelt von einer politischen Krise in die andere, das Staatsoberhaupt experimentiert und ignoriert alle politischen Regeln. Dies alles schadet Milos Zeman nicht, seine Popularität ist ungebrochen.

Was gefällt so vielen Tschechen an dem trinksüchtigen, polternden, schlecht angezogenen zwei Meter großen Politiker, der gerne überall aneckt? Milos Zeman (68) redet dem Volk nach dem Munde wie kein anderer. Er hält an seinem Versprechen fest, ein aktiver Staatschef – ein Macher – zu sein. Durch sein Taktieren gelang es ihm, die konservative Regierungskoalition zu spalten. Wenn es um seinen Machterhalt geht, scheut Zeman nicht, populistische Maßnahmen durchzusetzen. Die Anhebung der Mindestlöhne, die er im Wahlkampf versprochen hatte, wurde durch die ihm hörige Übergangsregierung realisiert. Billige Energie soll durch den Ausbau von weiteren Blocks in Temelin und die Freundschaft zum ölreichen Russland garantiert werden.

Obwohl hochgebildet, kehrt der Linkspopulist den Intellektuellen nicht hervor, wie es sein Vorgänger Vaclav Klaus tat. Zeman, für seine witzigen Sprüche bekannt, gibt sich beim Volk hemdsärmelig. Auch jetzt, wo ihn die Ärzte auf Diät setzten, schwärmt er für Blunzen und Burenwurst und raucht ohne Unterlass.

Sein Erscheinungsbild ist dem begabten Politiker, der auch lange Reden frei hält, scheinbar egal. Zeman bevorzugt Anzüge im Stil eines kleinen Beamten und Freizeitkleider von der Stange.

Auch im höchsten Amt will Zeman, der als Kind Förster und dann Pensionist werden wollte, Urlaub in seinem Bauernhaus in der Vysocina verbringen und in seinem Schlauchboot am nahen Teich Runden drehen.

Applaus erntet Zeman, der grundsätzlich EU-Anhänger ist, von vielen, wenn er die nationale Karte zückt. Etwa wenn er die Sudetendeutschen als fünfte Kolonne Hitlers bezeichnet. Sein Patriotismus geht so weit, dass er aufhörte, seinen Lieblings- Kräuterschnaps Becherovka zu trinken, nachdem die Karlsbader Getränkefirma ans Ausland verkauft wurde. Nun trinkt Zeman den heimischen Slibowitz und Bier.

In Zeiten, wo in Tschechien hohe Politiker wegen Korruptionsverdachts vor Gericht stehen und zwei Drittel der Bevölkerung meinen, dass die Mehrheit der Staatsbeamten bestechlich sei, fiel auf Milos Zeman vorerst kein Schatten. Vor Kurzem errichtete Zeman einen Dauerauftrag bei seiner Bank. Bis zum Ende seiner Amtszeit wird er monatlich 60.000 Kronen (2500 €) an einen Fonds überweisen, um das Staatsdefizit reduzieren zu helfen.

Und noch ein Charakterzug der Tschechen erklärt Zemans Popularität: sie mögen keine faden Politiker. Ein trockener Technokrat, der Phrasen klopft, kommt als Präsident nicht infrage.

Deshalb stiegen in die Stichwahl um den Präsidentenjob zwei Politiker nicht konventionellen Zuschnitts auf, der linke Milos Zeman und der konservative Karel Schwarzenberg.

Zwei Persönlichkeiten und obendrein Archetypen für politische Autoritäten, wie die Tschechen sie schätzen. Der adelige Schlossherr, der schon so lange reich ist, dass ihn Geld nicht mehr korrumpieren kann, und der aufmüpfigen Proletarier, der genau diesen Adeligen herausfordert.

Der geniale Populist Zeman wusste eben, warum er bis zum Umzug in die Prager Burg in einem Plattenbau in der Vorstadt wohnte.