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US-Wahl
10/28/2016

Michelle Obama: Der Lichtblick im US-Wahlkampf

Die First Lady sorgt im Wahlkampf der kleineren Übel Clinton und Trump für die positivsten Momente - und schon spekulieren US-Medien, wohin die Reise für Michelle Obama noch gehen könnte. Vielleicht sogar ins Weiße Haus?

von Karl Oberascher

First Lady - der Amtsbonus liegt quasi schon im Titel begründet. Anders als bei scheidenden Präsidenten dürfen sich deren Gattinnen traditionell über hervorragende Umfragewerte freuen. Das war bei Laura Bush so, das war bei Rosalynn Carter so - und das ist bei Michelle Obama so. Nur Hillary Clinton war nach den acht Jahren ihres Mannes im Amt nicht mehr besonders wohlgelitten (ein Umstand, der sich bis heute nicht sonderlich geändert hat - dazu später).

Bei Michelle Obama ist das dieser Tage aber noch einmal etwas anderes. Die 52-Jährige stellt mit ihren Auftritten einen der wenigen Lichtblicke eines an Untergriffen unübertroffenen Wahlkampfes dar. So sehr, dass sich viele US-Medien schon fragen: Sehen wir da gerade der nächsten US-Präsidentin beim Üben zu?

Während Hillary Clinton getrost als eine der unbeliebtesten Kandidaten bezeichnet werden kann, die sich jemals um das Amt des US-Präsidenten beworben haben, verzeichnet Michelle Obama herausragende Popularitätswerte. Zwei Drittel der US-Amerikaner attestieren ihr hohes Ansehen. Gleichzeitig sagen 57 Prozent, sie hätten kein Vertrauen zu Clinton. Dass Trump gar 60 Prozent für ungeeignet halten, wird Wahl-Prognosen zufolge Hillarys Glück sein.

Sie wird sich aber auch bei Michelle Obama bedanken müssen.

"When they go low, we go high" - wenn die anderen ihre schlechteste Seite zeigen, zeigen wir unsere beste. Es war Michelle Obama, die mit diesem Satz das Motto des demokratischen Wahlkampfs prägte. Das eigentliche Motto Clintons - "Stronger Together" - wirkt da geradezu schnöde.

Reibebaum Trump

Die Juristin mit dem Harvard-Diplom ist so zum heimlichen Star des US-Wahlkampfes geworden - gerade noch rechtzeitig, muss man anfügen. Politisch hielt sich Michelle Obama lange zurück, engagierte sich im Allerweltsthema Jugendförderung wie das zuvor schon Laura Bush getan hatte.

Doch dann entwickelte sich der Wahlkampf zum echten Härtefall für die amerikanische Demokratie. Donald Trump setzte sich über alle Regeln des bis dahin geltenden politischen Anstands hinweg, warnte vor "vergewaltigenden Einwanderern", verhöhnte seine politischen Mitbewerber und unterstellte einer kritisch nachfragenden Moderatorin, dass sie gerade die Regel hätte. Ein früher Vorbote auf die später aufgedeckten sexistischen Ausfälle des New Yorker Milliardärs.

Bill und Hillary Clinton, Barack Obama, Republikaner wie Mitt Romney und Jeb Bush versuchen sich seitdem in flammenden Appellen gegen Donald Trump. Den bleibendsten, weil persönlichsten, Eindruck sollte jedoch Michelle Obama hinterlassen. "Wenn Trump Präsident wird", so die First Lady mit für europäische Ohren gewöhnungsbedürftig ergriffener Stimme, "dann sagen wir unseren Söhnen, dass es okay ist, Frauen zu erniedrigen. Wir sagen unseren Töchtern, dass sie verdienen, so behandelt zu werden. Wir sagen all unseren Kindern, dass Bigotterie und Mobbing beim Präsidenten ihres Landes akzeptabel sind." Es gehe deshalb nicht länger um eine politische Wahl, sondern um eine menschliche Entscheidung. Es gehe darum, "was für einen Typ Mensch“ die Amerikaner im Weißen Haus sehen wollen.

"Sie hat Trump den Todesstoß versetzt"

Was Michelle Obama auslöste, als sie Mitte Oktober in New Hampshire mit diesem persönlichen Plädoyer auf der Wahlkampfbühne Hillary Clintons stand, konnte sie kaum ahnen. Sie fand nicht einfach Zustimmung, sie rüttelte eine ganze Nation wach. "Sie hat Trump den Todesstoß versetzt", schrieb die New York Times. Und der konservative Radiomoderator Glenn Beck – selbst allerdings ein Trump-Gegner – sah darin die "folgenreichste politische Rede seit den Frühzeiten Ronald Reagans."

"Großartige Reden werden in der amerikanischen Politik fast täglich gehalten. Die eine, die vom Wahljahr 2016 in Erinnerung bleiben wird, hielt Michelle Obama", urteilt die Frankfurter Allgemeine Zeitung.

Wobei: Natürlich schreibt auch Michelle Obama ihre Reden nicht selbst. Anders als Melania Trump hat sie aber eine eigene Redenschreiberin. Die 39 Jahre alte Harvard-Juristin Sarah Hurvitz ist seit 2008 alle Reden für Michelle Obama verantwortlich. Auch für jene, die Melania Trump in diesem Jahr plagiierte. "Es gibt fast kein öffentliches Wort von Michelle Obama, das nicht von Sarah Hurwitz stammt", schrieb die Washington Post. Obamas Erfolg schmälert das nicht, darauf besteht Sarah Hurwitz. "Sie weiß, wer sie ist, und sie weiß, was sie sagen will", zitiert die FAZ Hurwitz.

Vorbildwirkung statt Zeigefinger

Während US-Medien über die langfristigen Ziele spekulieren, ist das kurzfristige Ziel Michelle Obamas ganz klar. Am Reibebaum Trump ist Michelle Obama zur Höchstform aufgelaufen. Ihr Rezept gegen den Demagogen aus New York funktioniert im pathos-getriebenen Amerika besonders gut: politisches Engagement, das durch positive Erzählungen aus der persönlichen Lebensgeschichte glaubwürdig wird. "Ich wache jeden Morgen in einem Haus auf, das von Sklaven erbaut wurde", sagte sie Anfang Juni in einer Rede vor College-Absolventen in New York. "Und jetzt sehe ich meine Töchter, zwei schöne, intelligente, schwarze Mädchen, die auf der Wiese des Weißen Hauses spielen.“ So weit hätte es Amerika gebracht. Barack Obama habe dafür gesorgt, dass junge Afroamerikaner (und auch junge Latinos) nun wüssten, dass ein US-Präsident nicht zwingend weiße Hautfarbe haben muss.

Es ist diese positive Erzählung, mit der Michelle Obama derzeit wie keine zweite öffentliche Figur in den USA die Sehnsucht nach einer saubereren Politik verkörpert; nach einer moralischen Instanz durch Vorbildwirkung statt Zeigefinger.

"Mom in Chief"

Das Pozenzial dazu wurde ihr schon lange attestiert - in den vergangenen acht Jahren fehlte es allein am Willen. Michelle Obama konzentrierte sie sich vor allem auf ihre "Let’s Move" Kampagne und den Kampf gegen Fettleibigkeit bei Kindern.

Keine unwichtiges Themen, bestimmt. Politische Feinde wird man sich mit einem solchen Projekten aber eher nicht machen. "Zu weich", beschwerten sich denn auch viele Feministinnen. Von der taffen Erfolgsanwältin hätte man sich doch einen anderen politischen Schwerpunkt erwartet, hieß es. In einem Politico-Artikel wurde Michelle Obama gar als "feministischer Albtraum", die sich lieber als "Mom in Chief" in Szene setze, tituliert.

Als "das bleibende Erbe der First Lady" beschrieb die Washington Post noch in diesem Sommer das neue Gemüsebeet, das sie im Rahmen ihrer "Let’s Move"-Kampagne im Garten des Weißen Hauses angelegt hat.

Dass sie auch anders kann, zeigte Michelle Obama, als sie im Vorwahlkampf 2008 auch vor direkten Attacken gegen Hillary Clinton nicht zurückschreckte. "Wer nicht einmal sein eigenes Haus in Ordnung bringen kann, ist wohl kaum fürs Weiße Haus geeignet", spielte sie damals auf die Affären der Clinton Jahre an. Es sollte ihr eine Lehre sein. Michelle Obama wurde als "Frau mit den wütenden Augenbrauen" diffamiert. Das Magazin New Yorker war sich nicht zu blöd, das Stereotyp der "angry black woman" zu bemühen, zeigte Michelle Obama als Karikatur, mit riesigem Afro und Panzerfaust.

Auch das hat traurige – mit einer ordentlichen Portion Frauenfeindlichkeit unterfütterte – Tradition. Meldet sich die First Lady zu Wort, gilt sie als anmaßend, dominant und verbissen. Hält sie sich zurück, gilt sie als brav, bieder, als "Mom in Chief".

Michelle Obama for President?

Heute spekulieren US-Medien lieber, ob Michelle Obama nach den Roosevelts, den Kennedys, den Bushs und Clintons schon die nächste amerikanische Politikerdynastie begründen wird.

Ihre Antwort dazu fiel in der Vergangenheit stets gleich aus. Auf keinen Fall würde sie ein politisches Amt anstreben. Politik sei "ein dreckiges Geschäft", das sie ihren Töchtern kein zweites Mal zumuten wolle, sagte sie einmal. Spätestens in vier Jahren, wenn Hillary Clinton 73 Jahre alt ist, wird man Michelle Obama wohl noch einmal fragen.

Vorerst steht sowieso erst einmal die Biografie an – auch das eine gute Tradition der First Ladys. Üblicherweise würden ausscheidende First Ladies solche Verträge unmittelbar nach Ende der Amtszeit ihres Mannes schließen, schreibt die FAZ. 20 Millionen Dollar wären Michelle Obama dafür bereits geboten worden.

Wobei eine Biografie einer möglichen politischen Karriere noch selten im Weg gestanden ist, im Gegenteil. Kontroverse Themen können so frühzeitig aufgegriffen und aus der Welt geschafft werden. Bei Michelle Obama gibt es da ohnehin nicht allzu viel aus der Welt zu räumen. Einzig, dass sie noch kein politisches Amt bekleidet hat, könnten ihr künftige Gegner zum Vorwurf machen. Wobei das in Zeiten des tiefen Misstrauens gegen die politische Elite des Landes längst kein Totschlagargument mehr ist. Wundern sollte sich jedenfalls niemand, wenn die demokratische Präsidentschaftskandidatin 2020 oder 2024 Michelle Obama heißen wird. Die Voraussetzungen dafür sind einfach zu gut.

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