Fetullah Gülen: Im Kampf gegen Erdogan.

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Türkischer Machtkampf
02/01/2014

Der islamische Geheimbund um Prediger Gülen

Premier Erdogan geht massiv gegen das Netzwerk von Fetullah Gülen vor. Ein Blick hinter die Fassade dieser klandestinen Organisation.

von Walter Friedl

Beide haben sie eine Vision und eine Mission: In der Türkei (und auch in anderen Staaten) soll eine tief islamisch geprägte Gesellschaft entstehen. Dieses religiöse Band einte Fetullah Gülen, der von den USA aus ein höchst klandestines und höchst einflussreiches weltweites Netzwerk aufgebaut hat, und den türkischen Premier Recep Tayyip Erdogan.

Doch mittlerweile ist zwischen diesen beiden Alpha-Tieren ein erbitterter Kampf um die Macht in der Türkei entbrannt. Die Gülen-Bewegung, die im Land am Bosporus Schlüsselpositionen vor allem in den Bereichen Justiz und Polizei erlangt hatte, soll hinter der Aufdeckung eines Korruptionsskandals stehen, in den angeblich auch mittlerweile gefeuerte Minister involviert sind. Die Rede ist von Bestechungsgeldern in der Höhe von mehr als 60 Millionen Dollar.

Doch wer steckt hinter der ominösen Vereinigung, die den türkischen Regierungschef jetzt herausfordert? Der KURIER befragte dazu Hakan Yavuz während seines Wien-Aufenthaltes. Der Politologe lehrt an der University of Utah in Salt Lake City und hat das Standardwerk zur Gülen-Bewegung verfasst.

„Es handelt sich um eine streng hierarchische, straff geführte Organisation mit Fetullah Gülen an der Spitze, den 20 bis 30 Top-Leute umgeben. Dann kommen weltweit 3000 bis 5000 Regionalverantwortliche. Insgesamt gibt es ein bis zwei Millionen Aktivisten und ein Vielfaches an Sympathisanten“, sagt Yavuz.

„Islamische Elite“

Ziel sei es, den „Normatismus des Islam im Alltag“ zu verankern, sprich eine Islamisierung der Gesellschaft in allen Bereichen – allerdings ohne die Sharia (muslimische Gesetzgebung). Dabei setze Gülen auf Bildung (weltweit betreibt die Organisation mehr als 1000 Schulen): „Es soll eine islamische Elite herangezüchtet werden, die dann in verantwortungsvollen Positionen ihren Einfluss geltend macht“, erläutert der Experte.

In der Türkei hätten „Gülen-Jünger“ alle wichtigen Sektoren bis ganz nach oben infiltriert: Vom Bildungs- und Gesundheitswesen über die Banken, die Energie- und Baubranche bis zum Tourismus und den Medien. Und damit die Kriegskassa gut gefüllt ist, müssten Manager zehn bis zwanzig Prozent ihres Lohnes an die Bewegung abführen, die der Professor wegen ihrer Abgeschottetheit mit dem rechtskatholischen Geheimbund „Opus Dei“ vergleicht.

Anfangs sei das Verhältnis zwischen Erdogan beziehungsweise seiner AK-Partei, die 2002 an die Macht gekommen ist, und Gülen ein „symbiotisches“ gewesen. „Erdogan brauchte die Personalressourcen der Gülen-Leute, um strategische Positionen neu besetzen zu können, und Gülen brauchte die AKP, um seine Leute ganz oben platzieren zu können.“ Das einende Ziel: Die damalige Dominanz des Militärs und der säkularen Bürokratie zu brechen.

Das sei geglückt, „der gemeinsame Feind“, wie Yavuz formuliert, „ist zerstört“ – und damit auch die frühere Bande. Doch warum sah die Gülen-Bewegung, der ein Nahverhältnis zur US-Regierung nachgesagt wird, gerade jetzt die Stunde gekommen, in die Offensive zu gehen? Die Erklärung einiger Beobachter: Washington sei wegen der Iran- und Ägypten-Politik Ankaras (Unterlaufen der Sanktionen sowie Unterstützung der inzwischen verbotenen Muslimbruderschaft) derart verärgert, dass es Erdogan fallen gelassen habe. Das habe Gülen animiert, die direkte Konfrontation mit dem türkischen Premier zu wagen.

„Säuberungswelle“

Doch dieser kämpft mit allen Mitteln. Er versetzte 5000 vermeintliche Gülen-Anhänger im Justiz- und Polizeiapparat, die die Ermittlungen in der Korruptionsaffäre vorangetrieben hatten. Zuletzt ging es auch hochrangigen Beschäftigten in der Banken- und Telekom-Aufsicht sowie im Staatsfernsehen an den Kragen – eine „Säuberungswelle“, mit der der Regierungschef wieder Oberwasser gewinnen will.

Erdogan ist populär

Hakan Yavuk: „Ich glaube, die Gülen-Bewegung hat sich jetzt übernommen und wird den Kürzeren ziehen. Denn erstens weiß jeder in der Türkei, dass es Korruption gibt, das ist für die Leute nicht das große Ding. Zweitens ist Erdogan ein charismatischer Führer, hinter dem immer noch rund 50 Prozent der Bevölkerung stehen. Drittens ist die Opposition sehr schwach. Und viertens ist die Wirtschaft trotz Rückschlägen immer noch ganz gut in Schuss. Und das zählt. Die landesweiten Kommunalwahlen Ende März werden jedenfalls ein erster Stimmungstest sein.“

Buchtipp:Hakan Yavuz. Toward an Islamic Enligthenment – The Gülen Movement. 2013 Oxford University Press. 300 Seiten. Hard Cover: 31,50 US-Dollar (Amazon).

Erdogan will Merkel von seiner Komplott-Theorie überzeugen

Für den türkischen Premier Erdogan ist klar: Die derzeitige innenpolitische Krise nach der Aufdeckung eines Korruptionsskandals, der bis in die Regierungsspitze reichen soll, ist auf ein (internationales) Komplott zurückzuführen. Bestimmte Kreise – vor allem in den USA – würden den Aufstieg der Türkei verhindern wollen. Davon will Erdogan auch die deutsche Kanzlerin Angela Merkel bei seinem Besuch in Berlin am Dienstag überzeugen.

Doch nicht einmal alle Abgeordneten seiner AK-Partei folgen dem Premier bei dieser Einschätzung der Lage. Am Freitag hat erneut ein AKP-Mandatar Erdogan den Rücken gekehrt. Viele kritisieren das Handling durch die Regierung: Statt die Korruptionsaffäre aufzuklären, werde vertuscht, indem kritische Beamte im Justiz und Polizeiapparat zwangsversetzt würden.

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