Blick auf die weißrussische Grenze

© Jens Mattern

Litauen
06/29/2013

EU-Präsidentschaft an der Außengrenze

Während die Hauptstadt Vilnius aufblüht, leidet die östliche Provinz unter der Schengengrenze.

Vilnius: Die restaurierten Kirchen und Patrizierhäuser erfreuen Kulturhungrige, die Braukunst die Bierdurstigen unter den Touristenmassen, die an warmen Junitagen in die Altstadt strömen. Angereist wird im klimatisierten Panoramazug. Ab Juli wird mit Litauen erstmals eine Ex-Sowjetrepublik die EU-Ratspräsidentschaft übernehmen. Auf einer neu eingerichteten Homepage verkauft sich Litauen: Mit dem hohen Akademikeranteil, den niedrigen Steuern und dem Wirtschaftswachstum von 3,7 Prozent 2012.

Mit einem Superlativ aber hält man hinterm Berg. Mit seinen knapp drei Millionen Einwohnern belegt das baltische Land den EU-Spitzenplatz, was Auswanderung angeht: Im vergangenen Jahr verließen 41.000 zumeist junge Menschen Litauen, im Rekordjahr 2010 waren es 82.000. Die Schattenseite offener EU-Grenzen und besserer Jobchancen im Westen.

Abwanderung

„Wir können die Emigration nicht verhindern, doch wir können den Litauern weltweit helfen, ihre Identität zu bewahren und Hilfestellung bei der Rückkehr anbieten“, meint Kristina Dambrauskaite vom litauischen „Jugendministerium“, das sich der Generation zwischen 14 und 29 Jahren annimmt. Gerade die 25- bis 30-Jährigen migrierten nach dem Studienabschluss – und gerade solche Leute fehlen Litauen.

Von Auswanderung ist vor allem die Region betroffen, wo eine einst offene Grenze zu einer geschlossenen wurde: Die zwischen den Ex-Sowjetrepubliken Litauen und Weißrussland ist heute die streng gesicherte Schengen-Außengrenze.

In der grenznahen Stadt Salcininkai gibt es kaum Betriebe. Neben modernen Supermärkten stehen gelb gestrichene Holzhäuser, und ältere Frauen an der Hauptstraße bieten Eierschwammerl und Walderdbeeren in Gurkengläsern an. „Ich will hier bleiben“, meint Olga, Anfang 20, eine Vertreterin der russischen Minderheit, die in einem Restaurant arbeitet. Doch die meisten ihres Schuljahrgangs seien im Ausland, hätten dort Kinder, die kämen nicht mehr zurück.

Auch Katarzyna Griniewicz hat sich nach einem Studium der Außenpolitik für die Heimat entschieden, sie ist Koordinatorin für Jugendarbeit in Salcininkai. Die EU finanziert Programme für Jugendaustausch, „doch wer hier bleiben will“, meint sie offen, „der muss sich meist selbstständig machen“.

Dabei gibt es Menschen, deren Existenz durch die Grenze weit mehr berührt wird, ja durch sie zerschnitten wurde. So Frau Jadwiga im nahen Dorf Sakaline. Die pensionierte Kolchosearbeiterin mit Kopftuch kommt gerade von der Gartenarbeit, ihre schon betagte Tochter sitzt auf der Bank vor der grün gestrichenen Holzhütte.

„Nein, hier gibt es keine jungen Leute mehr, aber ich habe Enkel, die jeden Sonntag nach mir schauen“, meint sie mit stolzem Lächeln. Andere Familienkontakte gestalten sich schwierig. Der Rest ihrer Familie und des verstorbenen Mannes wohnt zwar im gleichen Dorf – doch im östlichen Teil, der heute zu Weißrussland gehört und Kulkischki heißt. Die Grenze wurde nach der Wende gezogen. Mit dem EU-Beitritt Litauens kam der drei Meter hohe Zaun mit Stacheldraht, der heute das Dorf teilt. Will sie ihren Schwager oder die Nichten sehen, muss sie sich telefonisch vor dem Zaun verabreden – dort können sie sich dann durch Rufe austauschen – mit einem Abstand von 50 Metern zum Metallgitter. „Doch die Guten unter den Grenzern sind nicht so streng“, sagt sie auf Polnisch; Litauisch, die Sprache der Grenzer, beherrscht sie nicht. Die Gegend ist von Polen und Weißrussen bewohnt.

Sakaline ist bei Weitem nicht der einzige durchtrennte Ort. Litauen will allerdings während der Ratspräsidentschaft die Beziehung zu östlichen Nachbarstaaten der EU intensivieren. Ob Aleksander Lukaschenko, Weißrusslands Präsident, zur „Partnerschafts-Konferenz“ im November nach Vilnius geladen wird, ist aber ungewiss. Denn dieser steht wegen seines Führungsstils auf der schwarzen Liste Brüssels.

Frau Jadwiga hofft, dass die 50 Kilometer visafreie Zone, die schon lange zwischen beiden Ländern diskutiert wird, noch zu ihren Lebzeiten durchgesetzt wird. Das würde sie und ihre Familie auf der anderen Seite des Zaunes grenzenlos freuen.

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