Sein Handy l├Ądt Ararsa an der Solarstation, dann fr├Ągt er die aktuellen Marktpreise ab, damit ihn der Gro├čh├Ąndler nicht mehr ├╝bers Ohr haut.

┬ę Walter Friedl

Äthiopien
04/14/2014

Licht am Ende des Armutstunnels

Wie Mini-Solaranlagen das Leben einfachster Bauern auf dem Land schlagartig verbessern.

von Walter Friedl

Ararsa Gemeda steht in seinem ├╝ppigen Gem├╝segarten und telefoniert via Handy mit seinem Vertrauensmann in der Kreisstadt Kachisi. Der lokale Gro├čh├Ąndler hat sich angesagt. Und damit dieser ihn nicht so wie fr├╝her ├╝bers Ohr haut, checkt der Bauer hier in seinem 180 km nordwestlich der ├Ąthiopischen Hauptstadt Addis Abeba gelegenen Dorf Prodii die Marktpreise f├╝r Tomaten oder Zwiebeln.

Solche Telefonate (das Mobilnetz ist auch auf dem Land erstaunlich gut ausgebaut) mit echtem Mehrwert kann der 43-J├Ąhrige allerdings erst seit 2013 f├╝hren. Da erhielt er ├╝ber den ├Âsterreichischen Zweig der Hilfsorganisation "Menschen f├╝r Menschen" (MfM) eine Mini-Solaranlage zum Einkaufspreis von 2380 Birr (umgerechnet knapp 100 Euro).

Stolz pr├Ąsentiert Ararsa in seiner Lehmh├╝tte die Station, an der er sein Handy aufladen kann. Und ├╝ber die auch je eine Lampe im Wohn-Schlafbereich sowie in der K├╝che mit Energie versorgt werden. "Unsere Kinder k├Ânnen jetzt auch nach Sonnenuntergang (18.30 Uhr) noch lernen", spielt der Landwirt auf den verbesserten Erfolg des Nachwuchses an. Er selbst n├╝tzt die Abendstunden zur Reparatur des Werkzeuges, seine Ehefrau Fanosi Amenu zum Flicken der Kleidung.

Die 40-J├Ąhrige ist voll des Lobes ob der neuen Lichtquellen. Das Petroleum, das sie fr├╝her verwendete, habe schrecklich geru├čt, die ganze Familie habe dauernd gehustet. "Au├čerdem war das Zeug relativ teuer. 600 Birr (rund 23 Euro) haben wird daf├╝r pro Jahr ausgeben m├╝ssen." Und noch etwas will die Mutter von sechs Kindern, die stets ein L├Ącheln im Gesicht tr├Ągt, unbedingt noch anbringen: "Ich kann nun auch abends kochen", sagt sie und zeigt auf den neuen "Sparofen". Auch der kam ├╝ber MfM in die Region.

"Mit diesen geschlossenen ├ľfen braucht man um die H├Ąlfte weniger Brennholz als mit den fr├╝heren, wo einfach drei Steine zusammengelegt wurden", erl├Ąutert Beehanu Bedassa. Er ist MfM-Verantwortlicher f├╝r eine Vielzahl von unterschiedlichen Entwicklungsans├Ątzen (siehe rechts) in den Regionen Ginde Beret und Abune Ginde Beret (Grafik) ÔÇô einem Gebiet so gro├č wie Vorarlberg.

Erfolg durchs Gem├╝seDie Grundlage daf├╝r, dass Ararsa und Fanosi jetzt Licht am Ende des Elendstunnels sehen, bildet ihr Gem├╝segarten. Der bot fr├╝her ein armseliges Bild und diente so recht und schlecht f├╝r den Eigenbedarf. Doch durch eine erweiterte Palette (Kohl, Rote R├╝ben, Karotten etc.), verbesserte Anbaumethoden und Sorten konnten die Bauersleute schon im ersten Jahr 4000 Birr (160 Euro) aus dem Verkauf ihrer Produkte lukrieren.

"Tragen erst einmal die frisch gepflanzten ├äpfel- und Mangob├Ąume sowie die Kaffee- und Bananenstauden Fr├╝chte, kann ich j├Ąhrlich 50.000 Birr (fast 2000 Euro) einnehmen", freut sich Ararsa. Damit w├Ąre er ein gemachter Mann. Die Familie w├╝rde ├╝ber das Zweifache eines Lehrer-Jahresgehalts verf├╝gen. Das Know-how hat der Bauer in einem Kurs von MfM erworben, das verbesserte Saatgut und die Setzlinge von der MfM-eigenen Baumschule.

Schon von Weitem sind die stumpfen Schl├Ąge der Spitzhacken zu h├Âren. Dutzende M├Ąnner ringen dem steinigen Boden nur mit der Kraft ihrer H├Ąnde und Arme ein drei Meter breites, ebenes Band ab. Zwei Kilometer haben sie bereits hinter sich, drei noch vor sich. Erst dann ist der Zufahrtsweg frei und MfM kann auch in diesem entlegenen Weiler Gorobatte mit ihrer Arbeit f├╝r eine bessere Zukunft beginnen.

Hier hat noch niemand ein Handy oder eine Solaranlage. Hier sind die Menschen schon froh, wenn sie nicht verhungern. Denn wegen der Kleinheit der Felder (im Schnitt ein bis zwei Hektar) und schlechter Ertr├Ąge "kann ich mit der Getreideernte meine Familie nur neun Monate im Jahr ern├Ąhren", sagt Dorfchef Dhufera Fusa, 36. Drei Monate seien sie auf staatliche Nahrungsmittelzuteilungen angewiesen. "Darum ist es so wichtig, dass wir den Bauern Starthilfe bieten, damit sie Zusatzeinkommen erwirtschaften und auf eigenen Beinen stehen", betont Beehanu Bedassa.

Ararsa Gemeda kann das mittlerweile recht gut. F├╝r seine T├Âchter Ebise, 18, und Chaltu, 16, konnte er in der zwei Gehstunden entfernten Kreisstadt ein Zimmer anmieten, damit sie dort die Highschool besuchen k├Ânnen. "Ihre Bildung ist mir wichtig, zugleich vermisse ich sie", sagt der Landwirt, "aber immerhin kann ich jetzt ├╝ber mein Handy mit ihnen reden."

Bullenstarke Entwicklung

Der j├╝ngste Neuzugang in Tolossa Tenas Stall ist ein pr├Ąchtiger Bulle. Er erhielt ihn von der Hilfsorganisation "Menschen f├╝r Menschen". Noch allerdings geh├Ârt er ihm nicht. Der 53-j├Ąhrige Landwirt muss f├╝r ihn sorgen, ihn f├╝ttern und vor allem darauf achten, dass der Stier seine hervorragenden Gene an die K├╝he der Region weitergibt. Erst nach der nachweisbaren Zeugung von 100 K├Ąlbern geht der Bulle in den Besitz des 53-J├Ąhrigen ├╝ber.

80-mal musste der Superbulle in einem eigens daf├╝r errichteten Holzgestell bisher ran, im Schnitt sieben bis zehn Mal pro Woche. Seine "Trefferquote" liegt bei eins zu zehn. Es liegt also noch ein weiter Weg vor ihm. Hat der Zuchtstier 100 K├Ąlber gezeugt, hat er seine Schuldigkeit getan: "Ich werde ihn kastrieren, m├Ąsten und als Ochsen verkaufen", sagt Tena. Warum? Der Bulle sei dann f├╝r weitere Deckungen nicht mehr zu gebrauchen, er sei ausgepowert.

Noch nie so viel Geld in der Hand

Jeden Sonntag, wenn Markttag ist, geht es hoch her im kleinen Laden von Addisu Adugna, 45. An die 200 Liter ihres selbst gebrauten Biers bringt sie da an den Mann ÔÇô das Seidl um zwei Birr, sieben Eurocent. Abz├╝glich der Herstellungskosten f├╝r die braune Br├╝he, basierend auf Mais und Sorghum, einer Getreideart, bleiben der Witwe und ihren vier Kindern 400 Birr (15 Euro) pro Woche. Das ist nicht ├╝ppig, aber "Tella", das f├╝r Ausl├Ąnder sehr gew├Âhnungsbed├╝rftige Getr├Ąnk, sichert das ├ťberleben der Familie.

"M├Âglich wurde das erst, als ich ├╝ber die Frauengenossenschaft einen g├╝nstigen Kleinkredit bekam", erz├Ąhlt die Mutter. 4000 Birr waren das (150 Euro), wovon 500 in der Gemeinschaftskassa blieben. Die ist durch diese Ma├čnahme und den R├╝ckfluss der Kreditraten stets liquid, um neue Darlehen zu vergeben.

Auch Worku Dhuguma, 26, kam in den Genuss der 3500 Birr. Um das Geld kaufte sie vier Mutter-Schafe, bald waren es zehn. Mit dem Verkaufserl├Âs wurden Adaptierungsma├čnahmen am Haus durchgef├╝hrt ÔÇô und der Kredit mit einem Schlag beglichen. Jetzt will sie sich 10.000 Birr (380 Euro) ausborgen: Um 5000 will sie sich einen Ochsen f├╝r die Feldarbeit kaufen, 5000 will sie in den Getreidehandel pumpen ÔÇô kaufen, wenn der Preis im Keller ist, verkaufen, wenn er steigt.

Im Gegensatz zu Worku steht Alemi Bekela, 38, erst am Anfang. Sie hat zwar wie alle anderen auch den obligatorischen Einf├╝hrungskurs durchlaufen, in dem die Basics in Buchf├╝hrung erl├Ąutert werden, die 3500 Birr aber erst jetzt erhalten. Alemi, die ebenfalls Schafe z├╝chten will, war sichtlich aufgew├╝hlt bei der ├ťbergabe der Scheine: "Ich hatte noch nie so viel Geld in der Hand."

Breiter Ansatz f├╝r bessere Zukunft einer ganzen Region

Der ├Âsterreichische Zweig der von Karlheinz B├Âhm gegr├╝ndeten Hilfsorganisation "Menschen f├╝r Menschen" dreht in seinem Projektgebiet in ├äthiopien an vielen Schrauben.

Schulen: Die alten, finsteren Lehmh├╝tten werden durch moderne Geb├Ąude ersetzt. Die Dachkonstruktion aus Stahl gew├Ąhrleistet eine Mindesthaltbarkeit von 40 Jahren. Die traditionelle Bauweise aus Holz ist dem Ansturm der Termiten nur wenige Jahre gewachsen.

Gesundheit: Hier gilt der Kampf vor allem der Trachom-Augenkrankheit: 50 Prozent der Kinder sind von der chronischen Entz├╝ndung der Bindehaut betroffen, die letztlich zu Blindheit f├╝hrt. Auch Aids-Pr├Ąvention sowie Therapie stehen im Zentrum.

Sauberes Trinkwasser: Die Hilfsorganisation fasst Quellen und gr├Ąbt Brunnen.

Landwirtschaft: Die Palette reicht vom verbesserten Gem├╝sebau, ├╝ber Rinderzucht, H├╝hnerhaltung, moderne Imker-Methoden bis zur effektiveren Getreidespeicherung.

Spenden: Menschen f. Menschen, Raiffeisen 222000, BLZ: 32000.

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