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Politik Ausland
10/20/2012

Libyen: Was aus dem Gaddafi-Clan wurde

Heute vor einem Jahr wurde Muammar al-Gaddafi auf der Flucht getötet. Seine Familie muss sich weiter verstecken.

von Karoline Krause-Sandner

Es war heiß in Sirte am 20. Oktober 2011, die Außentemperatur ebenso wie die Schlacht um die süd­libysche Stadt. Die Rebellen standen kurz davor, den einst übermächtigen Feind aufzuspüren. Dann folgte ein NATO-Luftangriff. Der Konvoi des ehemaligen Machthabers Muammar al-Gaddafi, der aus Sirte fliehen wollte, wurde getroffen.

Die jungen Männer rasten schwer bewaffnet zum Ort des Geschehens. Gaddafi und seine Begleiter waren geflohen, weit konnten sie aber nicht sein. Die Bilder der folgenden Minuten gingen um die Welt. In einem alten Abwasserrohr fanden die Milizen den verwundeten Diktator. Den Mann, der all das Böse, all das Leid verkörperte, das sie und ihre Familien in den vergangenen Monaten und Jahren erleiden mussten. Sie zerrten ihn heraus, schlugen ihn, bespuckten und beschimpften ihn. "Allahu akbar", "Gott ist groß", war immer wieder zu hören. Und Schüsse.

Folter

Ein paar Stunden später waren Gaddafi, sein Sohn Mutassim, der bei dem Angriff an seiner Seite war, und die meisten ihrer Begleiter tot. Was damals genau passierte, ist weiter Teil von Untersuchungen, die sich noch lange hinziehen werden.

Human Rights Watch bezweifelt allerdings die Angaben der libyschen Behörden, wonach Gaddafi und sein Sohn beim schweren Schusswechsel tödlich verwundet wurden. Die Menschenrechtsorganisation habe Videoaufnahmen, die belegen, dass die beiden von den oppositionellen Kämpfern schwer misshandelt wurden. Sie zeigen, wie Männer Gaddafi schlagen, ihm die Kleider vom Leib reißen, mit einem Bajonett auf ihn einstechen und er immer stärker blutet.

Es soll auch zu erkennen sein, wie Mutassim lebend in das fast drei Stunden entfernte Misrata gebracht wird. Dort wurden später die Leichen der beiden Gaddafis öffentlich zur Schau gestellt. Neben den Todesumständen von Muammar und Mutassim Gaddafi gilt es auch zu klären, was mit ihren mehr als 50 Begleitern passiert ist. Human Rights Watch berichtet von Massenhinrichtungen.

Wiederholt haben NGOs die libyschen Behörden dazu aufgefordert, für eine lückenlose Untersuchung und Strafverfolgung zu sorgen. Laut Aussagen von HRW-Vertretern seien aber keine Anzeichen dafür erkennbar.

Rache

Für das noch nicht vorhandene libysche Justizsystem und die fragile Regierung ist es schwierig, mit den Verbrechen umzugehen. Nach der 42-jährigen Herrschaft Gaddafis und den acht Monaten Chaos war es für viele im Land nachvollziehbar, mit dem verhassten Diktator gewalttätig ins Gericht zu gehen. Doch auf dem Weg zur Demokratie ist der Tod des Machthabers mehr als nur ein Schönheitsfleck.

Dass nicht alle Libyer gemeinsam an einem Strang ziehen, zeigt sich an den Streitigkeiten zwischen den Regionen und Milizen, die bis heute ihre Waffen nicht niederlegen wollen. Auch Anhänger Gaddafis gibt es noch zur Genüge. Erst vor wenigen Wochen wurde der 22-jährige Omran Shaaban entführt und getötet, einer jener jungen Männer, die vor einem Jahr Gaddafi aus dem Abflussrohr gezogen hatten.

Die Überlebenden: In Haft oder auf der Flucht

Vor wenigen Monaten schwelgten sie noch in Privilegien: Als Juristin, als Playboy, Profifußballer oder hoher Militär genossen die Kinder des Diktators Ansehen und Luxus. Jetzt sitzen sie im Gefängnis oder sind auf der Flucht.

Saif al-Islam wurde einst als Gaddafis Nachfolger gehandelt. Viele trauten ihm Reformen zu. Doch während der Aufstände zeigte Saif keinerlei Scheu, gegen sein Volk vorzugehen. Im Juni 2011 stellte der Internationale Strafgerichtshof eine Anklage wegen Verbrechen gegen die Menschlichkeit aus. Saif wurde von den Rebellen einen Monat nach seinem Vater in den Bergen Südlibyens gefasst. Dort, in der kleinen Stadt Zintan, wird er bis heute von der lokalen Miliz festgehalten. Angeblich soll er nach Tripolis überstellt werden.

Zwischen dem Internationalen Strafgerichtshof und der libyschen Justiz gibt es ein Tauziehen um den Prozess. Saif glaubt nicht, dass ein Verfahren in Libyen fair sein würde. Im November sollen die Richter in Den Haag über die Zuständigkeit entscheiden. Die übrigen Familienmitglieder befinden sich auf der Flucht.

Safija Farkasch Muammar al-Gaddafis Ehefrau ist am 29. August gemeinsam mit den Söhnen Mohammed , Hannibal und Tochter Aischa nach Algerien geflohen. Auch einige von Gaddafis Enkelkindern werden bei ihnen vermutet. Laut BBC soll Aischa kurz danach eine weitere Tochter geboren haben.

Die Familie lebt in Staoueli in der Nähe von Algier in einer Villa. Die algerischen Behörden, die enge Verbindungen zu dem Clan unterhalten, haben ihm "aus humanitären Gründen" Zuflucht gewährt. Die Gaddafis dürfen sich frei bewegen, sind aber angehalten, unauffällig zu bleiben und sich nicht politisch zu äußern. Anwältin Aischa hat diese Auflage bereits mehrmals gebrochen.

Saadi , Aischas Bruder, der Chef des libyschen Fußballverbandes und der Special Forces war, hat nach seiner Flucht durch die Sahara im Niger Asyl erhalten. Der dortige Justizminister ist sicher: "In Libyen erwartet ihn die Todesstrafe." Im Vorjahr wollte Saadi nach Mexiko fliehen, seine engagierten Schlepper flogen aber auf. Jetzt will er angeblich nach Süden weiter.

Saif al-Arab starb bei einem Luftangriff in Tripolis am 30. April des Vorjahres, Khamis , Kommandeur der Armee-Eliteeinheit, wurde 2011 fünf Mal als tot gemeldet. Zuletzt am 29. August nach einem NATO-Angriff.

Hana Die Adoptivtochter Gaddafis soll bereits 1986 als Baby bei einem US-Angriff getötet worden sein. Im letzten Jahr häuften sich aber Hinweise, dass sie noch lebt. Libyer vermuten sie ebenfalls in Algerien.

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