Feldarbeit statt Schule ist der Alltag vieler Minderjähriger.

© /Bridgette Auger

Reportage aus Beirut
09/11/2016

Libanon: Feld-Arbeit und Betteln statt Schule

Die Einwanderungspolitik des Landes hat zu Massenarmut und Kinderarbeit unter Flüchtlingen geführt.

von Bartholomäus von Laffert

Erschöpft lässt sich Majd auf die abgewetzte Matratze in dem stickigen Zelt sinken. Schwarzer Schweiß rinnt ihm von der verdreckten Stirn. Sein Rücken schmerzt. Mit den rotblonden Haaren, dem sommersprossigen Gesicht und den hervorstehenden Schneidezähnen sieht der Junge ein bisschen aus wie eine traurige Michel-aus-Lönneberga-Kopie.

Doch Majd ist kein Schwede, sondern Syrer. Er lebt nicht in einem idyllischen Dorf, sondern in einem Flüchtlingscamp im Libanon. Statt Streiche zu spielen, geht er arbeiten auf dem Feld. Acht Stunden täglich erntet er Gurken in der libanesischen Bekaa-Ebene, wenige Kilometer hinter der syrischen Grenze. Vier Dollar bekommt er dafür. Dabei ist Majd gerade einmal 13 Jahre alt. Doch Krieg, Flucht und die libanesische Flüchtlingspolitik haben seiner Kindheit ein Ende gesetzt.

Der schmächtige Bub ist einer von 1.033.513 Syrern, die derzeit beim UNHCR in Libanon als Flüchtlinge registriert sind. Doch die Zahlen täuschen. Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen gehen von mindestens 1,5 Millionen Syrern in dem kleinen Zedernstaat mit seinen gerade einmal vier Millionen Einwohnern aus.

Zustrom wird reduziert - auf dem Papier

Denn seit Mai 2015 verbietet die libanesische Regierung dem UNO-Flüchtlingshilfswerk UNHCR, Flüchtlinge zu registrieren, um den Zustrom – zumindest auf dem Papier – zu reduzieren. Schon im Januar letzten Jahres hatte die Regierung daher die Einreisebedingungen und Wohnsitzauflagen für die im Land lebenden Flüchtlinge verschärft: Wer legal im Land leben möchte, muss seitdem pro Familienmitglied im Jahr 200 Dollar zahlen – aber gleichzeitig eine einvernehmliche Erklärung unterschreiben, nicht im Libanon zu arbeiten.

Dieses Paradoxon hat dazu geführt, dass inzwischen 65 Prozent der Syrer keinen legalen Aufenthaltsstatus im Land haben. "Jede Woche kommen die libanesischen Soldaten ins Camp und prüfen die Meldebescheinigungen – wer keine hat, den nehmen sie mit", erzählt der 13-jährige Majd.

Wer von den libanesischen Sicherheitskräften erwischt wird, wird mit schmerzhaft hohen Bußgeldern bestraft und mit einem sogenannten "Self-Deportation-Paper" getadelt, welches die Syrer auffordert, freiwillig in die Heimat zurückzukehren. In eine Heimat, aus der Majd, seine Eltern, die vier Geschwister aus Angst vor dem Tod vor fünf Jahren geflohen sind. Die Genfer-Flüchtlingskonvention von 1951 hat die libanesische Regierung nie unterschrieben.

"Die erhöhten Ausgaben, das Arbeitsverbot und die eingeschränkte Bewegungsfreiheit haben dazu geführt, dass viele Eltern die harte Entscheidung treffen mussten, die Kinder aus der Schule zu nehmen, um sie arbeiten zu schicken", analysiert Lisa Abou Khaled vom UNHCR.

Majd ist eines von ihnen. Das Einkommen des Vaters, der auf dem Bau arbeitet, reicht allein nicht aus, um die Großfamilie zu ernähren. Für so etwas Nichtiges wie Schule hat Majd deshalb keine Zeit. Seit fünf Jahren hat er kein Schulgebäude mehr von innen gesehen – lesen und schreiben hat der Bub nie wirklich gelernt.

Insgesamt 400.000 Flüchtlingskinder im schulpflichtigen Alter leben nach UNHCR-Angaben im Libanon. Eine öffentliche Schule besuchen davon gerade einmal 150.000. Im Umkehrschluss heißt das: Eine Viertelmillion Kinder ohne Schulbildung – eine verloren Generation, die nicht mehr zu retten ist?

"Noch ist es nicht zu spät"

"Noch ist es nicht zu spät", sagt Bassim Khawaja von Human Rights Watch. "Die internationale Gemeinschaft darf nicht länger wegsehen: Jetzt muss Geld investiert werden in das libanesische Bildungssystem, jetzt muss Druck gemacht werden auf die Regierung", sagt er. "Gleichzeitig brauchen wir endlich eine effiziente Resettlement-Politik, um den Libanon zu entlasten."

Resettlement? Als Majds Vater das hört, tippt er sich an die Stirn. Schon vor zwei Jahren hatte er beim UNHCR einen Antrag gestellt, um auf legalem Weg der Hoffnungslosigkeit zu entkommen. Eine Antwort ist nie gekommen. In den letzten fünf Jahren sind gerade einmal 15.000 Menschen vom Libanon in die EU umgesiedelt worden – das entspricht einem Anteil von 0,001 Prozent.

Die Hoffnung, seinem Schicksal zu entfliehen, hat der 13-jährige Majd längst aufgegeben: "Ich kann nicht nach Europa, weil man uns nicht lässt. Ich kann nicht nach Syrien, weil ich dort sterbe. Und die libanesische Regierung behandelt uns wie Dreck." Dabei hätte Majd nur einen Wunsch: Noch einmal Kind sein. Zur Schule gehen und Streiche spielen – so ein bisschen Michel aus Lönneberga eben.

Syrien In Folge des Krieges sind zwischen 6 und 8 Millionen innerhalb Syriens auf der Flucht.

Libanon Eine Million Flüchtlinge ist registriert, ausgegangen wird aber von mindestens 1,5 Mio. – der höchste Stand weltweit gemessen an der Einwohnerzahl.

Türkei 2,7 Millionen Flüchtlinge.

Jordanien 600.000 registrierte Flüchtlinge, ausgegangen wird aber von 1,5 Millionen.