Neuankommende Flüchtlinge müssen nach Moria. Hinaus darf niemand mehr.

© APA/AFP/STR

Reportage
03/23/2016

"Sie sperren die Flüchtlinge ein"

Nach EU-Türkei-Deal: Das erleben Schutzsuchende und Helfer auf der griechischen Insel Lesbos. Ein Lokalaugenschein.

"Good Luck." Die Frau in der roten Jacke umarmt den jungen, aber schon ergrauten Pakistani, klopft ihm aufmunternd auf den Rücken. Er schultert seinen staubigen Rucksack, dreht sich noch einmal um. Dann geht der Mann durch das Tor hinter den Stacheldrahtzaun. Hinein nach Moria, dem EU-Hotspot in Lesbos.

Einst war Moria ein Gefängnis, dann das größte Aufnahmelager auf der griechischen Insel. Seit der EU/Türkei-Deal in Kraft ist, scheint es wieder seinen alten Zweck aufzunehmen. Nicht nur der Stacheldraht zäunt das Lager ab, das Tor bleibt fast immer zu. NGOs können kaum hinein, Journalisten gar nicht. Hin und wieder ist ein Soldat von außen zu sehen, die Flüchtlinge selbst dürfen ihre grauen Container nicht mehr verlassen.

Die junge Frau mit der roten Jacke heißt Ayesha Keller, seit November ist die Britin auf Lesbos ehrenamtlich tätig. Sie hat das Camp neben Moria aufgebaut, wo Freiwillige Hunderte Flüchtlinge täglich versorgten. Seit Mittwoch 18 Uhr ist es zu. In den beigen Zelten zwischen den Olivenbäumen schläft niemand mehr, die Helfer haben ihre Sachen gepackt. Denn die Polizei räumt seit Dienstag alle privaten Camps. "Sie schieben die Menschen ab oder bringen sie aufs Festland. Was genau passiert, weiß niemand", erzählt Keller. Viele, wie auch der junge Pakistani, waren seit Monaten mit ihnen auf Lesbos. Allerdings ohne Registrierung und damit illegal. Einen Tag nach Inkrafttreten des Deals seien sie vor die Wahl gestellt worden: freiwillig nach Moria – oder mit Gewalt, erzählt Keller.

"Abkommen übereilt"

Nicht nur die Aktivistin übt Kritik, auch UNHCR und Ärzte ohne Grenzen sind schockiert. "Sie sperren die Flüchtlinge im Lager ein. Niemand weiß, für wie lange", sagt Michele Telaro, Einsatzleiter von Ärzte ohne Grenzen auf Lesbos. "Wenn das kein Gefängnis ist, was dann?" Aus Protest haben beide Organisationen ihre Arbeit teilweise eingestellt. "Das Abkommen ist viel zu schnell gestartet. Die Türkei ist nicht ausreichend vorbereitet", kritisiert auch Boris Cheshirkov vom UNHCR im Gespräch.

Bisher kamen täglich an die tausend Flüchtlinge mit Schlauchbooten auf der Insel an. Von der Küste brachten Busse die meisten nach Moria zur Registrierung. Das dauerte ein paar Tage, anschließend durften sie sich ein Fährticket kaufen. Außer Nordafrikanern, die sich nicht registrieren dürfen, konnte damit jeder weiterreisen. Doch seit dem EU/Türkei-Deal sieht es anders aus.

Kaum Fakten, viel Panik

Wer vor Sonntag registriert wurde, soll von der Insel ins nächste Aufnahmezentrum am Festland. Wer später angekommen ist, muss nach Moria und von dort ab 4. April zurück in die Türkei. Das sind seit Sonntag tausend Menschen laut UNHCR, also deutlich weniger als vor dem Deal. Ein Schnellverfahren, unterstützt von türkischen Beamten, soll ihren Asylantrag prüfen. In der Zwischenzeit dürfen sie den Hotspot nicht verlassen. Dann geht es, so der Plan, in die Türkei. Für jeden Syrer aus Griechenland, würde einer aus der Türkei in die EU umgesiedelt. Alles soll schnell ablaufen, damit es keinen Anreiz für die Reise über das Meer gibt.

Doch in der Hast sind die Details offen geblieben. Auch die Polizisten zucken bei Nachfrage ratlos mit den Schultern. Es mangelt an allen Ecken an Informationen, dementsprechend ängstlich sind die Flüchtlinge. "Es herrscht komplettes Chaos und Panik", so auch der Tenor im Lager am Kiesstrand neben dem Hafen. Hier warten Dutzende Marokkaner, die kaum Aussicht auf Asyl haben. Nach Moria, hinter den Stacheldraht, wollen sie auf keinen Fall. Doch lange wird auch dieses Camp nicht mehr offen sein, fürchtet ein Helfer. "Wir rechnen nun jeden Tag mit der Räumung."

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