Politik | Ausland 07.01.2013

Leiden an der bleiernen Zeit

EDITORS' NOTE: Reuters and other foreign media are subject to Iranian restrictions on leaving the office to report, film or take… © Bild: Reuters/MORTEZA NIKOUBAZL

Die Sanktionen belasten die Wirtschaft schwer. Der KURIER sprach vor Ort mit Geschäftsleuten.

Der schiitische Trauermonat Muharram ist vorbei, der Bazar von Teheran füllt sich wieder. Hochzeiten werden wieder gefeiert. Scharen von Frauen wollen Hausrat und Geschenke erstehen. Die Wirtschaftskrise ist für einige Momente nicht so spürbar. Es wird gefeilt, gekauft, und Berge von Geldnoten wechseln die Hände. Die Inflation galoppiert seit Monaten immer schneller, und die Landeswährung Rial gleicht beinahe Monopoly-Geld.

Die Misere ist nicht nur Folge der umfassenden Sanktionen, die UNO und nun auch verstärkt die EU infolge des Atomprogramms gegen das Land verhängt haben. Einen guten Anteil am Dilemma trägt die populistische Wirtschaftspolitik von Präsident Mahmoud Ahmadinejad. Zwar wurden im Laufe der letzten Monate Subventionen für Treibstoff gestrichen, doch Kompensationszahlungen haben die Geldentwertung mitbeschleunigt.

„Schikanen“

So mancher Unternehmer, der noch vor fünf Jahren zuversichtlich Projekte betrieb, wirkt müde. „Wir fühlen uns von den Schikanen der Sanktionen fast erdrosselt“, empört sich ein Architekt. Dabei geht es der Branche noch relativ gut, denn emsig wird in der 12-Millionen-Metropole gebaut. Die alten persischen Gärten verschwinden, die Wolkenkratzer wachsen. Der traditionelle Garten ist mehr als eine grüne Oase, in der persischen Mythologie symbolisiert er das Paradies schlechthin. Dieses zerstört nun ein Bauboom, der sich noch als Immobilienblase erweisen könnte.

Der Bürgermeister von Teheran, Mohammed Bagher Ghalibaf, versucht die Stadt so gut es geht zu gestalten. Der Smog und der tägliche Verkehrsinfarkt belasten den Alltag. Zwar verfügt Teheran über eine gut funktionierende U-Bahn, doch das Netz könnte viel größer sein. „Präsident Ahmadinejad verweigerte das Budget für einen besseren Ausbau,“ erklärt Ingenieur Javad N.

Intrigen

Bürgermeister Ghalibaf könnte bei den Präsidentschaftswahlen im Juni antreten. Ahmadinejad ist schon lange aus dem Rennen, doch Intrigen durchsetzen das byzantinisch anmutende Machtgefüge des Landes. Letztendlich liegt die Entscheidung beim obersten Revolutionsführer Ayatollah Khamenei. Er folgte 1989 Ayatollah Khomeini, dem Begründer der Islamischen Republik, nach.

„Es ist nicht so wichtig, wer die Wahlen gewinnt, Hauptsache, es kommt wieder Bewegung in die Politik“, meint der pensionierte Professor für Literatur, Kyros A. Viele Iraner rechnen mit einer Annäherung an die USA. Intensive Verhandlungen hinter den Kulissen, die Kooperation zwischen den beiden Ländern im kriegsgebeutelten Irak und Afghanistan bestärken sie in der Annahme.

„Die USA bereiten sich darauf vor, den iranischen Markt zu erobern“, hört man immer von iranischen und auch europäischen Geschäftsleuten. Nicht nur Apple-Produkte sind populär. Die US-Marke schlechthin, der Getränkekonzern Coca-Cola, verfügt über die größte Abfüllanlage in der Region in der iranischen Stadt Mashhad.

Bei aller wechselseitigen Dämonisierung laufen die Geschäfte mit US-Waren gut. Und sie könnten noch viel besser gehen. Vor den Sanktionen führte Italien die Investitionen in dem rohstoffreichen Land an. Der Energiekonzern ENI explorierte intensiv. Der Verlust der Aufträge schmerzt viele europäische Firmen, zahlreiche Unternehmen schließen und hoffen auf eine Veränderung im Sommer des nächsten Jahres.

US-Firmen warten

Die Sorge geht um, dass US-Firmen die größten Verträge an Land ziehen könnten, wenn die Sanktionen, wie von vielen im Iran erhofft, kippen. So war es der Fall in Libyen 2004, so läuft es nun in der Diktatur Myanmar (Burma).

„Wir vermiesen uns in der Rezession mit den Sanktionen selbst die Auftragsbücher“, klagt der Repräsentant eines österreichischen Zulieferunternehmens.

Seit dem Sturm auf die US-Botschaft im November 1979 sind alle diplomatischen Kontakte abgerissen. Die USA haben die Geiselnahme bis heute nicht verschmerzt. Und für den Iran ist die US-Politik Ausdruck von Einkreisung und Einschüchterung.

Geopolitik Neu

Der Blick auf den persischen Golf erfolgt nicht nur durch die Brille Israels, das aus Sorge vor einem nuklear gerüsteten Iran Sanktionen und gar Militärschläge fordert. Saudi-Arabien, wichtigster arabischer Verbündeter der USA seit dem Fall des ägyptischen Präsidenten Mubarak, fordert eine Schwächung des Iran. Angesichts der Umbrüche in der arabischen Welt und des Aufstiegs des Islamismus von Nordafrika bis Syrien sorgt man sich auch in Teheran um die veränderte Geopolitik.

Im iranischen Fernsehen wird in Talkshows all dies diskutiert und auf die besondere Rolle der Schiiten in der Geschichte des Landes gerne hingewiesen. Seit 500 Jahren ist die schiitische Strömung Staatsreligion, doch in den Augen der Sunniten gelten die Anhänger dieser Lehre als Gotteslästerer. Die Religion ist wie immer Instrument der Machtpolitik rund um Rohstoffe und Prestige.

„Es geht um mehr als einen theologischen Konflikt zwischen Schiiten und Sunniten in der Region“, erklärt Viktor el-Kik, Professor an der Uni von Beirut (Libanon). Seiner Ansicht nach wird sich der Iran immer wie ein Imperium verhalten, egal, ob ein Schah, ein Oberst oder Kleriker das Land regieren. Daher wolle der Iran auf gleicher Augenhöhe mit den USA verhandeln.

Erstellt am 07.01.2013