Politik | Ausland
28.02.2018

Wenn die Ärmsten ums Essen konkurrieren

Die Essener Tafel will nur mehr Bürgern mit deutschen Ausweis Lebensmittel geben.

Essener Tafel. Es klingt schon absurd: In einem der reichsten Industrieländer der Welt, das zuletzt gar einen Rekord-Überschuss von 36,6 Milliarden Euro erwirtschaftete, müssen arme Menschen um Lebensmittel streiten. So sieht es aus, wenn man sich die Debatte um die Stadt Essen ansieht. Was ist passiert?

Der Verein Essener Tafel verteilt seit vielen Jahren gespendete Lebensmittel an bedürftige Menschen, die Hartz IV, Grundsicherung oder Wohngeld beziehen. Nun gibt es laut deren Vorsitzenden, Jörg Sartor, Probleme mit Ausländern: Es seien zu viele, ältere Menschen und alleinerziehende Frauen fühlten sich von den fremdsprachigen jungen Männer abgeschreckt. Die Konsequenz: Die Tafel gibt nur mehr Spenden an Menschen mit deutschem Ausweis aus.

Herkunft zählt nicht

Seither hagelt es Kritik von Sozialverbänden und aus fast allen politischen Lagern. Kanzlerin Merkel hält nichts vom Aufnahmestopp: "Da sollte man nicht solche Kategorisierungen vornehmen." Selbst der Dachverband der deutschen Tafeln und deren Chef Jochen Brühl distanzieren sich von der Aktion: "Für Tafeln zählt die Bedürftigkeit, nicht die Herkunft", so Brühl zur dpa. Zustimmung bekommt die Essener Tafel hingegen vom CSU-Mann Alexander Dobrindt und von der AfD. Damit wären die Standpunkte klar verteilt, konkrete Lösungsvorschläge bleiben aber von allen Seiten aus.

Kein neues Problem

Dabei ist das Problem nicht neu. Laut Bertelsmann-Stiftung nimmt die Altersarmut weiter zu; durch die Hartz-Reformen sank zwar die Zahl der Arbeitslosen, gleichzeitig stieg jene der Niedrigverdiener. Dazu kommt, dass es seit den Kriegen im Nahen und Mittleren Osten mehr Flüchtlinge gibt. All das stellt Hilfsorganisationen wie die Tafel vor Herausforderungen.

Da es durch die Zahl an Zuwanderern zuletzt Spannungen gab, entwickelte man in einigen Bundesländern ein neues System der Verteilung: Senioren können etwa eine halbe Stunde vor Ausgabestart kommen. Auch die Verlosung von Berechtigungskarten im Rotationsverfahren sollte helfen. Eine Unterteilung nach Nationalitäten komme für die Berliner Tafel nicht infrage: "Für die Berliner Tafel gibt es keine Bedürftigen erster oder zweiter Klasse. Wir orientieren unser Handeln an der Mitmenschlichkeit und spielen die Bedürftigkeit der vielen Menschen in Berlin nicht gegeneinander aus", sagt deren Chefin Sabine Werth.

In Essen hält der Tafel-Chef trotz Kritik an seinem Lebensmittelausgabe-Stopp fest. Ein "Runder Tisch" des Tafelverbands, wo um die Lebensmittelvergabe verhandelt wird, soll helfen. Bis dahin sieht es so aus, als müssten Arme weiter konkurrieren.