Politik | Ausland
03.12.2017

Lawrow & Tillerson: Dauerbrenner gegen Auslaufmodell

Der kaltgestellte US-Außenminister und sein russischer Kollege: eine ungleiche Paarung.

Schon die Eckdaten verraten viel über das politische Gewicht der beiden Gegenspieler. Der eine, Sergej Lawrow, seit mehr als zehn Jahren russischer Außenminister, dem sein Chef, Wladimir Putin, quasi blind vertraut. Der andere, Rex Tillerson, nach gerade einmal einem Jahr in der Politik als US-Außenminister vom Präsidenten öffentlich aufs Abstellgleis gestellt – Abgang eine Frage von Wochen. Wenn die beiden Amtskollegen kommende Woche in Wien zusammentreffen, wird nicht nur das Winterwetter für eisige Stimmung sorgen. Der OSZE-Gipfel zum Abschluss des österreichischen Vorsitzes steht natürlich ganz im Zeichen des Konfliktes in der Ukraine – und da ist man von einer diplomatischen Lösung offensichtlich weiter entfernt denn je.

Eine heikle Situation auch für den Gastgeber des Gipfels, Österreichs Außenminister Sebastian Kurz. Vor zwei Jahren war es noch gelungen, Wien zum Schauplatz des größten Erfolges amerikanisch-russischer Diplomatie der letzten Jahre zu machen, dem Atomabkommen mit dem Iran. Jetzt scheinen gerade in der OSZE die Fronten zwischen Ost und West erneut festgefahren.

Sergej Lawrow

Er ist einer, der das diplomatische Schachspiel von der Pike auf gelernt hat. Beruflich hat Sergej Lawrow in seinem Leben nur eines gemacht: Diplomatie. Und das die vergangenen 23 Jahre ganz oben auf der Karriereleiter. Ihn einen alten Fuchs zu nennen, das wäre wohl angebracht: Seit 2004 ist er Außenminister der Russischen Föderation; und davor war er zehn Jahre lang Botschafter Russlands bei der UNO. Und damit hat er einen entscheidenden Vorteil auf dem diplomatischen Parkett gegenüber all seinen Amtskollegen: Keiner kennt die Genese internationaler Konflikte der vergangenen zwei Jahrzehnte so wie er.

Er ist ein Mann, der Souveränität vermittelt, Ruhe und Gelassenheit. Er ist zugleich auch einer, dem der Ruf eines beinharten Verhandlers vorauseilt. Anders als Tillerson genießt Lawrow ganz offensichtlich das volle Vertrauen seines Präsidenten. Wladimir Putin ernannte Lawrow 2004 zum Chefdiplomaten. Lawrow war damit der erste von Putin ernannte Außenminister – Lawrows Vorgänger Iwan Iwanow hatte bereits unter Jelzin gedient und war von Putin im Jahr 2000 übernommen worden.

Aber eines eint Lawrow und Tillerson: Sie beide stehen im Schatten ihrer Staatschefs. Denn auch eines wird Lawrow nachgesagt: Dass er eben nicht der Architekt der Außenpolitik seines Landes sei, dass die Fäden der Diplomatie Russlands viel eher im Kreml als in seinem Ministerium gezogen würden; dass er letztlich ein gewiefter, mit allen Wassern gewaschener Diener seines Herren sei. Ein Karrierediplomat eben – der er auch ist.

Sohn eines armenischen Vaters und einer aus Georgien stammenden Russin (geboren wurde er 1950) wuchs er in Moskau auf, ging dort zur Schule und absolvierte schließlich das Staatliche Moskauer Institut für Internationale Beziehungen, wo er auch seine spätere Frau Maria kennenlernte. 1972 trat er seinen ersten Auslandseinsatz an: Als Attaché der sowjetischen Botschaft in Sri Lanka. Es folgte ein steiler Aufstieg im Apparat des sowjetischen Außenministeriums – Posten in der Delegation bei der UNO in New York inklusive.

Rauchzeichen

Es sollte auch New York sein, wo Lawrows Tochter 1991 geboren wurde, aufwuchs, zur Schule ging und sozialisiert wurde. Jahre später graduierte sie an der Columbia University. Nach mehr als 20 Jahren in den USA kehrte sie erst 2014 nach Russland zurück – einigen Medien zufolge spricht sie kaum Russisch.

So beherrscht und zurückgelehnt Lawrow für gewöhnlich auch auftritt, so berühmt und zugleich berüchtigt sind seine Ausfälle. Während des Südossetien-Krieges zwischen Georgien und Russland soll Lawrow bei einem Gespräch mit Großbritanniens damaligem Außenminister David Miliband gesagt haben: "Wer bist du, dass du mir beschissene Lektionen erteilen kannst." Später sagte Lawrow, er habe damit nur Georgiens Staatschef Michail Saakaschwili und nicht Miliband gemeint. Miliband bestätigte das.

2015 attackierte Lawrow bei einer Pressekonferenz mit dem Außenminister Saudi-Arabiens Journalisten, die ihn unterbrochen hatten mit vulgären Ausbrüchen. Zur schrulligen Anekdote ist hingegen Lawrows Feldzug gegen das Rauchverbot bei der UNO in New York geworden. Gegen den vom damaligen UN-Generalsekretär Kofi Annan 2003 verhängten Bann war er lautstark zu Felde gezogen, hatte ihn demonstrativ ignoriert und zu diesem Zweck immer einen privaten Aschenbecher bei sich.

Rex Tillerson

Der jüngste und vermutlich letzte Streit wird quasi postwendend nach Wien mitgeliefert. In einer Rede über die USA und Europa zog Rex Tillerson vor wenigen Tagen bemerkenswert heftig vom Leder – und zwar gegen Russland. "Bösartig" sei Moskaus Außenpolitik, würde jedes "Vertrauen untergraben" und die "Zeiten des Kalten Krieges" wachrufen. Harscher Tonfall, der den Daumen des Präsidenten wohl endgültig nach unten wandern ließ. Tillersons Abgang, so schickte man die Gerüchte möglichst öffentlich auf die Reise, sei nur noch eine Frage von Wochen. CIA-Chef Mike Pompeo stünde als Nachfolger bereit. Die Demütigung soll also so weit getrieben werden, bis der Außenminister selbst das Handtuch wirft.

Das Russland-Thema hat die beiden von Anfang an entzweit – und macht die Kluft nun endgültig unüberbrückbar. Während Trump derzeit wieder einmal versucht, gegenüber Russland freundlichere Töne anzuschlagen, fährt ihm Tillerson in die Parade. Doch der Mann im Weißen Haus und sein Außenminister sind politisch ohnehin nicht mehr auf einen Nenner zu bringen. Erst wenige Wochen zuvor hatte Trump Tillerson öffentlich zurückgepfiffen, als dieser vorschlug, Verhandlungen mit Nordkorea aufzunehmen. "Zeitverschwendung!", ließ ihm Trump per Twitter ausrichten, sodass die Weltöffentlichkeit die Rüge auch gleich mitbekam.

Auch Tillerson sorgt dafür, dass sein Chef seinen Ärger nicht übersieht. Dass er Trump vor einigen engen Mitarbeitern als "Trottel" bezeichnet hatte, wurde kürzlich an US-Medien weitergereicht. Twitterkönig Trump wiederum retournierte in aller Öffentlichkeit: Tillerson solle sich doch einem Intelligenztest stellen, dann werde wohl rasch klar sein, "wer von uns da besser abschneidet".

Szenen einer von Anfang an zerrütteten politischen Ehe, die doch mit großen Erwartungen begonnen hatte. Der texanische Ölmanager Tillerson, Chef des Energiegiganten Exxon-Mobile, verfügte nicht nur über beste Geschäfts-, sondern auch über enge private Beziehungen nach Russland, so auch zu Staatschef Putin. Für Trump schien der 65-jährige Spitzenmanager also eine optimale Ergänzung für sein Team, das schon während des Wahlkampfes enge Kontakte nach Moskau pflegte.

Kein Sinn für family business

Doch der spröde Manager hatte bald keine Freude mehr an der Politik – und schon gar nicht an der Art, wie sein Chef die betrieb. Schon in einem seiner ersten Interviews erzählte Tillerson launig, dass ihn nur seine Frau überredet hatte, den neuen Job statt des Ruhestandes anzutreten. Im Außenministerium galt er rasch als Eigenbrötler, der hinter verschlossenen Türen und ohne seine Mitarbeiter agiere. Die großzügig angelegte Reform des Ministeriums ist bis heute nicht wirklich aus den Startlöchern gekommen – und schlägt sich in einer Unzahl an nicht besetzten Spitzenposten in der US-Außenpolitik nieder.

Doch Trump sieht Außenpolitik ohnehin eher als Familienangelegenheit (family business). Er holte sich Tochter Ivanka und Schwiegersohn Jared Kushner ins Weiße Haus und ließ die beiden Geschäftsleute freihändig internationale Kontakte pflegen. Tillerson musste bei Staatsempfängen am Nebentisch Platz nehmen, während Kushner an Trumps Seite die große Bühne bekam. Dass er sich vom Schwiegersohn kürzlich als "unprofessionell" bezeichnen lassen musste, dürfte Tillerson Freude an seinem Amt weiter reduziert haben. Der Abschied dürfte ihm leicht fallen.

Sein Einstand im Amt des Außenministers war mit der Vorsitz-Übernahme Österreichs im Europarat (November 2013 bis Mai 2014) verbunden. Mit Österreichs Vorsitz der Organisation für Sicherheit und Zusammenarbeit in Europa (OSZE) endet nun wohl Sebastian Kurz’ Zeit im Außenministerium. Krönender Höhepunkt: Der jährlichen OSZE-Ministerrat am kommenden Donnerstag und Freitag. Rund 40 Außenminister werden dazu in der Wiener Hofburg erwartet – darunter auch US-Außenminister Rex Tillerson und Russlands oberster Diplomat Sergej Lawrow. Am Freitag wird Kurz dann den Vorsitz an den italienischen Außenminister Angelino Alfano übergeben, der offiziell am 1. Jänner den OSZE-Vorsitz übernimmt.

Die Tagung in Wien ist ein Mammut-Event. Anberaumt sind Beratungen zu den brennendsten Themen im OSZE-Raum: Allen voran zur Ukraine und den damit einhergegangenen Spannungen zwischen Westeuropa sowie den USA und Russland. Auch die von der Republik Moldau abtrünnige Region Transnistrien sowie das Thema Radikalisierung stehen auf der Agenda. Geplant ist zu Letzterem eine Präsentation des Abschlussberichts des OSZE-Sonderbeauftragten Peter Neumann, eines Anti-Terror-Spezialisten.

Mit Spannung erwartet werden vor allem aber bilaterale Unterredungen am Rande der Tagung. Vor allem ein Treffen zwischen Lawrow und Tillerson scheint möglich. Aber auch Kurz soll einige der anwesenden Minister zu bilateralen Gesprächen treffen.