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Interview
07/13/2015

"Das griechische Volk wird pauschal verurteilt"

"Faule Griechen", "Schmarotzer": Seit Wochen hört ORF-Moderator und Musiker Lakis Jordanopoulos das. Wie fühlt sich ein Grieche, der seit Jahrzehnten in Österreich lebt?

KURIER: Herr Jordanopoulos, Sie leben seit 1971 in Österreich. Immer öfter ist nun von den Pleite-Griechen zu lesen, wie fühlt sich das für einen gebürtigen Griechen an?

Lakis Jordanopoulos: Ich ärgere mich sehr. Man wird als Mensch, der nie Schulden gemacht hat, von gewissen Medien als inkonsequenter Schmarotzer bezeichnet. Ein ganzes Volk wird einfach pauschal verurteilt. Man kann aber nur einzelne Menschen oder die Politik kritisieren, nicht eine ganze Bevölkerung. Durch die Boulevard-Berichte mehren sich auch die Vorurteile unter Österreichern.

Erleben Sie direkt Vorurteile und Kritik?

Ja, immer wieder wenn sich die Situation zuspitzt, steigt auch die Kritik. In letzter Zeit bekomme ich fast täglich kritische Nachrichten, vor allem über die sozialen Medien.

"Manche reagieren total hysterisch auf alles, was griechisch ist."

Was bekommen Sie da zu hören?

Sie wiederholen meistens die Phrasen aus den Medien. Die Griechen hätten jahrelang über ihre Verhältnisse gelebt und müssten nun dafür bezahlen. Sie seien faul, pleite und würden von der sozialen Hängematte profitieren. Manche reagieren total hysterisch auf alles, was griechisch ist. Die Volkswirtschaft wird einfach mit den Fehlern einzelner Menschen bzw. der Regierungen gleichgesetzt. Dabei müssen wir nur daran denken, wie das auch in Österreich war: Kredite wurden einem nachgeschmissen ohne Gedanken an die Zukunft. Die Banken haben den Menschen billiges Geld angeboten und sie haben es genommen.

Wie reagieren Sie auf solche Kommentare?

Ich schreibe zurück und versuche die griechische Position zu erklären. Wenn sie aber streiten wollen und mich angreifen, blockiere ich sie auf Facebook.

Am Montag hat es endlich eine Einigung gegeben. Wie haben Sie die Verhandlungen erlebt?

Es war ein Drama, das nicht zu Ende gehen wollte. Aber auch wenn es jetzt eine Einigung gibt: Mit einer einseitigen Sparpolitik wird Griechenland keinen Aufschwung erleben. Das Land ist wie ein krebskranker Patient, der eine Überdosis an Chemotherapie bekommt. Er stirbt am Ende an der Chemotherapie und nicht am Krebs selbst. Dabei muss man Griechenland unter die Arme greifen, bis es sich selbst wieder ernähren kann.

"Schäuble wäre wunderbar als Bürgermeister eines bayerischen Dorfs geeignet, nicht aber als Finanzminister eines der wichtigsten EU-Länder."

Wir haben nach Jahren der Austerität nun eine linke Regierung in Athen. Das Land ist politisch zumindest soweit geeint: Es will beim Euro und in der EU bleiben. Aber Herr Schäuble weigert sich, das anzuerkennen. Es haben sich sogar in der EU selbst die Fronten gebildet, für und gegen Griechenland. Wolfgang Schäuble hat einen Keil durch Europa getrieben. Er wäre wunderbar als Bürgermeister eines bayerischen Dorfs geeignet, nicht aber als Finanzminister eines der wichtigsten EU-Länder.

"Im öffentlichen Bereich wurde zu viel verschwendet, jeder hat gemacht, was er wollte."

Viele Probleme sind aber auch hausgemacht in Griechenland.

Das bestreite ich nicht. Die Probleme sind nicht nur Folgen der Austerität. Klar ist, Griechenland braucht Reformen. Vor allem im öffentlichen Bereich wurde zu viel verschwendet, jeder hat gemacht, was er wollte. Aber jetzt will man etwas ändern und bekommt dafür noch schwerere Lasten zu tragen. Wer soll die höheren Steuern zahlen? Die Bevölkerung kann schon lange nicht mehr.

Wie erleben Sie die Situation in ihrem Heimatland?

Die Stimmung ist sehr schlecht. Man fragt sich, wann das endlich enden wird. In der Woche kann man nur 120 Euro abheben, davon sollen ganze Familien leben. Ein Greißler kann derzeit nicht einmal Karotten kaufen, um sie in seinem Laden zu verkaufen. Menschen können ihre Mieten nicht bezahlen, können ihre Betriebe nicht aufrechterhalten. So kann das Land höchstens noch zwei Monate überleben. Die Entscheidung der EZB den Geldhahn zu schließen, halte ich übrigens für sehr fragwürdig. Das gab es in der EU noch nie. Andere entscheiden über das Schicksal eines Landes, entscheiden wie Griechenland zu leben hat. Das geht so nicht, das ist nicht demokratisch. Ich fühle mich da als gebürtiger Grieche bevormundet.

"Die Griechen werden schikaniert."

Der Grexit ist vorerst abgewendet. Grund zur Freude?

Ja, Griechenland gehört zur EU. Sogar der Name Europa ist schließlich aus Griechenland. Die Mehrheit der Griechen will den Euro und in der EU bleiben. Das sind bessere Werte als in so manch anderem Staat in der Währungsunion. Aber die Griechen werden schikaniert, vor allem vom deutschen Finanzminister. Wer profitiert sind die Euroskeptiker, sie wittern schon ihre Chance. Ich habe aber immer an eine Einigung geglaubt. Allerdings wird diese sehr schmerzhafte Folgen für Griechenland haben. Ich hoffe nur, dass die Syriza-Regierung es schafft, die Ärmeren aus dem Spiel zu lassen.

Lakis Jordanopoulos wurde 1953 in Thessaloniki geboren, wo er das deutschsprachige Gymnasium besuchte. Von 1971 bis 1983 studierte er Technische Chemie an der Technischen Universität Wien. Nach dem Studium wurde er Berufsmusiker und ist bis heute Bandleader der Gruppe Lakis & Achwach. Seit 1991 ist er als Moderator von "Heimat, fremde Heimat" beim ORF. 2005 bekam er das Silberne Verdienstzeichen des Landes Wien.

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