Politik | Ausland
20.03.2016

Lachen, trotz allem

Sie husten nachts, stehen morgens Schlange – und sind trotzdem fröhlich, wann immer sich eine Gelegenheit bietet.

Die anarchistischen Clowns aus Spanien haben mit Protest-Parolen merklich mehr Erfahrung als mit Jonglierbällen: Es ist also eine eher bemühte als begeisternde Vorstellung, die da vor der Essensausgabe im Nieselregen geboten wird: Ein bisschen Konfetti, ein paar Knaller und viel Hauruck-Slapstick.

Doch das Publikum, das sich rundherum versammelt hat, kümmert sich wenig darum, ob die Pointen sitzen und die Bälle ordentlich durch die Luft fliegen. Gelacht und applaudiert wird bei jeder Gelegenheit, weil das in der Gruppe so richtig Lärm und natürlich Spaß macht. Um jeden Jonglierball, der im Schlamm landet, wird mit großem Gejohle gerauft.

Um die Bälle geht es dabei nicht, von denen gibt es hier im Flüchtlingslager von Idomeni eigentlich genug. Immer wieder rollt ein griechischer Pkw, manchmal auch ein Wohnwagen aus den Niederlanden oder Deutschland, im Lager ein, wird Spielzeug aus dem Kofferraum verteilt: Puppen, Stofftiere, Plastikautos, aussortiert in irgendwelchen warmen Kinderzimmern weit weg von hier. Doch die Kinder von Idomeni wissen auch, wie man aus all dem ein Spielzeug macht, was sich im Chaos dieses Lagers am Wegrand türmt. Mit einem alten Schuh kann man Fußball spielen, mit zwei Ästen fechten, in einer Lebensmittelkiste den Kameraden hin und her ziehen, bis der durchweichte Karton reißt.

Husten in jedem Zelt

4000 Kinder leben in diesen Frühlingstagen in diesem Lager an der Grenze zu Mazedonien. Die meisten von ihnen sind nach Wochen in Regen und Kälte krank, so krank, dass man sie in fast jedem Zelt nachts husten und dann kurz aufweinen hört.

Als wollten sie ihren Eltern wenigstens ein bisschen von ihrem Leid abnehmen, stehen auch die Dreijährigen morgens standhaft in der Schlange vor der Essensausgabe, tragen Holzscheite und sitzen, wenn es der Dauerregen wieder einmal notwendig macht, stundenlang dicht gedrängt und trotzdem friedlich in den viel zu kleinen Kuppelzelten.

Viel zu große Schuhe

Schmutzig sind sie von den Haarspitzen bis zu den durchweichten Schuhen, die ihnen oft nicht einmal passen. Man muss schauen, dass man überhaupt an ein Paar kommt, wenn wieder einmal ein Spender ein paar Säcke voll aus irgendeiner Sammelaktion mitgebracht hat. Aber auch mit denen kann man mit ein bisschen Übung Fangen spielen, dann, wenn sich endlich die richtigen Spielkameraden gefunden haben: Irgendwo zwischen Schlamm, Zelten und unter all den traurigen Erwachsenen, die nicht wissen, wie sie einen weiteren Tag in dieser Hoffnungslosigkeit hinter sich bringen sollen.

Es gäbe so viele Gründe zu jammern, so viele Dinge, die diesen Kindern fehlen, und trotzdem hört man in Idomeni weniger davon als auf jedem durchschnittlichen Spielplatz in Wien. Als wüssten sie, dass das Weinen um irgendetwas keinen Sinn hat, wenn Mama oder Papa den Wunsch einfach nicht erfüllen können.

Sie lassen einen staunen, diese kleinen Helden, über ihren Mut, ihre innere Stärke, ihre heitere Gelassenheit – und weil sie niemand gefragt hat, ob sie diese Heldenrolle auch spielen wollen, aber das geht ja jedem echten Helden so. Man nimmt jeden Tag, wie er kommt und sucht sich ein Abenteuer, solange man noch irgendwo einen Rest Lebensfreude übrig hat.

Den drei afghanischen Buben, die sich bei dem ins Lager rollenden Hilfstransport einfach auf die Stoßstange gestellt haben, kann man den heutigen Tag wohl kaum noch verderben, so begeistert winken sie allen, die entgeistert am Straßenrand stehen, zu. Verdammt gefährlich denkt man im ersten Moment, aber hier in Idomeni lauern die Gefahren für Kinder ohnehin an jeder Ecke – und die meisten davon machen sicher nicht so viel Spaß wie ein rollender Lkw.

Info

Nachbar in Not. Kennwort " SYRIEN Menschen auf der Flucht", IBAN: AT05 2011140040044000