Angela Merkel an einer Rostocker Schule mit der 14-jährigen Reem, die sie zu trösten versucht.

© /Screenshot N-TV

Medienradar
07/17/2015

Wie Medien auf Merkels Tröstversuch reagierten

Für ihren Umgang mit einem Flüchtlingsmädchen erntet Merkel Kritik von allen Seiten. Der KURIER-Medienradar.

von Jürgen Klatzer

Die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel tauschte am Donnerstag den Verhandlungstisch in Brüssel gegen eine Veranstaltung in der Rostocker Paul-Friedrich-Scheel-Schule. "Mutti", wie Merkel liebevoll genannt wird, stellt sich den Fragen der Jugendlichen. Als Reem, ein 14-jähriges Flüchtlingsmädchen zu weinen beginnt, versucht die Bundeskanzlerin das Kind zu beruhigen. Was folgte, war harsche Kritik im Internet. Während sich die einen unter #merkelstreichelt über den "emotionslosen" Umgang mit der weinenden Reem echauffierten, lobten die anderen Merkels Vorgehensweise als "wahrheitsgetreu".

Und wie reagierten die Medien in Deutschland? War es eine PR-Aktion, die nach hinten los gegangen ist? Oder hat Merkel eine brenzlige Situation gekonnt gemeistert? Der KURIER-Medienradar:

"Schwächen und Widersprüche"

Der Politikredakteur der Welt, Robin Alexander, meint, dass Merkel, "wenn man sie wirklich dafür kritisieren will, in diesem Moment nicht emotional beschränkt, sondern sprachlich limitiert" sei. Die Bundeskanzlerin würde im persönlichen Gespräch, wenn sie keine erprobten Formeln verwenden kann, "oft haarscharf neben dem, was sie sagen will" liegen. Die Reaktionen im Internet seien nicht angemessen, weil auch die Kanzlerin nur begrenzte Möglichkeiten habe.

Spiegel Online: Annett Meiritz geht nicht explizit auf den Umgang Merkels mit Reem ein, sondern konzentriert sich auf die "Schwächen und Widersprüche der deutschen Flüchtlingspolitik". Die Bilanz sei kläglich. "Einzelne Gesetze gab es viele, grundlegend überdacht wurde die Haltung zur Flüchtlingskrise nie", schreibt die Redakteurin, klare Worte werden vermieden und nichts würde dem Zufall überlassen.

Im Handelsblatt ortet Désirée Linde "Hilflosigkeit" auf allen Seiten. Angela Merkel reagiere ehrlich, und das sei auch gut so. Das wahre Dilemma verbirgt sich hinter der Oberfläche. Denn ihr Tröstversuch habe deutlich hervorgebracht, "wie hilflos Europa – und wenn man es größer betrachtet – die ganze reiche Nordhalbkugel angesichts der Flüchtlingsströme ist, die Krisen, Kriege, Hunger und Elend produzieren".

"Respekt für Reaktion"

Für den Politik-Autor Markus Decker vom Kölner Stadt-Anzeiger wirft die Begegnung zwischen dem libanesischen Flüchtlingskind und Merkel ein "Schlaglicht auf die Flüchtlingspolitik". Erstens, so Decker, sei es "inhuman, Menschen jahrelang im Unklaren zu lassen" und zweitens könne vor allem der Osten "junge, wissbegierige Mädchen gut gebrauchen". Die Kanzlerin reagierte deshalb so, weil es keine fließenden Übergänge zwischen Asyl- und Zuwanderungsrecht gäbe.

"Die Kanzlerin verdient Respekt für ihre Reaktion", schreibt hingegen Volker Königkrämer vom Stern. Dem Redakteur geht die "wohlfeile Empörung" im Internet auf die Nerven. Immerhin habe Merkel Reem und das Schicksal ihrer Familie ernst genommen, "Für ihre Verhältnisse zeigt sie sogar so etwas wie Empathie". Politiker-Bashing sei nicht angebracht, weil es der Schülerin nicht zum Bleiben verhelfe. Im "Chor der Blöden" würde es bloß zu einem guten Gefühl führen.

"Merkel muss endlich erkennen, dass Flüchtlinge ein Gewinn für Deutschland sind", kommentiert Thorsten Denkler die Situation während des Bürgerdialogs in Rostock. Es sei gut gewesen, dass Merkel in dieser Form mal mit einem Lebensschicksal konfrontiert wurde, aber wenn die Kanzlerin Reem einen ständigen Aufenthalt in Deutschland versprochen hätte, "hätte sie sämtliche rechtstaatlichen Prinzipien über Bord geworfen". Doch Deutschland müsse Flüchtlingen eine Chance geben, erklärt der Redakteur der Süddeutschen Zeitung.

"Sie hat zugehört, sie hat ihre Meinung dazu gesagt und das finde ich in Ordnung."

Auf die Frage, ob sie mit der Antwort der Kanzlerin zufrieden war, antwortete Reem gegenüber dem KURIER, dass sie nicht das Gefühl habe, etwas erreicht zu haben. "Ich hätte noch mehr gesagt", so das Mädchen. Am Freitag verteidigte die 14-Jährige im ARD Morgenmagazin Merkel: "Sie hat zugehört, sie hat ihre Meinung dazu gesagt und das finde ich in Ordnung."

Was sagen Sie zum Umgang von Angela Merkel mit dem 14-jährigen Mädchen? Bitte teilen Sie uns Ihre Meinung mit.

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