Kurden trauern um Symbolfigur

FRANCE KURDISH KILLINGS
Foto: APA/GUILLAUME HORCAJUELO Solidaritätsmarsch in Marseille für die drei ermordeten Kurdinnen. Heute soll in Paris eine weitere Großkundgebung stattfinden.

Eine der ermordeten Aktivistinnen war besonders schillernd. Angst vor weiteren Attentaten.

Sie war eine Legende, eine große Symbolfigur des kurdischen Widerstandes in der Türkei“, sagt Ali Can, Journalist in Wien und eine der Zentralfiguren unter den Kurden-Aktivisten in Europa, über Sakine Cansiz. Wie berichtet, wurde die 54-Jährige in Paris gemeinsam mit zwei anderen Kurdinnen durch Kopf- und Nacken-Schüsse in der Nacht zum Donnerstag regelrecht hingerichtet.

Ali Can, der die kurdische Ikone persönlich sehr gut kannte, ist nach der Bluttat sofort in die französische Hauptstadt geeilt. Dort erreichte ihn der KURIER telefonisch. „Wir kommen aus derselben Stadt, aus Dercim (auf Türkisch: Tunceli). Sakine gehörte zu den wenigen Gründungsmitgliedern der PKK, die bis jetzt überlebt haben (die PKK kämpft seit Beginn der 1980er-Jahre für kurdische Autonomie).

„Bestialisch gefoltert“

Bald nach dem Militärputsch 1980 sei sie in das gefürchtete Gefängnis in Diyarbakir gekommen. „Dort wurde sie bestialisch gefoltert und sexuell missbraucht. Man hat ihr sogar die Brustwarzen abgeschnitten. Doch Sakine hat nie geschrien – diesen Gefallen wollte sie den Folterern nicht machen. Stattdessen hat sie sie angespuckt. So wurde sie zur Heldin“, erzählt Ali Can.

1991 kam die Frau frei und wurde sofort wieder für die PKK aktiv. Ihr Kampfname: Sara. Später soll sie für die PKK-Organisation in Deutschland, wo das meiste Geld für den bewaffneten Aufstand eingetrieben wird, verantwortlich gewesen sein. Dann auch für die PKK in Frankreich.

Cansiz war nicht nur eine enge Vertraute von PKK-Chef Abdullah Öcalan, der auf der Gefängnis-Insel Imrali bei Istanbul eine lebenslange Haft absitzt. Sie hatte auch einen guten Draht zu Murat Karayilan, der jetzt die PKK führt und sich mit seinen Kampfgenossen in den Kandil-Bergen im Nordirak nahe der türkischen Grenze verschanzt hält.

„Wir sind sprachlos“

„Ich habe ihre Eltern getroffen, das sind Leute über 80 Jahre, sie sind tief getroffen. Wir alle sind sprachlos“, sagt der ansonsten hartgesotten auftretende Ali Can. Für ihn ist klar: „Da waren absolute Profis am Werk.“ Als Urheber kommen für den Kurden-Aktivisten nur nationalistische Kräfte in der Türkei mit Verbindungen in den nationalen Sicherheitsapparat in Frage. Diese hätten kein Interesse an dem derzeit so viel versprechenden Verlauf der Gespräche für eine friedliche Beilegung des Konflikts.

Auf türkischer Seite sieht man das weitgehend anders. Dort werden radikale PKK-Gruppen, die eine Aussöhnung mit Ankara ebenso ablehnen, für den Terrorakt verantwortlich gemacht.

Einig sind sich beide Seiten jedenfalls darin, dass die Bluttat eine gezielte Provokation sei, den Friedensprozess zu torpedieren.

„Doch der muss weitergehen“, fordert Ali Can. Er weiß, dass er mit dieser Ansage selbst ins Fadenkreuz der Extremisten geraten könnte: „Es geht schon die Angst um, dass sich ein Vorfall wie jetzt in Paris wiederholen könnte. Und dabei dachten wir, dass wir in Europa sicher wären.“

Bloß der Auftakt?

Für den in Ankara lehrenden Politologen Hüseyin Bagci war der jüngste Anschlag einerseits vorhersehbar, andererseits bloß der Auftakt weiteren Blutvergießens: „Da wird noch mehr kommen. Warum? Weil die Kurden im Parlament zuletzt eine äußerst provozierende Rhetorik an den Tag gelegt haben. Jetzt schlagen die Türken zurück“, so der Experte zum KURIER. Wer genau hinter dem Pariser Attentat steckt, vermochte Bagci nicht zu sagen.

Wiener Kurdenmorde nie geklärt

Sie trafen einander am 13. Juli 1989 im dritten Wiener Gemeindebezirk: Abdul Rahman Ghassemlou, Chef der Kurdischen Demokratischen Partei/Iran, sein Stellvertreter sowie ein eingebürgerter iranischer Kurde mit Emissären der Führung in Teheran. Eigentlich hätte es um die Beendigung des kurdischen Aufstandes im Iran gehen sollen, doch die Kurden tappten in eine Falle und wurden erschossen.

Die Täter flüchteten in die iranische Botschaft in Wien. Danach übte Teheran ungeheuren Druck auf Österreich aus. Der damalige Chef der Politischen Sektion im Außenministerium, Erich Maximilian Schmid, sagte nach seiner Pensionierung in einem Interview, der iranische Botschafter habe „mit ziemlicher Klarheit“ zu verstehen gegeben, dass „es gefährlich werden könnte für Österreicher im Iran“, sollten die Tatverdächtigen in Österreich vor Gericht gestellt werden.

1991 sagte der in Frankreich im Exil lebende iranische Ex-Präsident Bani-Sadr, Teheran habe Druckmittel gegen Österreich besessen. Der Iran habe Unterlagen über illegale österreichische Waffenlieferungen im irakisch-iranischen Krieg (1980–1988) gehabt. In der „Noricum“-Affäre waren eine Woche vor dem Attentat Voruntersuchungen gegen den damaligen Kanzler Sinowatz, Außenminister Gratz und Innenminister Blecha eingeleitet worden. Die Verdächtigen durften schließlich ausreisen. Angeblich soll sich unter ihnen auch der jetzige iranische Präsident Ahmadinejad befunden haben.

(kurier) Erstellt am
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