Im Zeichen der Solidarität: Der Triumphbogen im Zentrum von Paris.

© REUTERS/YOUSSEF BOUDLAL

Kundgebungen
01/11/2015

"Kampf gegen Rassismus und Antisemitismus"

Fast alle Regierungschefs Europas in Paris. Frankreich stellt sich auf langen Kampf gegen Terror ein.

von Danny Leder

Mit Angela Merkel, David Cameron und Matteo Renzi, um nur die drei zu nennen, wird "L’Europe" (wie die EU in Frankreich genannt wird) Sonntagnachmittag in Paris zur Stelle sein. Neben der Staatsführung wird alles, was Rang und Namen in Frankreich hat, an der Spitze marschieren, gefolgt von mehreren Hunderttausend, vielleicht auch einer Million Demonstranten, wie Premier Manuel Valls noch am Vorabend in einem TV-Interview hoffte. Gleichzeitig werden, wie schon in den Tagen zuvor, landesweit Menschen zu lokalen Kundgebungen strömen – rechnet man diese dazu, dürfte die Million sicher erreicht werden.

Das "Volk steht auf", wie das Pariser Blatt Libération beschwörend schrieb, nach der blutigsten Terror-Serie seit dem Algerienkrieg in Frankreich, die in drei Tagen 17 Todesopfer forderte. Aber, und das gab Valls bei seinem Vorabend-Auftritt ebenfalls zu verstehen, dieser Marsch kann nur ein Beginn eines langen und komplizierten Abwehrkampfs der Republik sein. Lange, weil Frankreich durch seine Militäreinsätze gegen die Dschihadisten in Afrika und im Irak in Kriege verwickelt ist, die so bald nicht beendet werden können, und bei denen der islamistische Feind seinerseits Frankreich zum Schlachtfeld machen möchte. Kompliziert, weil jetzt der Kampf um die Köpfe jener vielen, meistens jungen Menschen vollends entbrannt ist, die den Kundgebungen ganz bewusst fernblieben. So wie sie sich schon die längste Zeit von den demokratischen Parteien abgewendet und von der Informationswelt der verantwortungsbewussten Medien abgekoppelt haben.

Verschwörungstheorien

Lehrer berichteten, dass sie bei den Schweigeminuten für die Terroropfer in den Schulklassen immer wieder an Schüler gerieten, die die Ereignisse der letzten Tage als eine "Erfindung der Medien" oder eine "Verschwörung der Regierung" betrachten. Während Polizisten erzählten, dass sie in sozialen Krisenvierteln, wo es häufig zu Reibereien mit Jugendlichen kommt, in den letzten Tagen mit dem Ruf empfangen wurden: "Wir werden euch alle umlegen". Das sind jeweils wenige, aber in der Summe kommt eine bedrohliche Minderheit sozial und politisch abgedrifteter Menschen zusammen. Aus diesem Milieu kommen die drei Attentäter, die der französische Soziologe Alain Bauer als Angehörige des neuen "Kriminal-Terrorismus" definiert. Also Personen an der Schnittstelle zwischen Kriminalität, beziehungsmäßiger Verwahrlosung und Allmachtstreben, die sich in Eigenregie und Blitztempo in fanatische Mörder verwandeln können.

Genug autonom gegenüber Auftraggebern (zwei Attentäter bekannten sich zur El Kaida im Jemen, einer zum IS, dem "Islamischen Staat im Irak und Syrien"), um ihre Aktionen für die Behörden kaum voraussehbar zu machen. Aber auch genug indoktriniert, um nach politischen Leitlinien der dschihadistischen Ideologen zu handeln. Das wird bei der Auswahl ihrer Opfer ersichtlich. Der französische Islam-Experte Gilles Keppel konstatiert: "Sie haben Intellektuelle (die Journalisten), Juden, Polizisten und, aus ihrer Sicht, abtrünnige Muslime (drei der Getöteten, zwei Charlie-Mitarbeiter und ein Polizist, waren Muslime) umgebracht. Das sind die Feindkategorien, die die IS-Führer definiert haben."

So wie der IS die "Zerstörung europäischer Staaten von innen her als strategisches Ziel definiert", also die Anstiftung zu Terror, der im Gegenzug die Ausgrenzung und Anfeindung der Muslime hochtreibt und die Demokratie in einen ethnoreligiösen Bürgerkrieg versinken lässt.

Als Antwort auf genau diese Strategie hat Valls zum heutigen Marsch nicht nur als Trauer- und Protestkundgebung gegen Terror aufgerufen, sondern auch und vor allem den Anti-Rassismus hervorgestrichen: "Jedes Mal, wenn man einen Juden angreift, weil er Jude ist, einen Muslim angreift, weil er Muslim ist, und einen Christen angreift, weil er Christ ist, greift man Frankreich und seine Werte an."

Österreich gedenkt der Terror-Opfer

Ein Zeichen gegen Terrorismus und ein Gedenken an die Opfer des Anschlags auf das Satiremagazin Charlie Hebdo und ein jüdisches Geschäft in Paris setzen am Sonntag die Bundesregierung mit Kanzler Werner Faymann an der Spitze und die österreichischen Glaubensgemeinschaften.

Um 16 Uhr beginnt die für eine Stunde anberaumte Gedenkveranstaltung „Gemeinsam gegen den Terror“ am Wiener Ballhausplatz. Bundespräsident Heinz Fischer, Vertreter sämtlicher Glaubensgemeinschaften, Parteien und der Sozialpartnerschaft, Jugendvereine und via Facebook viele Bürger haben ihre Teilnahme zugesagt. „Unsere Werte sind stärker als die Gewalt der Terroristen“, erklärten Faymann und Vizekanzler Reinhold Mitterlehner im Vorfeld.

Schauspieler des Burgtheaters gestalten die Gedenkstunde. Die Ensemble-Mitglieder Dorothe Hartinger, Elisabeth Orth, Michael Heltau, Cornelius Obonya und weitere Kollegen werden Texte lesen. Zu hören sind unter anderem Werke von Berthold Brecht, David Grossmann, Peter Handke und Ephraim Lessing.

Am Plan stehen außerdem eine Gedenkminute für die Ermordeten sowie die Verlesung einer gemeinsamen Proklamation der Bundesregierung. Der ORF wird die Gedenkstunde ab 16 Uhr live übertragen.

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