Feier für die befreiten Spione: Castro hat sie zu Nationalhelden stilisiert.

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Kuba
12/20/2014

"Ein Schritt vor, ein Schritt zurück"

Regimekritiker beobachten die Aussöhnung mit den USA mit Freude, aber auch mit Skepsis.

von Konrad Kramar

Zuletzt war der Fisch doch wichtiger – und pünktlich zur Rede des Präsidenten waren plötzlich Unmengen davon auf dem Markt im Zentrum von Havanna eingetroffen. Also teilte sich die Menge in jene, die sich vor den Fernsehern, und jene, die sich vor den Marktständen drängten. Schließlich waren die so gut mit Fisch und Fleisch bestückt wie schon seit Monaten nicht. Im kommunistischen Kuba mit seiner chronischen Mangelwirtschaft gibt es bewährte Methoden des Regimes, um die Stimmung verlässlich zu heben.

"Erleichterung, Freude, Hoffnung", so beschreibt Kubas international bekannteste Bloggerin Yoani Sanchez die Stimmung an diesem Nachmittag, als auf den öffentlichen Fernsehern auf einmal statt Baseball und Videoclips die Ansprache von Raul Castro lief. Der sprach über die Wiederaufnahme der diplomatischen Beziehungen mit den USA, die Annäherung der beiden Länder aneinander, das "Zusammenleben in zivilisierter Form".

Spione als Helden

Vor allem aber feierte der Präsident die Heimkehr von drei Nationalhelden: Gerardo, Ramón und Antonio, drei in den USA seit Jahren gefangen gehaltene kubanische Spione. Sie waren vom Castro-Regime über viele Jahre zu Freiheitskämpfern, Revolutionären stilisiert worden. Jetzt wurden sie gegen zwei US-Spione ausgetauscht.

"Sie sind zurückgekehrt" jubelte das stramm regimetreue Parteiorgan Granma in seiner Schlagzeile. Brav schwenkten die Menschen bei den abendlichen Feiern auf der Straße die Plakate mit den bekannten Konterfeis der Spione, die seit Jahren überall in Kuba affichiert und verteilt werden.

Dass das Regime ausgerechnet diesen Erfolg feiert, alle anderen Konsequenzen aus der Aussöhnung mit den USA aber in wolkige, nichtssagende Phrasen hüllt, stößt Yoanni Sanchez und anderen Kritikern des Castro-Systems sauer auf. "Kein Jubel über ein freies Kuba, keine auf der Straße geköpften Flaschen, keine Feiern", schreibt sie resigniert:"Stattdessen Erfolge in kleinen Stücken, ein Schritt vor, ein Schritt zurück".

Der D-Tag, so nennen viele Oppositionelle auf Kuba in Anlehnung an die Landung der Alliierten in der Normandie 1944 den Tag, an dem auf ihre Insel endlich Demokratie, Meinungsfreiheit und das Ende politischer Unterdrückung einziehen sollen. Doch dieser D-Tag, so meint nicht nur die populäre Bloggerin, werde auch diesmal auf sich warten lassen.

Ob sich das Castro-Regime nach mehr als einem halben Jahrhundert an der Macht tatsächlich öffnet, das betrachten viele Kubaner mit tiefsitzender Skepsis. Die "Weisheit und Vernunft" des inzwischen kaum noch in der Öffentlichkeit sichtbaren Revolutionsführers Fidel Castro feiern die staatlichen Propagandamedien jetzt, nach der Aussöhnung mit den USA. Die jungen Kubaner, die auf den Straßen von Havanna mit irgendwelchen Gelegenheitsjobs für Touristen über die Runden zu kommen versuchen, können sich nicht so recht für diese "Weisheit" begeistern.

Vor zwei Jahren hat das Regime den Arbeitsmarkt liberalisiert, nicht aus politischer Überzeugung, sondern einfach aus purer wirtschaftlicher Not: Dass es in vielen staatlichen Fabriken einfach keine Arbeit mehr für den Großteil der Belegschaft gab, ließ sich nicht mehr mit sozialistischer Bürokratie wegretuschieren.

"Müssen Geld sehen"

Fremdenführer, Friseure, kleine Restaurants in Privatwohnungen, Zimmervermietung, Dienstleistungen aller Art: Zehntausende Kubaner machen inzwischen ihre Gehversuche in der Privatwirtschaft. Dass sie jetzt von ihrem bisschen Umsatz auch noch Steuern zahlen müssen, macht die politische Führung nicht beliebter, auch wenn die überall das "erneuerte" sozialistische Modell bewerben lässt.

"Wir Jungen müssen endlich etwas sehen, Geld nämlich", beklagt sich Duany, ein Fremdenführer, beim Reporter der spanischen Zeitung El Pais über seine Lage: "Natürlich sind wir zufrieden, wenn die USA jetzt wirklich die Blockade aufheben – aber da warten wir einmal ab, ob wir am Ende wirklich von unserer Arbeit leben können."

Klare Pläne des Regimes, beklagt die Opposition, seien nicht auszumachen. "Jetzt wissen wir im Detail, was die in Florida vorhaben", zieht Yoanni Sanchez ihr Resümee über die jüngsten Ereignisse, "aber in unserem eigenen Land bleibt alles wie so oft, versteckt und im Geheimen."

"Wann werden sie das Strafgesetz ändern, wie lange gibt es noch Delikte wie ,feindliche Information‘, wann schließen sie die Foltergefängnisse?", fragt sich ein Regimekritiker in einem Internet-Forum – und bekommt eine bitter ironische Antwort: "Das kümmert die oben nicht. Sie haben nur die Dollars im Blick."

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