„Packe mich ein wie ein Bär“

Greece Financial Crisis
Foto: AP/Dimitri Messinis Proteste gegen die Erhöhung der Heizölpreise. Viele Griechen können sich das Heizen nicht mehr leisten.

Zigtausende Griechen frieren in kalten Wohnungen, weil heizen unbezahlbar wurde.

Zwei Löffel Kaffee, eine Prise Zucker, ein wenig Wasser: Vyronas Gialouris kocht einen Mokka für sich und seinen Besuch – und wärmt sich gleichzeitig die Hände über dem Herd. Das Thermometer in seiner Küche zeigt 13 Grad an. Wie in so vielen Athener Wohnhäusern bleiben auch bei Vyronas Gialouris die Heizkörper in diesem Winter kalt. Der pensionierte Ingenieur behilft sich mit einem kleinen Heizlüfter, der allerdings nur für Küche und Flur reicht: „Die Wohnung ist fast 100 Quadratmeter groß, aber jetzt im Winter nutze ich nur die 20 Quadratmeter hier rund um die Küche, die übrigen Zimmertüren halte ich geschlossen. Mit zwei extra Decken geht das schon.“

Der Heizölverbrauch in Griechenland ist um 80 Prozent zurückgegangen: Die Einkommen sind gesunken, die Heizölpreise nach Steuererhöhungen stark gestiegen – und damit für die meisten Griechen nahezu unbezahlbar. Vyronas Gialouris zieht einen Packen Rechnungen aus einer Schublade. Er hat Hausmeisterpflichten. Dazu gehört es, bei den Nachbarn die Nebenkosten einzutreiben. Ein undankbarer Job. „Nicht mal ein Drittel der Mieter kommt seinen Verpflichtungen nach. Manche zahlen schon seit Beginn der Krise nicht mehr.“

Die Folge: Der Heizkessel wird nicht angeworfen, der Aufzug wird seit Monaten nicht mehr gewartet, die Gebäudereinigung ist abbestellt.

Elf Grad im Zimmer

GREECE ECONOMIC CRISIS HOMELESS Foto: APA/ORESTIS PANAGIOTOU Ein Obdachloser in Athen auf der Suche nach Unterschlupf Bei Dimitris Livadas, der gerade zu Besuch ist, ist es kaum anders. Auch er überwintert in einer ungeheizten Wohnung. „Wenn wir heizen würden, müsste ich pauschal 300 Euro im Monat zahlen. Bei einem Gehalt von 1000 Euro ist das nicht möglich. Andererseits ist es bei uns daheim so kalt, dass man sich kaum in der Wohnung aufhalten mag. Wir hüllen uns in Decken oder behalten die Mäntel an. Oft haben wir nur elf Grad im Zimmer.“

Für ganz kalte Tage hat Dimitris Livadas einen Kaminofen. Doch auch Kaminholz ist teurer geworden, seit sich viele Menschen in Griechenland kein Heizöl mehr leisten können und nach anderen Wärmequellen suchen. Umweltschützer und Forstbehörden schlagen indes Alarm, denn illegale Holzfäller richten im ganzen Land große Schäden an.

Alles wird verbrannt

In Ballungszentren gibt es ein weiteres Problem – die Luftverschmutzung. In den Jahren des Booms gehörte die Kaminecke im Wohnzimmer zum guten Ton. Nun werden die Kamine zum Heizen genutzt, verheizt wird alles, was brennt, auch Spanplatten und Sperrmüll. Mit katastrophalen Folgen, sagt der Klimaforscher Evangelos Gerasopoulos von der Athener Sternwarte. Seit Beginn der Krise steigt die Feinstaubbelastung in der Athener Luft wieder an – und zwar jeweils im Winter. „Unsere Messungen zeigen, dass die Konzentration von Kohlenmonoxid und Stickoxiden in den Abendstunden stark zunimmt. Die Luftverschmutzung ist mit bloßem Auge zu erkennen. Oft sehen wir von unseren Büros aus Rauchwolken, die über den tiefer gelegenen Stadtvierteln fest hängen.“ An manchen Messstationen in Griechenland hat die Feinstaubbelastung in den vergangenen Wochen den europäischen Grenzwert um das Drei- bis Vierfache überschritten.

Vyronas Gialouris indes schaudert beim Gedanken, dass die kältesten Wochen erst noch bevorstehen. Um der Kälte in seiner Wohnung beizukommen, greift er zu unorthodoxen Methoden: „Ohne Heizung ist meine Wohnung unbewohnbar. Klar, ich kann mich einpacken wie ein Bär. Aber das ist doch kein Zustand. Genauso wenig wie die Tatsache, dass ich meinen ganzen Mut zusammen nehmen muss, um zu duschen. Ich habe so meine Tricks. Bevor ich ins Bad gehe, gebe ich Alkohol in einen Metallbehälter, zünde ihn an und lasse das Feuer einige Minuten brennen. Warm wird es davon auch nicht, aber es ist dann wenigstens nicht mehr so eisig im Bad.“

Düstere Prognose für 2013, aber Plus im Budget

Noch mindestens zwei Jahre lang müssen sich die Griechen durch ihre schwere Krise kämpfen, denn erst ab 2015 wird die Wirtschaft wieder wachsen. Vorerst aber wird sich die Lage nach Prognosen der Wirtschaftsprüfer Ernst & Young noch verschärfen: Allein heuer wird die Wirtschaft demnach wieder um 4,3 Prozent schrumpfen, die Arbeitslosigkeit auf 28 Prozent hochschnellen.

Einzig gute Nachricht: Die Mühen der Sparprogramme beginnen Früchte zu tragen. In den ersten elf Monaten des Vorjahres hat Griechenland erstmals seit Jahren einen primären Budgetüberschuss (vor Schuldzinsen) erzielt. Das Plus betrug 2,3 Milliarden Euro. Im Vergleichszeitraum 2011 lag das Minus im Budget noch bei 3,6 Milliarden Euro. Ein echtes ausgeglichenes Budget unter Berücksichtigung des Schuldendienstes liegt allerdings noch in weiter Ferne.

(kurier / Alkyone Karamanolis) Erstellt am
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