UNHCR-Bericht: Jede Minute 20 neue Vertriebene weltweit

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Foto: APA/AFP/CHRISTOPHE SIMON Flüchtlinge aus Mossul, April 2017

Seitdem die Balkanroute geschlossen ist und die Türkei für Europa Flüchtlinge aufhält, schaffen es nur noch relativ wenige, sich bis in die EU durchzuschlagen. Das Problem ist aber noch nicht gelöst, wie der UN-Flüchtlingsbericht für 2016 zeigt.

Die Flüchtlingskrise scheint weit weg: keine Bilder mehr von Menschenschlangen an der Grenze, von überfüllten Asylunterkünften, Verzweifelten an geschlossenen Grenzübergängen, keine Sondersendungen mehr über chaotische Zustände in Europa. Ist die Krise damit vorbei? Keineswegs. Weltweit werden jede Minute 20 Menschen in die Flucht getrieben. Der Weltflüchtlingsbericht zeichnet ein düsteres Bild.

65,5 Millionen Flüchtlinge und Vertriebene weltweit, wo sind die Menschen alle?

Der überwiegende Großteil von 40,3 Millionen Personen befanden sich 2016 sich im eigenen Land auf der Flucht. 22,5 Millionen sind über Landesgrenzen geflüchtet, 2,8 Personen haben um Asyl angesucht. Die Türkei beherbergte 2016 weltweit die meisten Flüchtlinge, 2,9 Millionen. Der Libanon hat gemessen an der eigenen Bevölkerung den meisten Menschen Zuflucht geboten. In dem Land am Mittelmeer, kaum größer als Kärnten, war jeder sechste Bewohner Flüchtling. Pakistan beherbergte 1,4 Millionen Geflüchtete, Iran und Uganda je fast eine Million, Äthiopien fast 800.000, Jordanien fast 700.000. 84 Prozent der Vertriebenen sind in Entwicklungsländern. "Dies ist keine Krise der reichen Welt, sondern eine Krise der Entwicklungsländer", betont der Chef des UNO-Flüchtlingswerks (UNHCR), Filippo Grandi.

Wo ist die Not am größten?

Die meisten Flüchtlinge stammen nach wie vor aus Syrien, 5,5 Millionen. Im Kampf gegen die Terrormiliz Islamischer Staat gewinnt die Regierung zwar Oberhand, aber mit den untereinander rivalisierenden Oppositionskämpfern ist keine Annäherung in Sicht. Die zweitgrößte Gruppe kommt aus Afghanistan (2,5 Millionen). Am rasantesten verschärfte sich die Krise aber in Südsudan. 2016 waren schon zwölf Prozent der zwölf Millionen Einwohner des jungen Landes vor einem ethnisch verfeindeten Bürgerkriegsparteien auf der Flucht, inzwischen sind es schon 17 Prozent. Die selbst bitterarmen Nachbarländer können den Ansturm kaum bewältigen.

Wie hat die EU nach dem Andrang 2015 reagiert?

"Wir sollten niemals erlauben, dass sich das Chaos von 2015 in Europa wiederholt", sagte EU-Ratspräsident Donald Tusk. Grenzschließungen und Zäune auf der Balkanroute haben die Zahl der Asylsuchenden ebenso nach unten gedrückt wie der Flüchtlingspakt mit der Türkei. Außerdem wurde die EU-Grenzschutzagentur Frontex ausgebaut, damit sie Länder an den Außengrenzen der Europäischen Union künftig besser vor ungewollter Migration schützen helfen kann.

Hilft Europa nicht auch den Herkunftsländern?

Im eigenen Interesse, ja. Die sogenannten Migrationspartnerschaften funktionieren nach dem Prinzip Zuckerbrot und Peitsche. Wer mit Europa in solchen "Partnerschaften" zusammenarbeitet, soll mehr Entwicklungsgelder bekommen. Als Musterschüler gilt Niger. Das Transitland in Westafrika habe den Grenzschutz und den Kampf gegen Schleuser verstärkt. Dafür bekommt es Unterstützung für die Landwirtschaft, bei beruflicher Ausbildung und Jugendbeschäftigung. Weniger Fortschritte gibt es in Nigeria, Mali, Senegal und Äthiopien. Außerdem unterstützen europäische Länder die Flüchtlinge in unterschiedlicher Intensität über Entwicklungsgelder und Beiträgen, etwa zum World Food Programme (WFP) der Vereinten Nationen. Oftmals werden Zusagen allerdings nicht oder nur verspätet eingehalten.

Sind sich die EU-Staaten einig beim Umgang mit Flüchtlingen?

Nein. Wegen ihrer Weigerung, Italien und Griechenland Flüchtlinge abzunehmen, geht die EU-Kommission nun gegen Ungarn, Polen und Tschechien vor. Die Slowakei und Ungarn klagen ihrerseits vor dem Europäischen Gerichtshof gegen den Beschluss zur Umverteilung von bis zu 120.000 Flüchtlingen. Und der Versuch, eine dauerhafte Lösung zur besseren Verteilung von Migranten zu finden, kommt nicht voran. Menschenrechtsorganisationen fürchten, dass sich die EU-Staaten nur auf die Absenkung von Schutzstandards einigen.

Was will der UNHCR-Chef von den reichen Ländern?

Einerseits Geld. Die meisten Spendenaufrufe sind nicht einmal zu einem Viertel gedeckt. Manchmal müssen Essensrationen in Flüchtlingslagern gekürzt werden. "Dann werden die Lager Horte der Verzweiflung", berichtet Grandi. Mehr Leute versuchten dann, sich auf eigene Faust nach Europa durchzuschlagen. Andererseits dringt Grandi auf mehr Programme, die die Lage in den Krisenregionen verbessern, damit die Menschen dort eine Chance auf einen Neuanfang bekommen.

Übrigens: die USA sind nach wie vor mit Abstand der größte Geldgeber des UNHCR. 51 Prozent der 189.000 Menschen, die 2016 eine neue Heimat fanden, wurden in den USA aufgenommen. Obwohl Präsident Donald Trump die angepeilte Zahl für die permanente Aufnahme von Flüchtlingen auf 50.000 halbiert hat, wäre das immer noch das größte Ansiedlungsprogramm der Welt.

(APA / mog) Erstellt am
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