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© REUTERS/MOHAMED AL-SAYAGHI

Politik | Ausland
02/22/2017

Krieg, Armut und Drogen im Jemen

Millionen von Männern, Frauen und Kindern im Jemen kauen die stimmungsaufhellenden Khatblätter. Es ist Teil der Kultur.

Auf dem Shumaila-Markt im Süden der Hauptstadt Sanaa prüft Shayef al-Thibyani ein Bündel Khatblätter nach dem anderen. Dann nimmt er eins heraus. "Die beste Qualität ist das nicht, aber es reicht mir. Ich habe nur 1500 Rial (knapp 6 Euro), und ich werde sie alle für Khat ausgeben und dann bis zum Abend weiterarbeiten", sagt der Taxifahrer der Deutschen Presse-Agentur.

Millionen von Männern, Frauen und Kindern im Jemen kauen Khat. Es ist Teil der Kultur. Obwohl Thibyanis Einkommen kaum für seine vierköpfige Familie reicht, kann er die Gewohnheit nicht aufgeben. Angesichts der politischen und wirtschaftlichen Probleme seines Landes bietet die Droge oft die einzige Entspannung.

"Ich habe in den letzten zwei Jahren angefangen, mehr Khat zu konsumieren, als sich die Lage im Land verschlechterte. Früher haben wir unsere Freizeit mit Reisen oder im Park verbracht. Das gibt's heute nicht mehr. An manchen Tagen muss ich Überstunden machen, um es bezahlen zu können", sagt er. "Khat lässt uns all unsere Sorgen vergessen."

Bürgerkrieg seit 2014

Beim Zerkauen von Khatblättern werden amphetamin-ähnliche Stoffe freigesetzt, durch die der Konsument ein Stimmungshoch erlebt. Zwar zählt die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Khat nicht zu den ernsthaft süchtig machenden Drogen, aber für die wirtschaftliche und ökologische Situation des konfliktgebeutelten Landes ist sie fatal.

Der Bürgerkrieg begann Ende 2014 mit der Besetzung der Hauptstadt Sanaa durch schiitische Houthi-Rebellen, denen immer wieder die Unterstützung des Iran nachgesagt wird. Im März 2015 starteten dann Saudi-Arabien und seine sunnitischen Bündnispartner mit Luftanschlägen gegen die Aufständischen. Die Bombardements trafen auch immer wieder viele Zivilisten, Gesundheitseinrichtungen und die Infrastruktur des bitterarmen Landes.

Als Folge des Konflikts gilt nach UNO-Angaben die Ernährungslage von rund 17 Millionen Menschen als unsicher. Demnach erleidet der Jemen eine der schlimmsten humanitären Krisen weltweit. Trotzdem pflanzen die Bauern lieber Khat an als Obst, Gemüse, Getreide und Kaffee, weil es mehr Geld bringt.

Land braucht neue Arbeitsplätze

"Der Khatanbau blühte während des Krieges und soll mit der steigenden Nachfrage in den kommenden Jahren weiter wachsen", sagt der Khatbauer Saleh al-Hamadani. "In diesen harten Zeiten macht es die Jemeniten glücklich. Wenn wir Khat nicht hätten, wären sie langsam an dem Grauen zugrunde gegangen."

Die Einwohner des Jemen gäben jedes Jahr umgerechnet 7,1 Millionen Euro für ihre Freizeit aus, einen großen Teil davon mache auch Khat aus, sagt der Wirtschaftswissenschaftler Ahmed Saeed al-Shamakh. Seiner Meinung nach hat das Land nur eine Chance, wenn es neue Arbeitsplätze schafft und den Anbau von Nahrungsmitteln streng überwacht.

Khatsträucher werden normalerweise im Gebirge 1.500 bis 2.500 Meter über dem Meeresspiegel angebaut. Doch wegen der steigenden Nachfrage pflanzen die Bauern sie inzwischen auch weiter unten auf den Bergen. Nach Angaben des Landwirtschaftsministeriums werden jedes Jahr vier bis sechs Hektar Khat mehr angebaut, wodurch die Nutzfläche für dringend benötigte Nahrungsmittel schrumpft.

Khat in Saudi-Arabien verboten

Die Entwicklung sei "alarmierend", meint Wagih al-Motawakel, Mitarbeiter an der staatlichen Agrarforschungsbehörde. Die Kämpfe in der südwestlichen Provinz Tais und in den nordwestlichen Provinzen Saada und Haja hätten es für die Bauern schwerer gemacht, die höheren Regionen zu kultivieren. Das Landwirtschaftsministerium habe zwar vor einigen Jahren eine Strategie entwickelt, um den Khatanbau auf bestimmten Flächen zu verbieten. Diese sei aber nie umgesetzt worden.

Anders als in Saudi Arabien, wo Khat verboten ist, ist der Anbau und Verkauf der Pflanze im Jemen weiterhin legal. Jeder Markt hat eine Ecke, in der Bündel von Khat verkauft werden. Der Laden von Ali al-Omari ist fast immer voll mit Kunden, die unter den kleinen Säckchen nach ihrer liebsten Sorte suchen. "Was soll ich machen, wenn ich aufhöre, Khat zu verkaufen? Soll ich betteln gehen?", fragt er und kaut weiter an seinen Blättern.