Politik | Ausland
05.12.2011

"Konnte Tränen nicht mehr zurückhalten"

Tripolis: Ein Mitglied der Rebellen erzählt von seinem Kampf an der Front und wie er die Rückkehr in seine Heimatstadt erlebte.

Mohamed ist zurück in Tripolis. Der Medizinstudent ist Ende zwanzig, seine Familie lebt in der libyschen Hauptstadt. Er selbst studierte unter anderem in den Vereinigten Staaten. Als die Krise in Libyen begann, reiste er ins Grenzgebiet zwischen Libyen und Tunesien und half dort den Gaddafi-Gegnern sowie libyschen Flüchtlingen. Am 20. August ist er mit den Rebellen über die Nafusa-Berge und Al Zawiyah - wo es heftige Kämpfe gab - nach Tripolis zurückgekehrt.

Die KURIER-Fragen beantwortete er gestern via Facebook. Er erzählt von seinen Eindrücken in seiner Heimat und von den schwersten Stunden im Kampf:

KURIER: Tragen Sie eine Waffe bei sich?
Mohamed: Ja. Wenn du siehst, wie unschuldige Menschen ermordet werden, dann fühlst du, dass du eine Waffe haben solltest. Ich hasse es! In Al Zawiyah, als wir kämpften, begannen die Gaddafi-Truppen auf einmal, wahllos Raketen abzufeuern. Plötzlich kam ein junger Mann schreiend auf uns zugelaufen und sagte, seine Familie sei in einem Haus eingeschlossen. Ich warf meine Waffe weg und folgte ihm. Seine Frau war schwanger und hatte ein sechs Monate altes Kind. Beide bluteten an allen möglichen Stellen des Körpers. Ich versuchte - als Medizinstudent im letzten Jahr - den beiden zu helfen. Das nächste Krankenhaus war so weit entfernt! Als ich die beiden ins Rettungsauto schaffte, konnte ich meine Tränen nicht mehr zurückhalten. Danach nahm ich meine Waffe und kehrte an die Front zurück. Voller Hass und Wut. Wir müssen das endlich beenden! Aber für jene Menschen, die gestorben sind, bin ich glücklich, denn sie werden direkt in den Himmel kommen, wie es der Islam uns lehrt.

Was war Ihr erster Eindruck, als Sie in Ihrer Heimatstadt ankamen?
Als wir ankamen, teilten wir uns alle auf und gingen zu unseren Häusern und Familien, die meisten von uns sind ja aus Tripolis. Als ich meine Mutter nach fünf Monaten zum ersten Mal wieder umarmte, glaubte ich, dass ich träume.

Wie sieht es in Tripolis aus?
Tripolis ist so glücklich. Hier wird Gott sei Dank nicht so viel gekämpft, die Menschen gehen langsam zurück zum Alltag, wir brauchen aber Nahrung und Benzin. Als wir gekommen sind, haben wir viele Schranken und Checkpoints aufgestellt, um die Sicherheit zu gewährleisten. Wir haben Angst, dass Gaddafi mit Terror kontert.

Was ist Ihre Aufgabe jetzt?
Wir haben uns hier Stationen aufgebaut. Jeden Tag bekommen wir Waffen von den Einwohnern. Gaddafi hat unendlich viele Pistolen, Gewehre etc. an einfache Menschen verteilt, weil er will, dass wir alle gegeneinander kämpfen. Seine Leute haben die Waffen verteilt und erzählt, dass unsere Leute die El Kaida wären und gekommen seien, um sie zu ermorden. Aber die Menschen lassen sich nicht an der Nase herumführen. Sie kommen auf uns zu und sind glücklich, geben die Waffen ab. Wir heben sie auf, bis wir eine Regierung haben und eine neue Armee, dann geben wir sie ihnen. Ich bin in einer dieser Stationen und nehme täglich Waffen entgegen. Ich kümmere mich derzeit nicht um Verletzte, in den Spitälern brauchen sie fertig ausgebildete Ärzte.

Wie geht es Ihnen mit diesem Krieg?
Dieser Kampf tut mir jede Minute weh, aber wir müssen das tun. Und es ist ja jetzt fast vorbei.

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