Politik | Ausland
09.01.2018

Kneissl: Kleine Pannen, große Überraschungen

Die erste Reise in die Slowakei zeigte eine spontane und oft originelle Karin Kneissl.

Die Aussprache war – vorsichtig formuliert – verbesserungswürdig, die Geste aber ebenso überraschend wie sympathisch. Karin Kneissl begrüßte den slowakischen Staatssekretär Ivan Korcok vor der versammelten Presse mit ein paar Sätzen Slowakisch vom Blatt.

Nicht die erste diplomatische Überraschung an diesem ersten offiziellen Dienstreise-Tag von Österreichs neuer Außenministerin. Schon der morgendliche Treffpunkt mit den Medien, der Bahnhof in Gramatneusiedl, unweit von Kneissls Wohnort, war wohl zum ersten Mal Bühne für die heimische Spitzendiplomatie.

Großes Medieninteresse

So einen Wald von TV-Kameras hatte der kleine Ort im Marchfeld wohl schon lange nicht mehr gesehen – und die ließen die Außenministerin von Anfang an keine Sekunde aus den Augen. So gab es anstatt der sonst strikt regulierten Drehminuten für die TV-Teams ein manchmal ziemlich wildes Durcheinander: Im vollgestopften Abteil des Regionalzugs nach Bratislava gab die Außenministerin Interviews, plauderte mit alten Bekannten über Marchfeldschlösser und Schriftsteller und versuchte sich mitten im Gewühl für Gespräche mit der slowakischen Spitzenpolitik briefen zu lassen.

Familienbeihilfe-Krise

Die neue Regierung in Wien hatte Kneissl ja ein politisch ziemlich sperriges Paket auf den Weg nach Bratislava mitgegeben: Die geplante Anpassung der österreichischen Familienbeihilfe für ausländische Arbeitnehmer an die Lebenskosten in ihren Heimatländern. Gerade für Tausende Slowakinnen, die in Österreich in Spitälern und als Pflegerinnen tätig sind, ein schwerer Schlag. Entsprechend groß ist das Thema in den slowakischen Medien, entsprechend verärgert sind die Kommentare der dortigen Leser. Und auch Kneissls Gesprächspartner machten ihren Ärger über die geplante Maßnahme ziemlich deutlich. Man erwarte, "prinzipiell nicht diskriminiert zu werden", meinte etwa Staatssekretär Korcok zu dem "in der Slowakei sehr starken Thema".

Der Außenministerin blieb vorerst nichts anderes, als auf weitere Gespräche der für soziale Fragen zuständigen Minister zu verweisen und sich um Freundlichkeit zu bemühen, die über diplomatische Höflichkeit oft hinausging. So bedankte sie sich zum Beispiel bei all den Menschen, "die um vier Uhr früh aufstehen, um unser Gesundheitssystem aufrechtzuerhalten". Diplomatie, so Kneissl, sei eben vor allem "Atmosphäre schaffen".

Nicht nur beim Loben leistete sich die manchmal merklich nervöse Kneissl verbale Schlenkerer abseits diplomatischer Phrasen. Sie sprach über die Regeln für ein gutes Tischgespräch und scherzte, die Slowakei, die gerade 25 Jahre seit ihrer Gründung feiert, sei "im besten Alter".

Keine Kritik an AKW

Klare Worte zu heiklen Fragen gab es bei diesem Antrittsbesuch beim Nachbarn vor allem bei einem Thema: Der zuletzt häufig diskutierte Beitritt Österreichs zum Club der Visegrád-Staaten, also Polen, Tschechien, Ungarn und die Slowakei. In Österreich gebe es da "keine Ambition beizutreten". An der in Österreich ja traditionell beliebten Kritik an Atomkraftwerken in der Slowakei wollte sich die Außenministerin nicht beteiligen. Die Auswahl seiner Energie-Ressourcen, betonte sie lediglich, sei Sache jedes einzelnen Mitgliedslandes.

Eine weitere freundliche Geste für den Nachbarn hatte ohnehin Kanzler Sebastian Kurz der Außenministerin mitgegeben. Dass der sich vor Kurzem gegen die in der Slowakei kategorisch abgelehnten EU-Flüchtlingsquoten ausgesprochen hatte, betonte Kneissl bei diesem Besuch gleich mehrfach.

Humorvoll

So zeigte die Außenministerin bei ihrer Premiere deutliches Bemühen um klare Worte, viel offene Freundlichkeit und manchmal originelle Abweichungen von diplomatischen Gepflogenheiten. So korrigierte sie vor der Presse offenherzig ihre eigenen Formulierungen ("das ist das falsche Wort"), überraschte in einigen Momenten mit Detailwissen, etwa über Energiepolitik, und ging mit den unweigerlich auftretenden Unsicherheiten erfrischend unbeschwert und humorvoll um.

So hielt sie am Ende ihrer Ausführungen für die Presse kurz lächelnd inne und dachte laut nach: "Hab ich was vergessen, ich hoffe nicht."