Politik | Ausland
06.04.2017

Kim Jong-un in Florida mit am Tisch

Nordkoreas Raketenprogramm rückt in Vordergrund des US-Besuchs von Chinas Staatschef.

Es trifft sich gut, dass Xi Jinping auch Tai Chi beherrscht. In dem sanften Kampfsport sind Atem-Techniken eminent wichtig. Sie konnten Chinas Staatschef vor der Ankunft in Mar-a-Lago in Florida am Donnerstag vielleicht helfen, die schweren Brocken zu verdauen, die Donald Trump dem ersten Großmächte-Dialog in den Weg geschoben hat. Vor allem die fast ultimative Forderung des US-Präsidenten nach einem Machtwort Chinas in Nordkorea wird Xi übel aufgestoßen sein. Allerdings weiß er darum, dass sein Riesenreich als größter Gläubiger der USA sehr wohl Druckmittel in der Hand hat, um Trump zu ärgern.

Ein entspanntes Treffen des steifen Chinesen und des emotionalen Amerikaners ist in den rund 20 Stunden, die der Besuch Xis in den USA dauert, nicht zu erwarten. Zu sehr hatte Trump schon im Wahlkampf China als Punching-Ball benutzt. Peking hat den Attacken zwar irritiert aber meist gelassen widerstanden. Nur einmal verlor man kurz die Contenance. Trump hatte mit Taiwan geflirtet und der seit Richard Nixon praktizierten Ein-China-Politik die lange Nase gezeigt. Wenig später versicherte Washington, dass man der von China als abtrünnig empfundenen Provinz doch keine diplomatischen Sonderkonditionen einräumen will.

Pjöngjangs Raketen

Trump braucht nach allerlei Rückschlägen jetzt aber einen Erfolg: China in Sachen Nordkorea zum Handeln zu bewegen, wäre so einer. Peking hält seit Jahren die schützende Hand über den abgeschotteten Nachbarn und sichert die wirtschaftliche Grundversorgung. Nach UN-Angaben sind es vor allem chinesische Firmen, die das Waffenprogramm des kommunistischen Regimes durch verbotene Dienstleistungen ermöglichen. Allein im Vorjahr hat Nordkoreas Diktator über zwanzig Mal Raketen mit unterschiedlicher Reichweite testen lassen. Internationale Experten sind der Überzeugung, dass die Technologie immer leistungsfähiger wird. Tenor: größere Reichweite, kleinere und präzisere Nuklearsprengköpfe = wachsender Handlungsdruck.

Schon bis 2020, so soll es Barack Obama nach US-Medienberichten seinem Nachfolger wenige Tage nach dessen Wahlsieg in einem Vier-Augen-Gespräch gesagt haben, könnte Kim Jong-Un in der Lage sein, atomare Langstrecken-Raketen über 9000 Kilometer Richtung USA zu schicken. Obama habe Trump aber von reinem Präventiv-Schlag gewarnt: Zu ungenau sei das Wissen der US-Geheimdienste über die Detail-Verhältnisse in Nordkorea. Zu weit verstreut und oft unterirdisch gut gesichert seien die atomaren Sprengköpfe, als dass man sie allesamt unschädlich machen könne.

Risiko Kettenreaktion

Im Gegenzug könne aber eine militärische Antwort Pjöngjangs auch mit konventionellen Waffen dem nahen Südkorea, wo 30.000 US-Soldaten Schutzmachtfunktion ausüben, enorm schaden und eine Kettenreaktion in der Region auslösen, an dessen Ende auch China auf den Plan treten würde.

Um diese Abwärtsspirale zu verhindern, so der Rat Obamas, solle Trump stärker als bisher Peking in die Pflicht zu nehmen. Denn nur China besitze großen Einfluss auf Nordkorea. Aber stimmt das so noch? Im Washingtoner Cato-Institut hat man beobachtet, dass die direkten Kommunikationsdrähte zwischen Peking und Pjöngjang erkaltet sind. "China und Nordkorea reden mehr übereinander, und zwar ungehalten und schlecht."

Darum sei nachvollziehbar, warum China zögert, sich in die Hauptvermittler-Rolle drängen zu lassen. Peking wirbt stattdessen für direkte Verhandlungen zwischen den USA und Nordkorea über den Abbau der atomaren Kapazitäten und – nicht unwesentlich – für ein Ende der US-Unterstützung für Südkorea durch das Raketen-Abwehrsystem Thaad.

Von noch schärferen Wirtschaftssanktionen gegen Pjöngjang hält China wenig. Man fürchtet den Kollaps des insolventen Nachbarn, eine Flüchtlingswelle und – langfristig gedacht – eine unwillkommene amerikanische Dauer-Präsenz, falls Nord- und Südkorea sich vereinigen sollten.

Genug Gründe also für ein kühles Treffen unter Floridas heißer Sonne.