Politik | Ausland
14.05.2017

Kennedys Wiener "Ami-Schlitten"

Der Cadillac, mit dem der legendäre US-Präsident durch Wien fuhr, befindet sich heute noch in Österreich.

Ach, wäre John F. Kennedy doch in diesem Auto durch Dallas gefahren. Auch wenn es nicht durch Stahlplatten und Spezialscheiben gepanzert ist, hätte er das Attentat mit hoher Wahrscheinlichkeit überlebt. Denn erstens hätte die schwere Karosserie die Wucht der Kugeln abgefangen und zweitens hätte der Todesschütze bei einer Limousine nicht so exakt zielen können wie bei einem offenen Wagen.

Nein, John F. Kennedy ist mit diesem Straßenkreuzer nicht durch Dallas/Texas gefahren, sondern durch Wien. Es war der Wagen, der ihm während des Gipfeltreffens mit Kreml-Chef Nikita Chruschtschow im Frühjahr 1961 zur Verfügung stand. Und der Cadillac vom Typ Fleetwood befindet sich heute, 56 Jahre später, immer noch in Österreich. Und er hat natürlich eine Geschichte.

Für JFK eingeflogen

Die 6,20 Meter lange und 2,6 Tonnen schwere, schwarze Staatslimousine mit verlängertem Chassis, elektrisch versenkbarer Trennscheibe zwischen Fahrersitz und hinterer Sitzreihe und einem 309 PS starken Motor war – als Kennedy nach Wien kam – nigelnagelneu. Der Wagen wurde aus der Fabrik in Detroit eigens für den Aufenthalt des Präsidenten eingeflogen und führte ihn und Gattin Jackie nach Schönbrunn, zum Stephansdom, in die Hietzinger US-Residenz und in die Spanische Hofreitschule. Das amtliche Kennzeichen des damals im Besitz der amerikanischen Botschaft befindlichen Autos war W 700.Heute gehört das Fahrzeug dem 76-jährigen pensionierten Gymnasialprofessor Peter Ehrengruber, der mich dieser Tage aus Anlass von Kennedys 100. Geburtstag am 29. Mai zu einer Art Probefahrt mit seinem Prunkstück einlud. Mein erster Eindruck: Nobler geht’s nicht, die Limousine steht da, als wäre sie eben erst zugelassen worden. Der siebenschichtige Nitroschutzlack und die Chromteile glänzen wie am ersten Tag, die schwarze Karosserie zeigt nicht den geringsten Kratzer und abgesehen von den eben eingeflogenen neuen Weißwandreifen ist alles noch Original Made in USA, 1961.

Leder und Tuch

Man fühlt sich beim Betreten des "Caddy" wie ein Präsident, die Türen sind höher geschnitten als in der Standardversion, "damit man auch mit Hut ein und aussteigen kann". Interessanterweise ist die vordere Sitzreihe für Chauffeur und Beifahrer mit Leder tapeziert, während die hintere Bank für das Präsidentenpaar mit hellgrauem Tuch bespannt ist – Stoff galt damals als die elegantere Variante.Der Wagen ist für neun Personen zugelassen – je drei können auf der vorderen und auf der hinteren Bank Platz nehmen, dazwischen gibt’s noch drei Klappsitze für Leibwächter.

"Wie ein Glöckerl"

Ich setze mich natürlich auf den "Kennedy-Sitz" (rechts hinten), Peter Ehrengruber dreht den Startschlüssel um, und der immer noch makellos funktionierende 8-Zylinder-Motor springt sprichwörtlich an "wie ein Glöckerl". Die Reise verläuft ruhig und sanft wie auf Daunen. Herr Ehrengruber fährt gemächlich, da rasen mit einer solchen Limousine – auch wenn der Tachometer bis 200 km/h anzeigt – nicht angesagt ist. Ich muss gestehen: Die kurze Ausfahrt war ein Erlebnis.So prachtvoll der Wagen auch ist, hatte er nach zwei Tagen, als John F. Kennedy am 4. Juni 1961 wieder abreiste, ausgedient. Die amerikanische Regierung beschloss, auf den aufwendigen Rücktransport zu verzichten und das Fahrzeug in Wien zu lassen. So blieb die in geringer Stückzahl erzeugte Sonderanfertigung mit den riesigen Heckflossen sechs Jahre im Besitz der US-Botschaft.Ab 1967 gehörte der "Ami-Schlitten" dann mehreren Privatpersonen, bei denen man das einstige Präsidentenauto mieten konnte. Das war anfangs auch beim heutigen Besitzer möglich: Der in Ebreichsdorf bei Baden lebende Peter Ehrengruber verlieh den Cadillac Fleetwood an Hochzeitsgesellschaften und Oldtimermessen, ist davon aber, "um den Wagen zu schonen", wieder abgekommen.

Kennedy war sein Idol

Herr Ehrengruber erfüllte sich mit dem Kauf des Cadillacs, den er 1989 durch ein Inserat im KURIER entdeckt hat, einen Traum, zumal John F. Kennedy für ihn eine Ikone darstellte. "Ich war 20, als er nach Wien kam, und fasziniert, dass zum ersten Mal ein junger, strahlender Politiker die USA repräsentierte. Sonst gab es damals weltweit nur alte Staatsmänner. Mir imponierte auch sein Satz: ,Frage nicht, was dein Land für dich tun kann, frage lieber, was du für dein Land tun kannst!’" An der Faszination hat sich in all den Jahrzehnten wenig geändert, "auch wenn der Glanz durch ein paar dunkle Punkte in seinem Privatleben ein wenig verblasst ist."In den Wintermonaten steht das Auto ausschließlich in der Garage, "jedes Jahr im Frühling melde ich es an, und dann gehört es zu meinen liebsten Hobbys, mit meiner Familie in dem schönen, alten Cadillac übers Land zu fahren." Wie viele Kilometer das "Schlachtschiff" mit seinen 6,4 Litern Hubraum auf dem Buckel hat, weiß man nicht, da der Kilometerzähler nur fünfstellig ist – und mehr als 100.000 km wurde der Wagen seit seiner Erstzulassung sicher gefahren. Im Schnitt "frisst" er auf 100 Kilometer zwischen 20 und 35 Liter.

Ob Herr Ehrengruber sein Schmuckstück je verkaufen würde, sei "eine Frage des Preises, weil Erhaltung und Pflege viel gekostet haben". Bisher konnte er noch mit keinem Interessenten handelseins werden.