Rauch steigt über dem Shoppingcenter auf.

© Reuters/GORAN TOMASEVIC

Nairobi: Nahezu alle Geiseln befreit
09/23/2013

Nairobi: Nahezu alle Geiseln befreit

Laut Regierung wurde die Mehrzahl der Geiseln befreit - 62 Todesopfer hatte der Terrorüberfall gefordert.

Die kenianischen Sicherheitskräfte haben nach Angaben von Innenminister Joseph Ole Lenku nahezu alle Geiseln aus dem besetzten Einkaufszentrum in Nairobi in Sicherheit gebracht. Lenku teilte am Montag weiter mit, bei der Aktion seien auch zwei der Extremisten getötet worden. Seit Samstag habe es dort 62 Tote gegeben. Das kenianische Rote Kreuz sprach von 69 Todesopfern. Lenku ließ allerdings offen, wann der Einsatz gegen die Geiselnehmer zu Ende gehen werde. Die Sicherheitskräfte gingen sehr vorsichtig vor.

Die Geiselnehmer der somalischen Shabaab-Miliz hatten Montagmorgen noch damit gedroht, die noch in ihrer Gewalt befindlichen Geiseln zu töten. Wie die Gefangenen befreit wurden, ist noch unklar - kenianische Sicherheitskräfte hatten zwar bestätigt, dass ein Angriff gegen die Islamisten im Gange sei, Schüsse und Explosionen aus dem Inneren des Einkaufszentrums waren zu hören.

"Multinationale Geiselnehmer"

Die Geiselnehmer von Nairobi gehören nach den Worten des kenianischen Armeechefs Julius Karangi verschiedenen Nationalitäten an. Karangi sprach am Montag von einem "multinationalen" Kommando, das im Auftrag des "Weltterrorismus" handle. Innenminister Joseph Ole Lenku sagte am Nachmittag, zwei Geiselnehmer seien getötet und "mehrere verletzt" worden. Die Sicherheitskräfte hätten inzwischen die Kontrolle über die meisten Teile des Einkaufszentrums, die Geiselnehmer könnten "nicht mehr entkommen". Entgegen anderslautender Meldungen der vergangenen Tage handelte es sich bei allen Tätern um Männer. Jedoch seien einige als Frauen verkleidet gewesen, um Verwirrung zu stiften.

62 Todesopfer

Mehr als tausend Besucher und Angestellte des Zentrums konnten zwar bereits am Sonntag fliehen oder aus der Anlage geschleust werden, doch mindestens 62 Menschen, darunter einige Kinder, wurden von der Gruppe der Angreifer erschossen.Auf einige von ihnen, so berichteten Augenzeugen, sei gleich ohne zu fragen gefeuert worden. Andere hätten die Terroristen zuvor gefragt, ob sie den Namen der Mutter des Propheten Mohammeds nennen könnten. Für alle, die ihn nicht wussten, war dies ihr Todesurteil.

Unterdessen hat auch ein israelischer Diplomat bestätigt, dass sein Land Kenia im Umgang mit dem Geiseldrama hilft. "Wir sind vor Ort und liefern Unterstützung", sagte der stellvertretende Botschafter Israels in Kenia, Yaki Lopez zu ynet. Israel hat Berichte über eine Beteiligung an dem Einsatz von Elitetruppen zuvor nicht offiziell bestätigt.

„Komm mich holen. . .“

Erschütternde Details der Geiselnahme drangen am Sonntag an die Öffentlichkeit. So berichtete der in Nairobi lebende Naha-shon Mwangi einem lokalen TV-Sender, dass er einen Telefonanruf seines Sohnes erhalten habe, in dem dieser ihn anflehte, ihn aus dem Westgate-Zentrum herauszuholen. „Papa, ich wurde angeschossen. . . Komm und hilf mir, bitte.“

Eine Frau schilderte: „Wir haben einen Freund, dessen Schwiegertochter im vierten Monat schwanger war, und wir wissen, dass sie erschossen wurde.“ Sie habe außerdem einen Cousin, der in dem Einkaufszentrum arbeite. „Als ich mit ihm sprach, sagte er, seine Freunde seien noch drin, und einer von ihnen sei erschossen worden.“

Auch Prominente wie der ghanaische Dichter Kofi Awoonor und ein Neffe von Präsident Uhuru Kenyatta zählen zu den Opfern. Der Politiker Ben Mulwa, der erst im März bei den Präsidentschaftswahlen angetreten war, überlebte hingegen. Eine Kugel raste zentimeternah an seinem Kopf vorbei und schlug in einer Wand ein.

Video

Bilder: Terror in Nairobi

A child runs to safety as armed police hunt gunmen

KENYA SHOPPING MALL SHOOTING

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A wounded man sits in shock at a parking lot of We

An injured policeman holds on to his wound as his

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A wounded woman reacts at Westgate Shopping Centre

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UNO verurteilt Attacke

UN-Generalsekretär Ban Ki Moon brachte sein Entsetzen über die Attacke am Sonntag in einer Live-Ansprache zum Ausdruck, die von den Vereinten Nationen in New York online übertragen wurde. Darin nannte der UN-Chef den Überfall auf ahnungslose Zivilisten "moralisch total verwerflich".

Wenige Stunden zuvor hatte auch der Sicherheitsrat auf die Bluttat in der kenianischen Hauptstadt reagiert. "Terrorismus stellt in jedweder Form und Ausführung eine der größten Gefahren für den internationalen Frieden und die Sicherheit dar", erklärte das höchste UN-Gremium.

Die USA, die EU sowie Großbritannien boten Kenia ihre Hilfe an. Die EU-Außenbeauftragte Catherine Ashton erklärte, sie sei schockiert über die Attacke auf unschuldige Bürger. "Wir wollen das Äußerste tun, um dazu beizutragen, dass solche Angriffe künftig verhindert werden."

Die Solidarität unter den Kenianern war nach dem Anschlag riesig. Nachdem das Rote Kreuz und andere Organisationen dringend zu Blutspenden aufgerufen hatten, bildeten sich vor den eigens eingerichteten Zentren schon in der Früh lange Schlangen. Im Kurznachrichtendienst Twitter kursierten zahllose Solidaritätsbotschaften.

Karte

Anschlag in Peschawar

Auf das Konto radikal-islamischer Selbstmordattentäter ging am Sonntag auch ein verheerender Anschlag auf eine christliche Kirche in der pakistanischen Stadt Peschawar. Mitten während der Sonntagsmesse zündeten die Männer ihre Bomben – und rissen mindestens 78 Menschen mit in den Tod.

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Terror im Namen Gottes

Hass auf die westliche Kultur und Terror gegen Christen und moderate Muslime - seit Jahren kämpfen radikalislamische Fanatiker in mehreren afrikanischen Ländern für eine rein islamische Gesellschaft. Neben der Sekte Boko Haram in Nigeria ist vor allem die somalische Miliz "Bewegung der Mujaheddin-Jugend", kurz "Al-Shabaab" (Die Jugend), berüchtigt.

Die islamistische Gruppe wurde 1998 gegründet und hat Verbindungen zum Terrornetzwerk Al-Kaida. Noch heute beherrscht sie weite Teile Zentral- und Südsomalias. Ihr Ziel ist eine strenge Auslegung des islamischen Rechts und die Errichtung eines Gottesstaates am Horn von Afrika, der sich an einem weltweiten Heiligen Krieg ("Jihad") beteiligen soll.

Brutales Vorgehen

Die Mitglieder der Miliz haben die Freiheiten der Bürger stark eingeschränkt und gehen dabei oft äußerst brutal vor. Männer dürfen nicht "westlich" aussehen und müssen sich Bärte wachsen lassen. Frauen werden gedrängt, ihre traditionell bunten Gewänder gegen einen dunklen Gesichtsschleier zu tauschen. Alles Westliche - wie Kino oder Fußball - wurde verboten.

Jedoch war es Regierungstruppen zusammen mit Soldaten der Afrikanischen Union (Amisom) bereits 2011 gelungen, die Extremisten größtenteils aus der Hauptstadt Mogadischu zu vertreiben. Ein Jahr später verlor die Miliz zudem die Kontrolle über die strategisch wichtige Hafenstadt Kismayo. An den Kämpfen beteiligte sich auch das Nachbarland Kenia mit Tausenden Soldaten.

Jedoch ist die Al-Shabaab-Miliz, die auch den Kurznachrichtendienst Twitter für Mitteilungen und Bekennerschreiben nutzt, nach wie vor sehr mächtig. Erst vor zwei Wochen waren bei einem Doppelanschlag in Mogadischu 15 Menschen getötet worden. Nun hat die Miliz die Verantwortung für den Terrorangriff auf das Einkaufszentrum Westgate in Kenias Hauptstadt Nairobi übernommen.

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