Politik | Ausland
24.10.2017

Kenia: 3,4 Millionen Menschen vom Hunger bedroht

Die humanitäre Lage im Norden von Kenia verschlechtert sich wegen einer Dürre dramatisch. Die politische Instabilität verschärft die Krise. Man hoff auf baldigen Regen.

Die humanitäre Lage im Norden Kenias verschlechtert sich. "Die Zahl der von Hunger Bedrohten steigt rasant", sagt Raphael Thurn-Valsassina von der Caritas, der bis vor kurzem in der Region Marsabit in Nordkenia war, der APA. Die jüngsten Zahlen der UNO vom August sprechen von 3,4 Millionen Kenianern, die von Nahrungsmittelknappheit betroffen sind - das sind eine Million Menschen mehr als im April.

Seit August hat sich die Lage nicht verbessert. "Die gegenwärtige Situation infolge der Dürre ist katastrophal", sagt Wario Guyo Adhe von der kenianischen Nichtregierungsorganisation PACIDA (Pastoralist Community Initiative and Development Assistance), die mit der österreichischen Caritas zusammenarbeitet. "Wir stehen unter großem Druck. Die Bevölkerung hier lebt von ihrem Viehbestand. 70 Prozent des Kleinviehbestands sind aber bereits tot. Und die überlebenden Tiere sind so schwach, dass sie nichts produzieren können", erzählt der kenianische Projektkoordinator.

Wahl-Wiederholung verschärft Krise

"Die politische Instabilität verschärft die Krise", sagt Thurn-Valsassina. Das Chaos rund um die Präsidentschaftswahl, die am 26. Oktober wiederholt wird, mache die Arbeit der Helfer vor Ort noch schwieriger, so der Caritas-Nothilfe-Koordinator. Denn der Staat spiele eine wichtige Rolle in der Koordination der Hilfe. Nun hänge "der Staat in der Luft." Auch die Wirtschaft gerate unter Druck, Investitionen würden aufgeschoben. "Die Bevölkerung wünscht sich Normalität", meint Thurn-Valsassina. Ob diese einkehren werde, sei aber noch völlig offen. Guyo Adhe erwartet eher "chaotische", möglicherweise sogar "anarchische Verhältnisse" für die Zeit nach dem 26. Oktober.

Die internationale Unterstützung sei mangelhaft, beklagt Guyo Adhe. Im Vergleich zur Hungerkatastrophe im Jahr 2011 komme die Hilfe in deutlich geringerem Umfang und nur sehr langsam ins Land. Weil sich Kenia aufgrund seines relativ hohen BIP seit 2015 nicht mehr auf der Liste der am wenigsten entwickelten Länder ("Least Developed Countries") befinde, stünden eher andere Länder im Zentrum der Weltaufmerksamkeit, erklärt Thurn-Valsassina. Aber diese Liste berücksichtige nicht die" extremen sozialen und regionalen Ungleichheiten innerhalb Kenias", so der Caritas-Helfer. Wachstum und Entwicklung passiere im Zentrum des Landes, nicht in jener dünn besiedelten Hirten-Region im Norden, die schon in der Kolonialzeit ein Schattendasein geführt hätte - und von der Zentralregierung weiterhin vernachlässigt werde, wie Guyo Adhe hinzufügt.

Hoffnung auf Regen

Anlass zur Hoffnung geben meteorologische Prognosen, die Regen für Ende des Monats vorhersagen. Sollten die Prognosen stimmen, könnten die von der Dürre geplagten Regionen "ab Jänner oder Februar aus dem Schlimmsten heraus sein", schätzt Thurn-Valsassina. Es werde aber sehr lange dauern, bis die Folgen der Dürre überwunden sein werden. Kamele etwa, erklärt Guyo Adhe, würden selbst bei guten Bedingungen mehr als ein Jahr brauchen, bis sie wieder Milch geben können.

Für die Zukunft ist Thurn-Valsassina pessimistisch. "Die Hinweise verdichten sich, dass der Klimawandel die Intervalle zwischen den Dürreperioden substanziell verkürzt." Eine wirkliche Erholung zwischen den Dürreperioden sei dann kaum mehr möglich. "Wenn die Prognosen einiger Klimaforscher stimmen, dann ist ein Nomade mit seinem minimalen ökologischen Fußabdruck am frühesten und stärksten vom Klimawandel betroffen." Das sei eine Ungerechtigkeit sondergleichen, meint der Caritas-Helfer. Die Zeit spiele gegen die Nomaden, ihr Lebensstil gerate unter Druck. Sie müssten sich Lösungen für die Zukunft überlegen und neue Berufszweige entwickeln. Als Kollektiv befänden sie sich aber laut Thurn-Valsassina in einem "Schockzustand".

Am Donnerstag steht an sich die Wiederholung der Präsidentschaftswahl an. Ob sie ordnungsgemäß ablaufen wird, ist indes unsicher. An sich war Kenias bisheriger Staatschef Uhuru Kenyatta am 8. August als Sieger aus der Wahl hervorgegangen, womit er seine zweite Amtszeit antreten hätte können. Er feiert am Wahltag seinen 56. Geburtstag und ist der älteste Sohn Jomo Kenyattas, des ersten Präsidenten Kenias. Sein Herausforderer Raila Odinga focht die Wahl aber vor Gericht an. Das Oberste Gericht annullierte diese überraschend und nannte schwerwiegende Fehler der Wahlkommission als Grund. Allerdings zog sich Odinga von der geplanten Neuwahl zurück, weil die Wahlkommission aus seiner Sicht nicht genug Veränderungen eingeleitet hat.