Politik | Ausland
22.10.2017

Katalonien: Ein Riss, der nicht mehr zugeht

Madrid leitet Ende der Regierung in Barcelona und Wahlen ein. Die Angst vor Eskalation wächst.

Suzanne heiratete in den 1980er-Jahren einen katalanischen Arzt, sie haben zwei erwachsene Kinder und eine große Verwandtschaft in und um Barcelona. Suzanne spricht ungern über die Unabhängigkeitsbestrebungen in ihrer Familie.

"Plötzlich ist alles ganz anders", sagt sie nach langer Nachdenkpause, "einige Verwandte kommen nicht mehr zusammen, weil sie unnötigen Streit vermeiden wollen. Andere haben sich fix vorgenommen, nicht über diese Angelegenheit zu sprechen." Ehe-mann Josep hört während des gesamten Gesprächs zu, ohne einzugreifen. "Ich kenne Fälle," schließt Suzanne das – wie sie mehrmals betont – für sie schmerzliche Thema ab, "wo der Streit sogar langjährige Freundschaften entzweit hat."

Wut auf die Banken

In diesem Konflikt werde die Zukunft ihres Landes entschie-den, ist sich Roser sicher. Die Angestellte um die 40 steht vor einem Bankomaten an. Damit beteiligt sie sich an einer Protestaktion, die vor allem zwei Banken treffen soll: CaixaBank und Banco Sabadell, zwei urkatalanische Finanzinstitute, die sich den Zorn der Separatisten zugezogen haben. Aufgrund der "unsicheren Rechtslage", ließen ihre Vorstände kürzlich wissen, werde man die Firmensitze in benachbarte Regionen verlegen, wo keine Unabhängigkeitserklärung den Ausschluss aus EU und EWR befürchten lässt.

In der Separatisten-Szene gilt als sicher, dass der lange Arm der Zentralregierung den "unsolidarischen" Schritt der Banken erzwungen hat und inzwischen mehr als 1000 abzugswillige Unternehmen zu ähnlichen Erklärungen veranlasste.

Auch österreichische Betriebe sind betroffen, erzählt der Wirtschaftsdelegierte in Barcelona. "Viele bereiten für den Fall der Trennung von Spanien einen Abzug aus Katalonien vor", sagt Andreas Schmid. Gestandene Geschäfts-leute mit jahrelanger Erfah-rung seien durch die Geschwin-digkeit überrascht worden, mit der die Ereignisse eskalierten.

Die Separatistin Roser nennt den spanischen Verfassungsparagraphen 155 den letz-ten Einschüchterungsversuch durch Regierungschef Mariano Rajoy. Sie will ihr Scherflein zum nationalistischen Protest beizutragen und 155 Euro abheben – was aber nicht ohne Schwierigkeiten abgeht, da der Bankomat diese Summe nicht ausgibt. Es werden 160.

"Die 155 Euro stehen für den Paragraphen, den Rajoy Samstagvormittag in Kraft setzte", sagt Roser, "um unsere Regionalregierung abzusetzen und, wer weiß, vielleicht auch Präsident Puigdemont verhaften zu können." Zwei prominente Separatisten sitzen seit Montag in U-Haft. Die "beiden Jordis", wie die mächtigen Chefs zweier Bürgerorganisationen genannt werden, die des Aufruhrs und Widerstands gegen die Staatsgewalt angeklagt wurden. Dass Regionalpräsident Puigdemont den beiden in die Haftanstalt Soto del Real folgen könnte, ist nicht völlig auszuschließen.

EU-Rückhalt für Rajoy

Mariano Rajoy, der "Zauderer", der durch Inaktivität die Beziehungskrise zu Katalonien eskalieren ließ, scheint beim Brüsseler Gipfel aus dem Kreis der EU-Kollegen genügend Rückhalt erhalten zu haben, um jetzt auch mit Zwangsmaßnahmen gegen Puigdemont sein Kabinett vorzugehen.

"Eine einseitige Unabhängigkeitserklärung im katalanischen Parlament, die schon vorbereitet wird, wäre für Rajoy das Signal zum Eingreifen", sagt einer seiner Mitarbeiter. Damit wäre klargestellt, dass Puigdemont nicht, wie Rajoy das mehrfach von ihm forderte, "zur Legalität zurückkehren" werde. Puigdemont bezeichnete die Maßnahmen der Madrider Regierung am Samstagabend in einer TV-Rede als "Putsch" und die "schlimmste Attacke" gegen Katalonien seit der Franco-Diktatur (1939–75). Man werde "weiter kämpfen".Der 54-jährige frühere Journalist als Befreiungsheld? Vielen Teilnehmern an der Kundgebung, die zuvor zu den letzten Sonnenstrahlen durch Barcelona gezogen war, gilt Carles Puigdemont als potenzieller Märtyrer des Befreiungskampfes.

Dass ihr Traum von der freien Republik Katalonien an der Entschlossenheit Rajoys und der strikten Ablehnung der EU-Regierungschefs scheitern könnte, wollen sie an diesem Abend nicht wahrhaben.