Politik | Ausland
18.06.2017

Juncker: Erster europäischer Staatsakt für Kohl

Der EU-Kommissionspräsident plant ein Gedenken an den großen Europapolitiker Helmut Kohl im EU-Parlament. Es wäre der erste EU-Staatsakt überhaupt.

Der verstorbene deutsche Altkanzler Helmut Kohl (CDU) soll nach dem Willen von EU-Kommissionspräsident Jean-Claude Juncker mit bisher nie dagewesenen Ehren verabschiedet werden: Juncker sprach sich dafür aus, Kohl als ersten Politiker überhaupt mit einem europäischen Staatsakt zu würdigen. Die Zermonie könnte innerhalb der nächsten beiden Wochen im Europaparlament in Straßburg stattfinden.

"Schon zu Lebzeiten wurde Helmut Kohl mit der Ehrenbürgerschaft Europas ausgezeichnet, um seine außerordentlichen Verdienste zu würdigen", sagte Juncker, der schon am Freitag in der EU-Hauptstadt Brüssel die Flaggen auf halbmast hatte setzen lassen, der Bild am Sonntag. "Deshalb gebührt Helmut Kohl nun auch ein europäischer Staatsakt, für den ich mich persönlich einsetzen werde." Kohl gilt als Architekt der deutschen Einheit sowie des Zusammenwachsens Europas. "Ohne Helmut Kohl gäbe es den Euro nicht", sagte Juncker.

Die EU-Kommission steht nach Angaben einer Sprecherin im Kontakt mit Kohls Familie und den deutschen Behörden, um einen europäischen Staatsakt zu organisieren. Ein Datum stehe aber noch nicht fest. Dem Vernehmen nach könnte die Zeremonie zu Ehren des am Freitag im Alter von 87 Jahren verstorbenen Politikers innerhalb der nächsten beiden Wochen zum Beispiel im Europaparlament im französischen Straßburg stattfinden.

Totenmesse in Speyer

Geplant ist der Bild am Sonntag zufolge zudem eine öffentliche Totenmesse im Dom zu Speyer. Nach dem europäischen Staatsakt in Straßburg solle Kohls Sarg mit dem Schiff über den Rhein ins rheinland-pfälzische Speyer gebracht werden. Nach der Totenmesse werde der engste Familien- und Freundeskreis in der Traukapelle im Adenauerpark Abschied nehmen, berichtete das Blatt.

Wann auch in Deutschland ein Staatsakt zu Ehren des CDU-Politikers stattfindet, war zunächst nicht bekannt. Darüber entscheidet das deutsche Bundespräsidialamt. Kohls Tod rief auch am Wochenende weiterhin große Anteilnahme hervor. Papst Franziskus würdigte den Altkanzler als "großen Staatsmann und überzeugten Europäer".

Kohl habe sich "um die Wiedererlangung der Einheit unseres Vaterlandes und die Europäische Einigung wie kaum ein anderer verdient gemacht", schrieb Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) am Sonntag in ein im Kanzleramt ausgelegtes Kondolenzbuch. "Wir Deutschen verdanken ihm viel."

Nationalmannschaft mit Trauerflor

Zu Ehren Kohls läuft die deutsche Fußballnationalmannschaft bei ihrem Auftaktspiel beim Confed Cup am Montag im russischen Sotschi mit Trauerflor auf. Einem entsprechenden Antrag des Deutschen Fußball-Bundes gab der Weltverband FIFA statt, wie der Sportinformationsdienst (sid) berichtete.

Die Berliner CDU-Vorsitzende Monika Grütters sprach sich im Tagesspiegel dafür aus, eine Stiftung im Gedenken an Kohl einzurichten. Grütters kann sich auch vorstellen, dass in Berlin eine Straße oder ein Platz nach dem Ex-Kanzler benannt wird.

"Mit seinen besonderen Verdiensten um Europa und um die Einheit der Deutschen hat Helmut Kohl es verdient, dass in Berlin und anderen Städten auch Straßen und Plätze nach ihm benannt werden", sagte auch der frühere SPD-Vorsitzende Rudolf Scharping in der Welt am Sonntag. Thüringens SPD-Wirtschaftsminister Wolfgang Tiefensee sagte der Zeitung: "Besonders gut wäre es, wenn bei der Benennung nach Helmut Kohl die Straße oder der Platz einen Bezug zu Europa oder zur deutschen Einheit hätte."

Weltweite Würdigungen

Politiker aus dem In- und Ausland ehrten Kohl als großen Staatsmann und würdigten seine Verdienste um die Deutsche Einheit und Europa. Nach UNO-Generalsekretär Antonio Guterres, Kreml-Chef Wladimir Putin und dem französischen Präsidenten Emmanuel Macron kondolierte in der Nacht auf Samstag auch US-Präsident Donald Trump. "Sein Vermächtnis wird weiterleben", betonte Trump, der das Ableben Kohls zuvor einer Rede mit einer Silbe erwähnt hatte.

In Österreich zollten ebenfalls Politiker aller Parteien dem Verstorbenen Respekt und erinnerten an seinen Einsatz für den EU-Beitritt Österreichs. "Helmut Kohl hat im wahrsten Sinne des Wortes Geschichte geschrieben. Europa trägt seine Handschrift", schrieb Bundeskanzler Christian Kern (SPÖ). Der CDU-Politiker hatte nach der friedlichen Revolution in der DDR 1989 mit den Staats- und Regierungschefs Russlands, der USA, Großbritanniens und Frankreichs die Bedingungen für die Deutsche Einheit ausgehandelt. Er gilt als Kanzler der Einheit und Wegbereiter der Europäischen Union.

Die deutsche Kanzlerin Angela Merkel hatte Kohl am Freitag als "großen Europäer" und als "Glücksfall für uns Deutsche" bezeichnet. Die Nachricht von Kohls Tod erreichte die Regierungschefin während eines Besuches in Rom. Dort traf sie am Samstag Papst Franziskus. Nach einer Privataudienz im Vatikan sagte Merkel, der Papst habe seine Anteilnahme ausgedrückt und Kohl als "großen Staatsmann" gewürdigt.